Widrigkeit

„Das Laichinger Bähnle war trotz aller Widrigkeiten eine Erfolgsgeschichte“

Laichingen / Lesedauer: 3 min

Der Lokalhistoriker Heinz Surek spricht bei einem Vortrag über die Schmalspurbahn auf der Alb
Veröffentlicht:24.10.2022, 14:43

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Jüngeren mag es neu sein, aber zwischen Oktober 1901 und August 1985 fuhr eine Schmalspurbahn auf der Strecke von Amstetten nach Laichingen. „Und trotz aller Widrigkeiten war das Bähnle eine Erfolgsgeschichte“, sagt Lokalhistoriker Heinz Surek beim durch alte Aufnahmen illustrierten VHS-Vortrag im Alten Rathaus von Laichingen.

Surek nennt Eckdaten der deutschen Eisenbahngeschichte: 1835 fuhr der erste Zug probeweise von Nürnberg nach Fürth. Fünf Jahre später wurde regulär die Strecke Leipzig-Dresden in Betrieb genommen. Ab 1850 gab es die Strecke München-Ulm-Stuttgart. 1868 erfolgte der Anschluss der Strecke zwischen Blaubeuren und Donaueschingen. Begehrlichkeiten auf der Alb erwachten, nachdem Münsingen 1893 einen Bahnhof erhalten hatte.

Pläne entstanden für einen Anschluss Laichingens an die Welt: Der damalige Ulmer OB Heinrich Wagner kam auf die Alb, um die Strecke Laichingen-Beimerstetten-Ulm zu favorisieren, da er die Laichinger Arbeiter für die Ulmer Betriebe sichern wollte und bei einer Streckenführung nach Geislingen die Abwanderung zur Geislinger WMF fürchtete. Aber nach Genehmigung durch den Landtag begann 1900 der Streckenbau nach Geislingen.

Bähnle bringt Industriealisierung

1901 wurde die Schmalspurbahn in Betrieb genommen. Bahnhöfe entlang der Strecke waren entstanden, in Laichingen gab es sogar zwei Bahnhofswirtschaften, das heutige „Rössle“ und den „Stern“. Anekdoten schmücken den Vortrag, wie das Wirtshausgespräch vom Schulzebauer, der auswandern will nach Brasilien: „Ja, da muss er ja umsteigen in Amstetten .“ Oder der Ausflug des Geislinger Gewerbevereins, der Laichinger Betriebe besichtigte und zwei Mal gut einkehrte – und auf der Rückreise die Notbremse ausprobierte. Prompt riss die Kupplung zwischen Lok und Wagen und musste mit Hilfe einer alten Kuhkette repariert werden, was ein Bußgeld nach sich zog.

Durch das Bähnle und den dadurch möglichen Transport von Kohle sowie durch die Alb-Wasserversorgung konnte sich Laichingen zu einem Industriestandort entwickeln: Ein Industriegleis wurde 1904 gebaut zur ersten „Mechanischen Leinenweberei Kahn“: Dort produzierten achtzig bis hundert mechanische Webstühle jeweils das Hundertfache eines Handwebstuhls. Die Tisch-, Bett-, Küchenwäsche konnte ebenfalls mit dem Bähnle abtransportiert werden.

Die Lokomotiven verbesserten sich ständig: Das letzte Modell „T 37“ konnte sechs Güterwagen und einen Personenwagen hinter sich her ziehen, wichtiges Frachtgut waren auch Düngemittel und Holz. Waren die Wagen zu schwer beladen, reduzierten menschliche Bremser bei der Abfahrt das Tempo. Problematisch war zudem die schmale Spurweite: Die Wagen mussten auf Rollböcke verladen werden, um auf der normalen Spurweite weiterfahren zu können.

Touristischer Weiterbetrieb abgelehnt

Auch Anderes erschwerte den Betrieb: eine Schnecken- und Raupenplage auf der Strecke, zutrauliches Rehwild oder Schneemassen, bei denen die Passagiere zu den Schaufeln greifen mussten. Immerhin gab es in Nellingen dafür im Lokomotivdampf erhitzte Würstchen.

In den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges wurde das Bähnle beschossen wegen vermuteter Truppentransporte. Bis September 1945 war es nicht in Betrieb, danach wurde es zum Schmuggelexpress zwischen der französischen und amerikanischen Zone. Geschmuggelt wurden etwa Schweinebauchschwarten „um den Bauch gebunden, unterm Kittel versteckt“, anderes Schmuggelgut wurde im Kohlekasten der Lok versteckt.

Gründe für das Ende der Schmalspurbahn 1985 waren der Rückgang des Frachtgut- und des Personenverkehrs und die Einstellung der Gas-Öl-Beihilfe des Bundes. Auch war die Fahrzeit von einer Stunde und zehn Minuten zu lang für die 19 Kilometer zwischen Amstetten und Laichingen. Der Gemeinderat Laichingen lehnte damals einen touristischen Weiterbetrieb ab. Der Referent Surek bedauert, dass durch den Abbau der Schienen eine Reaktivierung zu späterer Zeit wie in Münsingen oder Bad Urach nicht mehr möglich war.