StartseiteRegionalRegion Ulm/Alb-DonauEhingenWie ist es eigentlich, gleichzeitig Landwirt und Grüner zu sein?

Konflikt beim Bauernprotest?

Wie ist es eigentlich, gleichzeitig Landwirt und Grüner zu sein?

Ehingen / Lesedauer: 9 min

Bei den Bauernprotesten wird viel auf die Ampel geschimpft. Wie passt es da zusammen, wenn man Landwirt und Grüner zugleich ist? Drei Bauern, auf die beides zutrifft, packen aus.
Veröffentlicht:31.01.2024, 18:00

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Bei den Bauernprotesten und den Diskussionen in Sozialen Medien wird zum Teil heftig gegen die Ampel, vornehmlich gegen die Grünen ausgeteilt. Man bekommt in diesen Tagen zuweilen den Eindruck, dass grüne Politik und Landwirtschaft Widersprüche seien. Doch gibt es Menschen vor Ort, die beides in sich vereinen: Zwei Mitglieder im Ehinger Gemeinderat und eine Ehingerin im Kreistag sind in der Landwirtschaft aktiv und vertreten gleichzeitig die Grünen. Wie geht das zusammen und wie blicken sie auf die Proteste der Bauern?

Der 24-jährige Jens Scherb sitzt so ein bisschen zwischen den Stühlen. Er arbeitet als Landwirt, bewirtschaftet einen Hof mit, und ist seit 2019 für die Grünen im Ehinger Gemeinderat. Er sieht durchaus Probleme, die seine Partei hat, sieht aber auch Probleme in der Landwirtschaft, die von den Protestierenden so nicht angesprochen würden.

Naturschutz und Tierwohl sind wichtig

Grüner und gleichzeitig Landwirt, geht das? Ja, sagt der 24-Jährige. „Das passt. Ich kann gut Grüner und Landwirt sein.“ Natürlich sei ihm Naturschutz und Tierwohl bei der Arbeit wichtig. „Jeder ist bei den Grünen richtig, wenn er sich in erster Linie für die Welt und Umwelt interessiert und mitdiskutieren möchte“, erklärt er. Dennoch ist es nicht selbstverständlich, Landwirt und Grüner zu sein, deshalb betont er auch: „Wenn man sich nicht fürchtet vor kontroversen Debatten, geht beides.“

Die Zustände, die man kritisiert, sind nicht da, seit die Ampelregierung da ist. Das hat sich alles aufgestaut.

Jens Scherb

Im Rahmen der Proteste war er zu Fuß auf einer Kundgebung dabei. Mehr aber nicht. Ein Problem bei den Protesten sei: Man fahre mit dem Bulldog los und nur an jedem dritten Traktor sei ein Schild mit einer klaren Botschaft angebracht. „Viele verstehen deshalb gar nicht, für was demonstriert wird“, sagt er.

Vielen Menschen gefalle zwar die Botschaft: So könne es nicht weitergehen. Doch werde dabei oft vergessen: „Die Zustände, die man kritisiert, sind nicht da, seit die Ampelregierung da ist. Das hat sich alles aufgestaut.“

Die, die sich jetzt freuen, dass demonstriert wird, hätten doch die letzten 60 Jahre mitgestalten können, gibt Scherb zu bedenken und fragt: „Wo sind sie denn alle, wenn man sich für den Gemeinderat aufstellen lassen kann?“ Er kommt zu dem Schluss: „Ich kann das schwer nachvollziehen.“

Die Bauernproteste am 8. Januar sind in seinen Augen aus dem Ruder gelaufen, „weil viele verschiedene Gruppen einfach mit aufgesprungen sind“, erklärt er und findet: Es sei an der Zeit, dass die Landwirte ihre Beschwerden klar vorbringen.

Noch immer werde zum Protest gegen die Abschaffung des Agrardiesels aufgerufen. Doch ein Grundproblem sei, dass die Industrie - egal ob Molkerei, Schlachterei, Düngemittel- oder Lebensmittelindustrie - am landwirtschaftlichen Produkt überproportional verdient.

Der Landwirt kann die steigenden Kosten nicht weitergeben.

Jens Scherb

Wenn dann der Deutsche Bauernverband vor wenigen Tagen mitteilt: „Landwirtschaft, Ernährungsindustrie und Lebensmittelhandel rücken zusammen und betonen den Schulterschluss in der Lebensmittelkette“, sei er „ein Stück weit von den Bauern irritiert“, denn die Bauern würden damit für Industrieinteressen protestieren anstatt für die Wirtschaftlichkeit der eigenen landwirtschaftlichen Betriebe.

Hauptproblem ist nicht der Agrardiesel

Die Abschaffung des Agrardiesels mache für den einzelnen Hof nicht wahnsinnig viel aus, sagt er, allerdings sei das Problem dabei: „Der Landwirt kann die steigenden Kosten nicht weitergeben.“ Denn es gebe Marktrahmenbedingungen und die seien in der Landwirtschaft so, „dass überhaupt nicht über Preise geredet wird“.

Der Bauer produziere Milch, die Molkerei hole sie ab und erst später werde dem Landwirt gesagt, was er für den Rohstoff bekommt. Es gebe keine schriftlichen Verträge zu einem vereinbarten Preis, „das ist bitter“.

Auch er nehme wahr, dass es oft heiße: „Die Grünen sind schuld an allem.“ Doch die beißende Kritik an den Grünen und auch Ampeln, die am Galgen hängen, lassen den 24-Jährigen kalt: „Das trifft mich menschlich jetzt nicht“, sagt er. Aber es sei schon irre, dass alles, was mit Landwirtschaft, Bürokratie und Umweltschutz zu tun hat, nur mit den Grünen in Verbindung gebracht wird. „Das kommt aber alles aus Brüssel“, sagt Scherb. Und ihm sei nicht bekannt, dass die Grünen da viel zu sagen hätten.

Weil er Grüner ist, erfährt Scherb selbst viel Kritik - „vor allem von den Landwirten“, sagt er und gesteht ein, dass auch er Schwächen im Bundeslandwirtschaftsministerium sieht. Allerdings gebe sich die FDP in der Ampel relativ stark, blockiere und drücke ihre Interessen durch. „Das ist eine toxische Beziehung.“

Es stimme, dass der Sparbeschluss der Regierung das Fass zum Überlaufen gebracht hat, aber im Fass sei ja noch viel mehr drin. Sein Wunsch an das Landwirtschaftsministerium: Dass endlich die Rahmenbedingungen geschaffen werden, dass die Landwirte genug Geld verdienen. Das sei zwar schwierig mit der FDP, „aber nicht unmöglich“.

Die Proteste bei uns in der Region liegen nicht am Agrardiesel. Das sind nicht die Summen. Es ist eher die Unzufriedenheit mit der ganzen Situation.

Bettina Egle

Er selbst sei Grüner geworden, weil er gesehen habe: „In der Partei sind viele unterwegs, die in der Landwirtschaft selbst aktiv sind.“ Und man habe auch als Landwirt in der Partei von Anfang an mitdiskutieren und Fragen stellen dürfen. „Das hat sich aber gewandelt. Es ist ja bekannt, dass die Partei ein Kommunikationsproblem hat“, sagt er. Auf dem Höhenflug der Partei vor gut vier Jahren seien auch Leute in die Partei eingetreten, die „nur Politik für Fotos“ machen wollen.

Die Praktiker, etwa Landwirte und Waldbewirtschafter, seien verstummt. Diejenigen, die sich für die Modethemen, etwa Tierwohl und Veganismus, einsetzen, seien dagegen lauter geworden. Diese Themen wolle er gar nicht schlechtreden, es sei begrüßenswert, wenn junge Leute Wert auf gute Ernährung legen, „aber die Probleme in der Landwirtschaft liegen ja tiefer“, sagt Scherb.

Zu wenig Hilfe für kleine Höfe

„Die Proteste bei uns in der Region liegen nicht am Agrardiesel. Das sind nicht die Summen. Es ist eher die Unzufriedenheit mit der ganzen Situation“, sagt auch Bettina Egle. Die Ehingerin ist Demeter-Landwirtin und Demeter-Beraterin und sitzt für die Grünen im Kreistag. „Die Bürokratie ist das Hauptproblem“, betont sie und ja: Die Beschlüsse der Ampel hätten das Fass zum Überlaufen gebracht, denn Viele „fühlen sich nicht gesehen“. Sie nehme wahr: „In den letzte zwei Jahren haben so viele Landwirte aufgehört, wie ich es noch nie mitgekriegt habe.“

Das Problem: Die kleinen bäuerlichen Betriebe würden noch immer nicht genug unterstützt. „Ohne Förderung müsste ich auch morgen zumachen“, sagt sie klipp und klar. Generell werde aber alles den Grünen in die Schuhe geschoben, auch wenn es nichts mit den Grünen zu tun hat. „Das ist EU-Agrarpolitik, noch von Frau Klöckner (ehemalige CDU-Bundeslandwirtschaftsministerin, Anm. d. Red.) beschlossen“, sagt Egle.

Wenn man wirklich in die Diskussion geht, geben eigentlich alle zu: Okay, das Problem liegt wirklich nicht an den letzten zwei Jahren.

Bettina Egle

Sie selbst nehme an den Bauernprotesten nicht teil. „Ich kann mich damit nicht hundertprozentig identifizieren“, sagt die 52-Jährige. Es werde ganz viel auf die Ampel geschimpft. Und das auch bei Sachen, für die sie gar nichts könne. Wobei sie auch nicht sagen wolle, dass die Ampel alles richtig macht: Es könne zum Beispiel nicht sein, dass der Agrardiesel wegfällt, aber Kerosin für die Luftfahrt weiterhin subventioniert wird. „Da hat man Erklärungsnöte als Grüne.“ Natürlich finde auch sie nicht immer zu 100 Prozent gut, was ihre Partei macht.

„Ich finde aber, Cem Özdemir macht eine gute Arbeit. Er wurde da ja auch überrumpelt“, sagt sie. Als Grüne werde sie derzeit auch selbst oft kritisch von Nachbarn oder Kunden angesprochen. „Aber es ist interessant: Wenn man wirklich in die Diskussion geht, geben eigentlich alle zu: Okay, das Problem liegt wirklich nicht an den letzten zwei Jahren.“ Egle betont: „Es wurden in den vergangenen 40 Jahren Fehler gemacht, die uns jetzt auf die Füße fallen.“

Hubert Dangelmaier aus Rißtissen ist seit knapp 44 Jahren bei den Grünen und ist Fraktionsvorsitzender der Grünen im Ehinger Gemeinderat. Er ist zwar kein Landwirt, aber ist auf einem Hof groß geworden und unterstützt seinen Bruder hin und wieder aktiv auf dem Hof.

Auch er nehme die Kritik an den Grünen wahr, sagt er. Aber es sei „Kritik in pauschaler Art und Weise“. Er sehe Schilder auf denen steht, die Ampel schade allen und die Ampel müsse weg. Das sei „viel zu undifferenziert“ und „überhaupt nicht zutreffend“.

Genug Gründe, um auf die Straße zu gehen

Dabei könne er die Sorgen der Landwirte nachvollziehen, besonders, dass die Sparpläne der Bundesregierung anfangs unausgewogen waren und die Landwirte besonders stark getroffen haben. „Die Landwirte stehen unter einem wirtschaftlichen Druck, das steht außer Frage“, betont der 67-Jährige. Und auch jetzt noch „gibt es genügend Gründe, um auf die Straße zu gehen“, sagt Dangelmaier, der sich wünscht, dass die Landwirte „das Richtige anprangern“.

Die Landwirte könnten zum Beispiel sagen: „Wenn Ihr gute Lebensmittel haben wollt, müsst ihr auch ein bisschen mehr bezahlen.“ Doch da höre er so gut wie nichts. Sie könnten auch konkret kritisieren, dass die Großen immer größer werden, während die kleinen Höfe verschwinden. Sie könnten anprangern, dass sie dem Markt ausgeliefert sind, sagt Dangelmaier. Das sei eine Aufgabe, die Landwirtschaftsminister Özdemir angehen müsse.

Das Gemüse für den ersten Ravensburger Naturkosthandel kam vom Hofgut Mosisgreut. Erhard Pfluger war von Anfang an dabei und bewirtschaftet das Land bis heute.

Es sei immer Anliegen der Grünen gewesen, dass es mehr Geld von der EU für kleinere Höfe oder auch für Umweltschutzmaßnahmen gibt und nicht der Hauptteil für die Fläche ausgezahlt wird, was eher den Großen zugutekomme. In der Vergangenheit habe das der Bauernverband gemeinsam mit den Konservativen aber verhindert, was den kleinen Höfen schade, sagt er. Auch deshalb sei die Stimmung gegen Grüne auf den Demos „zwiespältig“.

Außerdem höre er vor Ort Äußerungen, die die Erderwärmung herunterspielen: „Klimaveränderung hat es doch schon immer gegeben, ich weiß gar nicht, was ihr damit habt“, heiße es dann zum Beispiel. Dabei sei doch die Landwirtschaft direkt vom Klimawandel betroffen und davon abhängig, „dass das Wetter funktioniert“, betont Dangelmaier.

Die Grünen und die Landwirtschaft, das passe eigentlich ganz gut zusammen, findet er. Denn letztlich gehe es doch darum, dass es mit der Landwirtschaft langfristig funktioniert und die Lebensmittelproduktion langfristig gesichert ist. Und das gehe nur mit Natur- und Klimaschutz.