StartseiteRegionalRegion Ulm/Alb-DonauEin Jahr nach der Messerattacke sind die Wunden noch immer tief

Angriff in Illerkirchberg Dezember 2022

Ein Jahr nach der Messerattacke sind die Wunden noch immer tief

Illerkirchberg / Lesedauer: 9 min

Die Tat löste damals bundesweites Entsetzen und eine Debatte um straffällige Flüchtlinge aus. Die Gemeinde steht geschlossen zusammen.
Veröffentlicht:03.12.2023, 05:00

Artikel teilen:

Der erste Schnee ist gefallen, der Weihnachtsbaum steht schon vor dem Rathaus, Weihnachtssterne bietet die örtlichen Gärtnerei zum Spottpreis an. Auf den ersten Blick wirkt alles sehr besinnlich in Illerkirchberg. Doch die Tage Anfang Dezember lassen in der rund 5000-Einwohner-Gemeinde im Alb-Donau-Kreis wenig Besinnlichkeit aufkommen. Stattdessen wecken sie schmerzhafte Erinnerungen. Denn vor einem Jahr ereignete sich hier eine tragische Tat.

Hier wurden am 5. Dezember 2022 zwei Mädchen auf dem Weg zur Schule von einem Asylbewerber aus Eritrea mit einem Messer angegriffen. Für eine der beiden Mädchen endete der Angriff tödlich.
Hier wurden am 5. Dezember 2022 zwei Mädchen auf dem Weg zur Schule von einem Asylbewerber aus Eritrea mit einem Messer angegriffen. Für eine der beiden Mädchen endete der Angriff tödlich. (Foto: Thomas Heckmann)

Ein Asylbewerber aus Eritrea hatte am 5. Dezember 2022 im Ortsteil Oberkirchberg zwei Mädchen auf dem Schulweg mit einem Messer angegriffen. Die 14-jährige Ece richtete der Täter mit mindestens 19 Stichen teils gegen den Kopf brutal. Sie starb. Ihre 13 Jahre alte Freundin überlebte mit schweren Verletzungen. Tiefe Trauer, Entsetzen und Fassungslosigkeit beherrschten den Ort, bundesweit wurde kontrovers über straffällige Geflüchtete diskutiert.

Gegen 7.25 Uhr hat er die Mädchen attackiert

Inzwischen ist der Täter zu einer lebenslangen Haft verurteilt worden und klar ist auch, dass der Mann nicht direkt die Mädchen attackieren, sondern etwas ganz anderes tun wollte: Rache an den Mitarbeitern des Ausländeramts zu nehmen. Rache an einer Behörde, die seiner Auffassung nach Schuld daran ist, dass sein Leben „verpfuscht ist“ und die ihm kein Reisedokument ausstellte. So führte es der Richter damals in seiner Urteilsbegründung aus. Weil er befürchtet hatte, dass die zufällig vorbeilaufenden Schulmädchen an jenem 5. Dezember gegen 7.25 Uhr ihn und seine Rachepläne verraten könnten, ging der Täter dann auf die unschuldigen Jugendlichen los.

Die „Sinnlosigkeit und Brutalität des Angriffs auf die beiden Mädchen und der Tod von Ece“ machen die Mitarbeiter im Landratsamt Alb-Donau-Kreis, dort, wo der Täter, der sich seit 2015 in Deutschland aufhält, eigentlich hinwollte, nach wie vor fassungslos. Dass jemand mit derart rabiaten Mitteln ein Reisedokument einfordern wollte, hat die Mitarbeiter im Ausländeramt geschockt, das Sicherheitsgefühl nachhaltig beeinträchtigt. Hinzu kamen schwere Vorwürfe, dass die Tat womöglich hätte verhindern werden können, die Behörde aber nicht genug oder nicht richtig gearbeitet hätte. Ausnahmezustand für die Presseabteilung.

Pass hätte sowieso nicht im Ausländeramt ausgestellt werden können

„Pauschalisierenden, unsachlichen oder falschen Darstellungen und Verdächtigungen entgegenzutreten, war eine wichtige und wiederkehrende Aufgabe in der Pressearbeit rund um die Tat“, sagt Sprecherin Daniela Baumann rückblickend. Wie jedoch im Verlauf des Gerichtsprozesses gegen den Täter am Landgericht Ulm klar wurde, hatten die Mitarbeiter der Ausländerbehörde stets „im Rahmen des geltenden Rechts sowie ihrer Zuständigkeiten“ gehandelt. Anders gesagt: Einen Pass hätte der Täter sowieso nicht beim Ausländeramt in Ulm erhalten können. Dafür wäre eine andere Behörde zuständig gewesen.

Die Tat hatte eine bundesweite Debatte über den Umgang mit Asylbewerbern in Deutschland ausgelöst. Laut richterlichem Urteil hatte sich der Mann aus Eritrea nämlich eigentlich „gut integriert“. Dass er nicht ausreisen und somit keine Frau im Ausland finden konnte, habe er dann nicht mehr ertragen. Das Gericht ging von einer Verhaltensänderung wenige Wochen vor der Tat aus.

Zunächst geriet die Arbeit in einer Ausländerbehörde in den Fokus. Diese sei nicht nur rechtlich anspruchsvoll, „sondern auch psychisch sehr fordernd, weil es aus Frust und Unverständnis über die bürokratischen Abläufe immer wieder zu sehr heftigen emotionalen Reaktionen kommt“, so Daniela Baumann. Die Fluktuation sei hoch, der Personalmangel gravierend. Und das nicht nur im Landratsamt Alb-Donau-Kreis, wie der Landkreistag im Zuge dieser Diskussion klargestellt hatte. Bundesweit fehlt auch heute noch Personal in den Ausländerbehörden.

Schwere Anschuldigungen gegen Gemeindeverwaltung

Kontroverser geführt wurde zum anderen aber die durch die Tat entflammte Debatte darüber, wie Deutschland mit straffällig gewordenen Asylbewerbern umzugehen hat. Die Tat löste eine Welle von Hass und Hetze aus, besonders in Sozialen Medien. Gerüchte und Schuldzuweisungen stellten nicht nur Geflüchtete unter Generalverdacht, „sondern auch die Verwaltung der Gemeinde Illerkirchberg, ohne dass es dafür irgendwelche Belege gab“, erinnert sich die Sprecherin des Landratsamts Alb-Donau-Kreis. An diese Zeit erinnert sich auch Illerkirchbergs Bürgermeister noch gut.

Wenige Tage vor dem traurigen Jahrestag ist im Büro von Markus Häußler viel los. Es kommen etliche Presseanfragen zu der Tat von vor einem Jahr herein. Die Mails, die dieser Tage eintrudeln, sind nur ein Bruchteil dessen, was die Gemeinde vor einem Jahr erfuhr. Bundesweit wurde über den Fall berichtet. Doch es war nicht nur die Presse, die Häußler damals kontaktierte. Viele, oft anonyme Zuschriften mit hasserfülltem Unterton, habe er erhalten. Doch Häußler ist stolz auf seine Gemeinde, die „trotz Trauer, Leid und vielleicht auch Wut es geschafft hat, den Frieden in der Gemeinde zu wahren und sich gegen Hass und Hetze zu stellen“.

Bürger hätten sich klar gegen Hass gestellt

Häußler zählt zwei Beispiele auf: „Der Helferkreis für Flüchtlinge in der Gemeinde hat auch nach der Tat klar gesagt: Wir machen weiter. Bei einer Demonstration der AfD wenige Tage nach dem Messerangriff haben sich Bürger mit Schildern an den Rand der Versammlung gestellt und darum gebeten, sie in Ruhe trauern zu lassen und die Tat nicht für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.“ Damit hätten sich die Bürger klar hinter den Wunsch von Eces Eltern gestellt, die mehrfach öffentlich betonten, nach der Tat keinen Hass schüren und in Frieden leben zu wollen.

Die AfD hatte wenige Tage nach der Messerattacke auf zwei Mädchen in Illerkirchberg eine Kundgebung veranstaltet. Die Bürger der Gemeinde stellten sich klar dagegen. Ein tolles Zeichen, wie Bürgermeister Häußler rückblickend findet.
Die AfD hatte wenige Tage nach der Messerattacke auf zwei Mädchen in Illerkirchberg eine Kundgebung veranstaltet. Die Bürger der Gemeinde stellten sich klar dagegen. Ein tolles Zeichen, wie Bürgermeister Häußler rückblickend findet. (Foto: dpa)

Doch die Schlagzeilen rissen nicht ab, zwischenzeitlich war von Belästigungen durch Asylbewerber die Rede, die der Gemeinde schon lange bekannt seien - ohne etwas dagegen zu unternehmen. „Ich war zu der Zeit erst seit zwei Jahren im Amt und hatte so etwas noch nie gehört. Ich habe mit jedem Mitarbeiter gesprochen, keiner wusste etwas von derartigen Straftaten“, betont Häußler. Bis heute sei unklar, woher derartig schwerwiegende Anschuldigungen kamen. Die Wunden in der Gemeinde wurde so immer neu aufgerissen, die Trauerbewältigung erschwert.

Der nächste Schock: Nicht genug damit, dass in der Gemeinde Illerkirchberg an Halloween 2019 in ein Mädchen von jungen Geflüchteten einer Flüchtlingsunterkunft vergewaltigt wurde. Gerade, als es nach der Messerattacke in Illerkirchberg ruhiger geworden war, wurde bekannt, dass ein 30-jähriger Mittäter der Gruppenvergewaltigung nach seiner Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten ausgerechnet wieder in Illerkirchberg untergebracht wurde.

Abschiebung sei nicht möglich

Häußler beschreibt die Tatsache, dass der afghanische Flüchtling immer noch in Illerkirchberg lebt, als den „Stachel im Fleisch der Gemeinde“, eine „Blamage für den Rechtsstaat“. Dabei, so Häußler, machten Politiker große Sprüche, man müsse Straftäter abschieben. In Illerkirchberg aber kommt davon in der Praxis nichts an, was „total unbefriedigend“ sei. Im Gegenteil: Der Bund spricht von einer „schwierigen Situation“, die Abschiebung sei möglich

Ein Asylbewerber hatte 2019 mi anderen Männern ein 14-jähriges Mädchen in einer Gemeinschaftsunterkunft in Illerkirchberg vergewaltigt. Der Verurteilte ist mittlerweile wieder frei - und wurde erneut in Illerkirchberg untergebracht. Eine „Blamage für den Rechtsstaat“ wie der Bürgermeister der Gemeinde findet.
Ein Asylbewerber hatte 2019 mi anderen Männern ein 14-jähriges Mädchen in einer Gemeinschaftsunterkunft in Illerkirchberg vergewaltigt. Der Verurteilte ist mittlerweile wieder frei - und wurde erneut in Illerkirchberg untergebracht. Eine „Blamage für den Rechtsstaat“ wie der Bürgermeister der Gemeinde findet. (Foto: dpa)

Dabei könnte der Straftäter von 2019 rein rechtlich in seine Heimat nach Afghanistan abgeschoben werden. Passiert ist bisher nichts. Ein Sprecher des Justizministerium Baden-Württemberg verweist auf „fehlende Unterstützung vom Bund“. Und auch die Unterbringung des Täters in eine andere Gemeinde sei nicht möglich gewesen, denn „das Opfer der damaligen Tat wohnt nicht in unmittelbarer Nähe des Betroffenen und war damals ein Zufallsopfer“, so Pressesprecher Gunter Carra. Eine Wohnortverlegung wäre also nicht „zur Vermeidung weiterer Straftaten geeignet“ gewesen. Eine Verlegung sei nur möglich, wenn „die Ausländerbehörde des Landratsamts Alb-Donau-Kreis eine andere Ausländerbehörde fände, die den Betroffenen freiwillig aufnimmt“ - was aber nicht möglich war.

Dass es Illerkirchberg innerhalb weniger Jahre derart hart trifft, beschreibt Bürgermeister Markus Häußler als tragisch. Was er dabei aber klar getrennt haben möchte, sind die Tat, „die ohne Frage unentschuldbar ist“, und die Diskussion über die Aufnahme von Flüchtlingen. „Wenn man das vermischt, wird es gefährlich“, betont Häußler.

An einem Bauzaun hängen bunt bemalte Plakate zum Gedenken an den Messerangriff auf zwei Schülerinnen. Am 05.12.2022 verlor eine 14-Jährige auf dem Schulweg durch ein Messer ihr Leben und ihre 13 Jahre alte Freundin wurde schwer verletzt. Das Landgericht Ulm verurteilte Anfang Juli 2023 einen damals 27-Jährigen wegen Mordes und versuchten Mordes mit gefährlicher Körperverletzung zu einer lebenslangen Haftstrafe.
An einem Bauzaun hängen bunt bemalte Plakate zum Gedenken an den Messerangriff auf zwei Schülerinnen. Am 05.12.2022 verlor eine 14-Jährige auf dem Schulweg durch ein Messer ihr Leben und ihre 13 Jahre alte Freundin wurde schwer verletzt. Das Landgericht Ulm verurteilte Anfang Juli 2023 einen damals 27-Jährigen wegen Mordes und versuchten Mordes mit gefährlicher Körperverletzung zu einer lebenslangen Haftstrafe. (Foto: dpa)

Für die Gemeinde, so Bürgermeister Häußler, bleibe der 5. Dezember noch für lange Zeit ein Tag der tiefen Trauer. Ein Anfang ist bereits getan: Die Flüchtlingsunterkunft, in die der Täter gewohnt hatte, wurde abgerissen, stattdessen eine Blumenwiese gesät. Kinder und Jugendliche haben Bauzäune bemalt und damit auf ihre Art das Geschehene versucht, zu verarbeiten. Und vielleicht, so war es zumindest der Wunsch von Eces Vater, können dort eines Tages Kinder ganz unbeschwert spielen.


Rechtliches Verfahren noch nicht abgeschlossen

Der damals 27-jährige Täter von Illerkirchberg ist Anfang Juli wegen Mordes an der 14-jährigen Ece sowie des versuchten Mordes an ihrer 13-jährigen Freundin zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Zudem hatte das Landgericht Ulm die besondere Schwere der Schuld festgestellt, eine vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren ist für den Täter damit so gut wie ausgeschlossen. Gegen dieses Urteil hat die Verteidigerin des Täters, Corinna Nagel, Revision eingereicht.

Der Täter der Messerattacke in Illerkirchberg ist inzwischen verurteilt. Er muss lebenslänglich im Gefängnis bleiben, eine vorzeitige Entlassung wurde beim Urteil ausgeschlossen. Seine Anwältin Corinna Nagel, hier während des Gerichtsprozesses, hat Revision eingelegt.
Der Täter der Messerattacke in Illerkirchberg ist inzwischen verurteilt. Er muss lebenslänglich im Gefängnis bleiben, eine vorzeitige Entlassung wurde beim Urteil ausgeschlossen. Seine Anwältin Corinna Nagel, hier während des Gerichtsprozesses, hat Revision eingelegt. (Foto: Thomas Heckmann)

Zwar hatte auch die Verteidigerin im Prozess eine lebenslange Freiheitsstrafe des Mannes gefordert. Gegen das Urteil der besonderen Schwere der Schuld aber wolle die Anwältin nun vorgehen. Eine Entscheidung zur von ihr eingelegten Revision stand bis Redaktionsschluss am 1. Dezember noch aus. Ihr Mandant, so erklärt Corinna Nagel auf Nachfrage, habe die Hoffnung jedenfalls noch nicht aufgegeben, mit der Revision Erfolg zu haben. Somit nämlich könnte der Täter in seine Heimat abgeschoben werden, was auch sein Wunsch war. Mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld ist dies aber womöglich erst Jahre später möglich.