Wirtschaftswunderjahr

Munderkinger berichten aus Nachkriegszeit

Munderkingen / Lesedauer: 3 min

Zahlreiche Besucher wollen in der VHS die Geschichten der Zeitzeugen hören
Veröffentlicht:29.02.2016, 19:45
Aktualisiert:23.10.2019, 18:00

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Um „Munderkingen nach dem Zweiten Weltkrieg und in den Wirtschaftswunderjahren“ drehte sich eine Veranstaltung der Volkshochschule Munderkingen (VHS) am frühen Sonntagabend. Die beiden Leiter Simone Bertsche und Erich Pöschl hatten dazu „fünf Munderkinger Zeitzeugen“ eingeladen.

„Wir wollen nicht die große Politik dieser Zeit beleuchten, sondern Alltagsgeschichten hören und erfahren, wie Munderkinger diese Zeit erlebt haben.“ Auf dem „Podium“ saßen die beiden Ratskeller-Wirtinnen Paula und Edelgard „Ela“ Braig sowie die einstigen Munderkinger Handwerker Uhrmacher Benno Stöhr, Schreiner Josef Veser und Friseur Walter Stöhr. Mehr als 80 Zuhörer waren in die VHS-Räume am Alten Schulhof gekommen. Rund 50 weitere interessierte Munderkinger mussten Simone Bertsche und Erich Pöschl aus Platzgründen abweisen. „Die Veranstaltung wird auf jeden Fall in den kommenden Wochen wiederholt“, betonte Bürgermeister Michael Lohner, der auch keinen der begehrten Plätze ergattern konnte.

„Zeitzeugen machen Geschichte lebendig“, sagte Erich Pöschl, der den Abend moderierte. Zunächst erzählten Walter Stöhr und Paula Braig wie sie das Kriegsende erlebt haben. Stöhr war damals Soldat. „Die Wehrmacht hatte sich in den letzten Kriegstagen quasi aufgelöst, die Offiziere waren verschwunden“, sagte er. Beim Versuch, sich nach Munderkingen durchzuschlagen, wurde er von US-Soldaten festgenommen. „Wir bekamen so wenig zu essen, dass ich erst nach 16 Tagen auf den Donnerbalken musste“, erinnerte sich Stöhr. Über mehrere Stationen kam er schließlich nach Oberdischingen und später nach Munderkingen.

Paula Braig war im Kriegshilfsdienst in Berlin. Dort wurde sie zum Kriegsende entlassen und kam nach einer siebentägigen Odyssee zurück nach Munderkingen. „Zu meiner Begrüßung wurde ein Hase geschlachtet und Spätzle gemacht“, sagte sie am Sonntag. „Wir mussten im Wald Buchele sammeln, aus denen Öl gepresst wurde“, erinnerte sich Benno Stöhr an die Zeit der Währungsreform 1948. Das Geld sei nichts mehr Wert gewesen, es habe stattdessen Bezugsscheine und Eierkarten gegeben und in Ulm habe der Schwarzmarkt geblüht.

„Lebensmittel waren nach der Währungsreform zwar nicht sofort vorhanden, aber die Versorgung wurde langsam besser“, sagte Josef Veser. „Gewerbe und Vereine in Munderkingen begannen langsam wieder zu leben.“ Auf die Frage, was sie mit der ersten D-Mark gekauft habe, antwortete „Ela“ Braig: „Natürlich Lebensmittel, die bis dahin knapp waren“.

Die Bevölkerungszahl von Munderkingen sei, zunächst durch Flüchtlinge, später durch Gastarbeiter, innerhalb von 20 Jahren von 2000 auf 5000 angestiegen, sagte Erich Pöschl. „Keine Stadt im Kreis hat soviele Flüchtlinge aufgenommen wie Munderkingen“, betonte Paula Braig. Von denen hätten die Munderkinger gelernt, auch mal zu feiern oder in den Urlaub zu fahren, „statt immer bloß schaffa“, so Braig. Im südlichen Stadtgebiet hätten sich Menschen aus Bessarabien angesiedelt und schnell sei das Gebiet „Kongo“ getauft worden. „Ein Name, der heute noch zu hören ist“, sagte Pöschl.

„Walba“ hieß ein Motorroller, der in Munderkingen gebaut und zum Symbol des Wirtschaftswunders wurde. Weil es noch kaum TV-Geräte gab, wurde das „Kino in der Post“ gerne besucht. Dort liefen Filme wie „Schwarzwaldmädel“ oder „Geier-Wally“. Schnell habe sich das Stadtbild Munderkingens verändert, erinnerte sich Paula Braig. „Da haben viele neue Geschäfte aufgemacht“. „Und in die Häuser wurden die ersten Bäder eingebaut“, ergänzte Josef Veser. Die Leute konnten sich wieder was leisten, die ärztliche Versorgung wurde besser und das Vertrauen in den Staat kam langsam wieder, nannten die Munderkinger Zeitzeugen als positive Entwicklungen der Wirtschaftswunderjahre.