Waisenhaus

Ein Leben in Armut, Angst und Elend

Munderkingen / Lesedauer: 4 min

Die Uganda-Initiative Bukoto-Schwaben hat eine vom Schicksal hart getroffene Familie besonders im Blick
Veröffentlicht:29.11.2022, 12:37

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Die Hilfe kommt nicht nur an, sie ist auch immens wichtig: Das war mit die wertvollste Erkenntnis, die der Vorsitzende der Uganda-Initiative Bukoto-Schwaben, Ottmar Roth, während seiner mehrwöchigen Reise in den zentralafrikanischen Staat gewann. Das Schicksal einer fünfköpfigen Familie ist ihm dabei so nahe gegangen, dass deren Kinder nun indirekt von einem Teil der erhofften Spenden aus der SZ-Weihnachtsaktion „Helfen bringt Freude“ profitieren sollen. Aber auch ein wichtiges Projekt soll von dem Geld mitfinanziert werden.

„Ein Leben in Armut, Angst und Elend – Nabweteme Annett, Mutter von drei Mädchen und einem Jungen“: Mit diesen Worten leitete Anthony Ssesanga , Vorsitzender der Regionalgruppe von Catholic Workers Movement (CWM), der Partnerorganisation der Munderkinger Uganda-Initiative, in einem Brief seine bewegende Schilderung des Schicksals der wohl ärmsten unter den vielen bitterarmen Familien im Dorf Kyamulibwa in der Gemeinde Bukoto ein. Die schwer kranke Frau und ihre vier Kinder wohnen in einem sehr kleinen alten Haus, welches ihnen von einem Arzt zur Verfügung gestellt wurde.

Anthony schreibt: „Annett ist HIV positiv, leidet an Gliederschmerzen, partieller Lähmung in den Beinen, hat Hirnschäden und Krebs. Sie kann sich nur schwer fortbewegen und ist gezwungen, auf den Knien oder sitzend die Feldarbeit zu tätigen. Fausta (14), Josephine (8) und Joseph (4) haben im Dezember 2018 ihren Vater verloren, er starb an HIV/AIDS. Nach dem Tod des Vaters lebte die Familie in extremer Armut und Angst. Mit größter Mühe versucht Annett sich alleine um die vier Kinder zu kümmern. Sie berichtet von Unsicherheit und Kraftlosigkeit. 2020 wurde Annett von einem Unbekannten vergewaltigt.“ Sie wurde schwanger und brachte die jüngste Tochter Stella zur Welt.

„Die älteste Tochter Fausta ist jetzt 14 Jahre alt und kümmert sich hauptsächlich um die Familie“, berichtet Anthony weiter. Josephine, die zweite Tochter, wurde 2021 in das Waisenhaus der Uganda-Initiative Bukoto-Schwaben aufgenommen. Seitdem unterstützt das Waisenhaus auch weiter ihre Familie und versorgt sie oft mit Essen. „Denn den Hunger würden die Kinder und die Mutter sonst nicht überstehen“, ist sich Anthony Ssesanga sicher.

Plötzlich wird die Mutter zur Gefahr für die Kinder

Vor wenigen Wochen erkrankte die Mutter an Malaria und wurde im Krankenhaus behandelt. Nachdem sie sich davon erholt hatte und wieder nach Hause ging, verschlimmerten sich jedoch ihr psychischer Zustand derart, dass sie verwirrt herumlief, ihre Kinder nicht mehr erkannte, sie beleidigte und mit Steinen bewarf. „Seither kann sie sich nicht mehr um die Kinder kümmern und gefährdet sie in diesem Zustand maßgeblich“, schreibt Anthony.

Am 28. Oktober schließlich beauftragte Ottmar Roth, Vorsitzender der Uganda-Initiative, die Partner in Bukoto in das Waisenhaus zu holen und die Mutter in das Krankenhaus zu bringen. „Wir mussten uns beeilen, denn ein Nachbar rief uns am nächsten Tag an und betonte, dass die Situation für die Kinder gefährlich werde“, schrieb Anthony. Zusammen mit Waisenmutter Molly und Schulrektor Anatoli fuhr er zur Familie. Was sie dort sahen, war schrecklich. Die Mutter ließ ihre Wut an den Kindern aus, schlug sie mit einem Stock und schrie, dass sie die Kleinen und auch sich selbst töten wolle, um der Armut zu entkommen. Die Kinder rannten von Zuhause weg und versteckten sich in einem Garten. „Nach kurzer Suche fanden wir sie und nahmen sie mit ins Waisenhaus. Ihre Mutter brachten wir ins Krankenhaus“, berichtet Anthony Ssesanga.

Da das Waisenhaus eigentlich voll belegt ist, reifte der Plan, ein leerstehendes Nachbarhaus zu mieten und einen großen Raum in ein Schlafzimmer umzubauen. Da das Haus aber schon verkauft war, entschlossen sich die Verantwortlichen vor Ort kurzerhand, einen Anbau an das Waisenhaus zu errichten. Mit dem Geld aus den SZ-Weihnachtsspenden soll ein Teil der Baukosten gedeckt werden, zudem sind die Ausgaben für die Verpflegung aller Waisenkinder um 590 Euro pro Monat. Auch hierfür ist jede finanzielle Unterstützung willkommen.

Ein landwirtschaftliches Projekt soll den Ärmsten helfen

Wenn möglich, sollen die Spenden der SZ-Leser auch dazu beitragen, ein landwirtschaftliches Nachhaltigkeitsprojekt zu verwirklichen, von dem die Ärmsten im Dorf profitieren sollen. Dabei werden Pflanzen und Tiere gekauft und an die Bauern im Ort verteilt, die 25 Prozent der Erträge daraus an das Waisenhaus abgeben müssen. „Unser Ziel ist es, dass sich das Waisenhaus mit Hilfe des Projekts selbst versorgen kann“, erklärt Ottmar Roth. Leider klappe es nicht mit einem erhofften Zuschuss aus einer Stiftung des Landes Baden-Württemberg. „Die Enttäuschung ist natürlich groß“, sagt Roth. „Aber wir wollen nun versuchen, das Projekt in einem etwas kleineren Rahmen zu verwirklichen und hoffen, dass uns die Weihnachtsspendenaktion dabei helfen kann.“

Und vielleicht fallen ja auch noch ein paar Euro ab für den Höhepunkt des Jahres im Dorf: das große Weihnachtsessen für die besonders bedürftigen Familien. „Vor allem die Kinder können es kaum erwarten“, weiß Ottmar Roth.