StartseiteRegionalRegion Ulm/Alb-DonauMünsingenMit Video: Dieser Panzer ist für den Naturschutz im Einsatz

Klingt seltsam, stimmt aber

Mit Video: Dieser Panzer ist für den Naturschutz im Einsatz

Laichinger Alb / Lesedauer: 5 min

Was es mit dem Projekt auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz im Biosphärengebiet Schwäbische Alb auf sich hat und wie bedrohte Tiere und Pflanzen davon profitieren.
Veröffentlicht:30.11.2023, 17:00

Artikel teilen:

Aktuell liegt das Herz des Biosphärengebiets Schwäbische Alb auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz bei Münsingen unter einer dichten Schneedecke. Bei frostigen Minusgraden erschließt sich dem Wanderer eine Winterlandschaft, die kein Postkartenmotiv treffender darstellen könnte. Doch zwischen blauem Himmel, weißem Schnee und grünen Tannen dringt ein lautes Röhren von einer schweren Maschine ans Ohr.

Mit einem „Wisent“ Bergepanzer ist die Bundeswehr auf die Schwäbische Alb zurückgekehrt. Doch diesmal dreht das 40 Tonnen schweren Gerät hauptsächlich im Auftrag des Naturschutzes seine Runden. Die Bundeswehr unterstützt damit den Forst bei der Erhaltung von Kleingewässern, die vielen bedrohten Tier und Pflanzenarten ein Zuhause geben und ohne Pflege zu verlanden drohen.

Als die Bundeswehr den Truppenübungsplatz in Münsingen noch aktiv bewirtschaftete, sorgte das Fahrtraining mit gepanzerten Fahrzeugen und Panzern dafür, dass sich überall auf dem rund 67 Quadratkilometer großen Areal kleine Tümpel bildeten. Durch die Verdichtung des Bodens sammelte sich in den Vertiefungen der Panzerspuren Regenwasser.

Je nach Größe und Tiefe entwickelten sich dauerhafte Kleingewässer oder solche, die während langen niederschlagsfreien Perioden im Sommer trocken fallen. Spätestens nachdem die Bundeswehr den Truppenübungsplatz im Jahr 2005 den Betrieb einstellte, wurden die kleinen Tümpel optimale Biotope für selten Tier- und Pflanzenarten, wie beispielsweise die Kreuzkröte, das Alpen-Laichkraut oder die Torf-Mosaikjungfer (eine Libellenart). Neben den Laichgewässern bietet der in weiten Bereichen naturbelassene Truppenübungsplatz zudem ungestörte Rückzugsorte für die Tiere.

Der Panzer im Einsatz für den Naturschutz. In den Furchen finden seltene Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum.
Der Panzer im Einsatz für den Naturschutz. In den Furchen finden seltene Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum. (Foto: David Drenovak)

Rund 120 Tümpel sind noch übrig

Zugegeben, Uneingeweihte dürften sich verdutzt die Augen reiben, wenn der 830-PS-starke Metallhügel entlang des Waldrandes durch die Wiesen pflügt und man dann von Naturschutz spricht. Doch schon früher nutzten Schutzverbände und Forst ein kleines gepanzertes Truppentransportfahrzeug, um die Gewässer so zu pflegen. Doch auf Dauer kam dieses in dem schwierigen Gelände nicht mehr zurecht.

Waren es im Jahr 2005 noch rund 150 kleine Gewässer sank die Zahl bis heute auf rund 120. Während manche ausgetrocknet oder verlandet sind, wurden andere sehr tief. Und so muss selbst der Wisent manchen Tümpel aus Sicherheitsgründen auslassen.

Das Areal ist 67 Quadratkilometer groß.
Das Areal ist 67 Quadratkilometer groß. (Foto: David Drenovak)

„Gerade jetzt im Winter ist genau die richtige Zeit, um die Biotope auf Vordermann zu bringen“, erklärt Lydia Nittel, Leiterin im Funktionsbereich Naturschutz des Bundesforstbetriebs Heuberg. Denn die Pflanzen sind in einem Zustand niedrige Aktivität, der sogenannten Knospenruhe und die Amphibien befinden sich in ihren Winterquartieren in Winterstarre. Ab dem kommenden Jahr soll durch die Münsinger Ortsgruppe des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) ein Monitoring der bedrohten Arten erfolgen, welches die Populationsentwicklung und Verbreitung der Arten in den Tümpeln festhält.

Diesen Blick hat man als Beifahrer aus dem Panzer.
Diesen Blick hat man als Beifahrer aus dem Panzer. (Foto: David Drenovak)

„Das wirkt jetzt vielleicht zerstörerisch, aber schon im Frühjahr sieht man kaum mehr etwas davon. Das Mosaik an kleinen Wasserflächen sorgt generell für eine große Vielfalt in Fauna und Flora, nicht nur bei den bedrohten Arten“, so Lydia Nittel. Viele Wildtiere nutzen die Gewässer gerade in heißen, trockenen Sommern als lebensnotwendige Tränke. Für andere, wie beispielsweise Fledermäuse sind sie Orte, an denen sie Nahrung finden.

Naturschutz und Fahrschule

Neben dem Nutzen für den Naturschutz hat die Panzerbefahrung für die Bundeswehr ebenfalls einen gang praktischen Nutzen. Die Runden auf dem schwierigen Gelände werden für die Fahrausbildung auf dem Wisent genutzt. Denn für das Panzerteam ist die Steuerung des 40 Tonnen schweren Wisent in Schnee und auf weichem, sich stark verändernden Untergrund eine Herausforderung, die sie zwar mit Bravour meistern, die im alltäglichen Betrieb jedoch nicht oft auf der Tagesordnung steht.

Entsprechend interessiert zeigte sich auch Oberstleutnant Kevin Freudenberger, Kommandeur des Artilleriebataillons 295 in Stetten am Kalten Markt, an einer dauerhaften Partnerschaft bei der Pflege des ehemaligen Truppenübungsplatzes: „Wir freuen uns sehr, hier einen aktiven Teil im Schutz bedrohter Tiere und Pflanzen zu leisten. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir im kommenden Jahr wieder kommen.“

Gefahr durch Munitionsbelastung

Unterstützung erhalten die Soldaten von Berni Diether. Der Stabsfeldwebel a.D. kennt sich hervorragend im Gelände aus und führt das Panzerteam sicher zu den zahlreichen Pflegeflächen, welche von Lydia Nittel vorab geplant und mit der Unteren Naturschutzbehörde des Landratsamts Reutlingen abgestimmt sind. Darin sind einzelne Tümpel genauso vermerkt, wie kleine Ketten. Die Pflegeflächen, insgesamt 21 an der Zahl, sind auf dem ganzen ehemaligen Truppenübungsplatz verteilt.

Berni Diether achtet darauf, dass bei der Anfahrt die kürzeste und sicherste Strecke genommen wird. Denn ganz ungefährlich sind die Fahrten nicht. Er leitet die Besatzung gekonnt an den Flächen vorbei, die am stärksten mit Kampfmitteln belastet sind. Die Relikte aus der aktiven Zeit des Truppenübungsplatzes sind der Grund dafür, warum ein gepanzertes Fahrzeug zum Einsatz kommen muss und nicht etwa ein schwerer Bagger zur Pflege der Kleingewässer genutzt werden kann.

In den Furchen finden seltene Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum.<br> (
In den Furchen finden seltene Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum.
(
(Foto: David Drenovak)

Marco Reeck, seit Anfang des Jahres Leitender Forstdirektor für den Heuberg und seit 1992 beim Bundesforst, freute sich besonders dass die Kooperation zwischen Militär, Behörden und Naturschützern so schnell und unbürokratisch geklappt hat. Reeck, der unter anderem als Referent für Naturschutz in der Forstinspektion Nord tätig war, ist ebenfalls sehr zuversichtlich, dass die Bundeswehr nicht zum letzten Mal zum Einsatz gekommen ist.

„Natur und Militär sind eine sehr gute Verbindung. In vielen Bereichen spielt das Militär eine wichtige Rolle. Auf aktiven und inaktiven Truppenübungsplätzen entstehen immer Landschaften die sehr wichtig für bedrohte Tier und Pflanzenarten sind. Zudem pflegen wir hier alte Traditionen und eine neue tolle Partnerschaft.“