Unterbringung

Kriegs-Flüchtende berichtet, wie schwer der Neustart in Deutschland ist

Laichingen / Lesedauer: 6 min

Die Situation in der Ukraine ist für Khanni Shmid unvorstellbar und schrecklich. Sie hat Zuflucht bei ihrer Schwester in Laichingen gefunden. Doch sie vermisst die Heimat - und bangt um ihre Familie.
Veröffentlicht:30.03.2022, 17:00
Aktualisiert:31.03.2022, 10:37

Von:
Artikel teilen:

In fast jedem Gemeinderat wurde der Ukraine-Krieg und die Unterbringung geflüchteter Menschen, die bei uns Schutz und Sicherheit suchen, angesprochen: In Merklingen gibt es mittlerweile sechs neue Bürger und Kinder aus der Ukraine , in Nellingen werden es vier und in Laichingen gibt es ebenfalls schon einige. Auf den Homepages der Gemeinden sowie in den Amtsblättern finden sich überall Aufrufe für Sachspenden und Wohnungsgesuche.

Aber wie ist es, wenn man sein Heimatland und alles an Hab und Gut zurücklassen muss und in einem völlig fremden Land Schutz sucht und sich einleben muss? Natalia Pilts hat ihre Schwester Khanni Shmid und ihre zwei Kinder, sowie zwei Nichten zu sich nach Deutschland geholt und erzählt von den vergangenen Wochen.

Flucht nach Deutschland einen Tag nach Kriegsbeginn

Noch spricht Khanni Shmid, die innerhalb ihrer Familie Ivanka genannt wird, kein Deutsch, aber ihre Schwester Natalia Pilts, die bereits seit fünf Jahren in Laichingen lebt. Und sie erzählt ihre persönlichen Eindrücke der vergangenen Wochen, von ihrer großen Familie und der Flucht ihrer Schwester.

Noch bis vor etwa fünf Wochen lebte die 30-jährige Khanni Shmid ein ganz normales Leben. Mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern hatte sie ein Haus, ihr Mann arbeitete als LKW-Fahrer und sie war daheim bei den Kindern oder empfing ab und an Kunden zum Haareschneiden. Im Garten hatten sie Kartoffeln, Salat und anderes Gemüse angepflanzt. Die Kinder gingen in die Schule oder den Kindergarten. Es war ein friedliches und gutes Leben. Dann kam der Krieg.

Hilfsaktion

Schwäbische bringt zusammen: Hier finden Sie Hilfsaktionen an Ihrem Ort - und tragen eigene Projekte ein

qFriedrichshafen

„Am ersten Tag, dem 24. Februar, als der Krieg in der Ukraine ausbrach, waren alle schockiert und panisch. Meine Schwester ist zunächst in die Berge geflüchtet, wo wir aufgewachsen sind. Aber die Angriffe wurden immer schlimmer und schon am nächsten Tag entschied sie sich, nach Deutschland zu flüchten“, erzählt Natalia Pilts.

Niemand rechnete mit einem Krieg

Dass in der Ukraine wirklich ein Krieg ausbricht, damit habe niemand gerechnet, auch wenn der russisch-ukrainische Krieg schon 2014 mit der Krim-Krise im Februar und dem Krieg in Donbass im April ihren Anfang nahm.

Von den Bergen aus ging für Ivanka und ihre zwei Kinder, die fünfjährige Emelie und die dreijährige Amalia, sowie die beiden Nichten Violetta und Rostyslava mit dem Auto auf eine lange Reise an die ungarische Grenze, wo sie zwölf Stunden warten mussten. „Zuerst durften behinderte Menschen und Senioren, die nicht gut zu Fuß unterwegs waren, über die Grenze. Meine Schwester entschied sich schließlich, das Auto stehenzulassen und zu Fuß weiterzugehen“, so Natalia Pilts. Bei sich hatten die ukrainischen Verwandten nicht mehr als einen Koffer und wichtige Dokumente. „Für Amalia hatte sie noch keinen neuen Ausweis und musste deshalb die Geburtsurkunde als Ersatz nutzen“, berichtet Pilts.

Von dort aus ging es weiter nach Budapest zu einer der Schwestern: „Wir sind eine sehr große Familie: Insgesamt sind wir sieben Geschwister. Eine Schwester wohnt in Budapest und dort konnten Ivanka und die vier Kinder erst einmal unterkommen.“ Auf der langen Flucht stellte sich ihrer Schwester immer wieder Frage, wie es nun weitergeht und mit wem man mitfahren soll. Ihre Schwester hatte Angst, mit Fremden mitzufahren, erzählt Natalia Pilts. „In Budapest habe ich sie dann deshalb am 27. Februar mit den vier Kindern abgeholt.“

Zu der Zeit sei der Mann von Khanni Shmid, der LKW-Fahrer ist, in Russland gewesen. Einen Weg in die Ukraine gab es für ihn nur über die Nachbarländer Weißrussland, Polen und die Slowakei. Er habe auch noch den LKW zur Firma zurückbringen müssen. Von dort aus machte er sich auch auf den Weg zu seiner Familie nach Deutschland. Er hatte die ganze Zeit wegen des ukrainischen Kennzeichens Angst um sein Leben, so Pilts.

Bangen um weitere Familienmitglieder in der Ukraine

Eine Schwester von Natalia Pilts ist in Sicherheit. Aber vier weitere Geschwister und weitere Verwandtschaft seien noch in der Ukraine. „Meine andere große Schwester lebt bei Lemberg. Sie wissen nicht, wo sie hin sollen und wo sie sich verstecken sollen. Sie hat dort noch eine Arbeit. Der Vertrag ist auf drei Monate befristet und vielleicht kommt sie dann noch zu uns.“

Zwei ihrer Brüder würden sich um die Menschen vor Ort kümmern oder ihnen bei der Flucht helfen. „Einer von ihnen ist behindert und hat zwei neue Hüftgelenke. Wir schicken ihm alle zwei Wochen Lebensmittel, da es dort nichts mehr gibt“, so Pilts.

Mit der Familie, die noch in der Ukraine ist, hat man immer über WhatsApp oder per SMS Kontakt. „Wir schreiben nur immer ganz kurz und fragen, ob alle die Nacht überlebt haben. Drei Familien von uns wohnen im Donbass, sie haben teilweise nur noch für zwei Wochen Wasser“, erzählt Natalia Pilts über die aktuelle Situation in der Ukraine. Es sei wirklich schlimm und unbegreiflich, was in ihrem Heimatland passiert.

Sehnsucht nach der Heimat und nach Frieden

Vorerst hat ihre Schwester und deren Familie ein Dach über dem Kopf und ist in Sicherheit. „Das ist das Wichtigste. Wir sind sehr froh, dass sie jetzt hier sind. Gerade für die Kinder ist es auch sehr schlimm und traumatisierend. Meine zwei Nichten wollen natürlich immer mit ihrer Mama telefonieren, die noch in der Ukraine ist“, sagt Natalia Pilts.

„Wir hoffen nun, dass der Krieg bald aufhört. Ivanka und ihre Familie möchten wieder zurück. Es ist eben doch einfach ihre Heimat.“ Aber man müsse nun erst einmal abwarten, wann die Angriffe russischer Truppen und der Krieg vorbei sind. Bis es soweit ist, sollen die Kinder in den Kindergarten oder zur Schule gehen. Khanni Shmid wird zusammen mit Nichte Rostyslava im Mai einen Deutschkurs machen. Für ihre neue Wohnung in Feldstetten habe Natalia Pilts bereits viel an Haushaltsgegenständen und auch ein paar Möbel besorgt.

„Es muss aber noch vieles organisiert werden und wir brauchen noch einige Möbel. Damit Ivanka und ihr Mann alleine mal nach Laichingen fahren können, schaue ich momentan nach Fahrrädern. Sie haben ja momentan auch kein Auto“, sagt sie. Sie und ihr Mann hätten gerade in finanzieller Hinsicht einiges stemmen müssen. Dennoch sagt die gebürtige Ukrainerin: „Hauptsache sie haben ein Dach über dem Kopf, Essen und vor allem Frieden und können in der Nacht ruhig schlafen, ohne von Explosionen und Bombeneinschlägen aus dem Schlaf gerissen zu werden.“