Kundgebung

Ton wird rauer: Warnstreik bei Liebherr zündet nächste Stufe

Ehingen / Lesedauer: 5 min

Jetzt sprechen die Verantwortlichen schon vor Urabstimmung und Erzwingungsstreik. Die Drohungen werden härter.
Veröffentlicht:17.11.2022, 17:00
Aktualisiert:17.11.2022, 17:01

Von:
Artikel teilen:

Der Ton wird rauer, die Maßnahmen härter, die Hoffnungen größer. So könnte man den zweiten Warnstreik mit Kundgebung beschreiben, der am Donnerstagmorgen beim Liebherr-Werk Ehingen (LWE) stattgefunden hat. Dieses Mal haben der Betriebsratsvorsitzende Rolf Ebe und Michael Braun, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Ulm, deutliche Worte an die streikende Belegschaft gerichtet.

800 Mitarbeiter bei der Kundgebung

Laute Musik, rote Mützen, rote Fahnen und Brezeln in Form einer Acht – das waren die optischen Instrumente, mit denen die Liebherrianer am Donnerstag auf ihre Forderungen aufmerksam machen wollten. Während am Donnerstagnachmittag die bereits fünfte Verhandlungsrunde der baden-württembergischen Metall- und Elektroindustrie startete, machten kurz davor die Mitarbeiter des Ehinger Weltmarktführers im Mobil- und Raupenkranbereich ihrem Unmut über den Stand der Verhandlungen Luft. Unterstützt wurden die rund 800 Liebherrianer, die zur Kundgebung gekommen sind, von Mitarbeitern der Firma Neuweg und dem Allmendinger Formenhersteller Rampf.

Streikbereitschaft wächst

„Ich bin begeistert, wie viele heute dabei sind bei dieser Kundgebung. Wir haben da immer gewisse Schwächen, umso mehr freut mich die große Anzahl“, betont Rolf Ebe, der erklärt, dass die Zählungen ergeben haben, dass vergangene Woche beim ersten Warnstreik von Liebherr in Ehingen weit mehr als 2000 Beschäftigte ihre Arbeit niedergelegt haben und früher in den Feierabend gegangen sind. „Die Streikbereitschaft in ganz Deutschland wächst. Wir können auch noch viel mehr“, droht Ebe, der zusammen mit der Gewerkschaft klare Forderungen an die Arbeitgeber hat.

Jetzt ist die Zeit einer kräftigen Tabellenerhöhung gekommen.

Rolf Ebe

„Im Jahr 2018 hatten wir die letzte Tabellenerhöhung. Seither gab es keine Entgeltsteigerungen. Jetzt liegt die Inflation bei rund zehn Prozent, im kommenden Jahr soll sie bei rund acht Prozent liegen. Jetzt ist die Zeit einer kräftigen Tabellenerhöhung gekommen“, sagt Ebe, der zudem die diskutierten 3000 Euro netto als Einmalzahlung für die Mitarbeiter einfordert. „Sollte nun in der Nacht auf Freitag oder am Freitag kein Ergebnis erzielt werden, wollen wir das nicht hinnehmen. Dann kommt es nächste Woche zur Urabstimmung und zum Erzwingungsstreik“, betont Ebe. Will heißen: Sollten die Verhandlungen scheitern, legen die Mitarbeiter tagelang die Arbeit nieder.

„Erbärmlich“

Ins gleiche Horn stößt Michael Braun von der IG Metall in Ulm. „Die Verhandlungen wurden im September begonnen. Was in den bisherigen vier Verhandlungsrunden gemacht wurde, ist erbärmlich. Es wurde über keine Prozentzahlen gesprochen. Das ist eine Sauerei“, poltert Braun, der darauf hinweist, dass andere Gewerkschaften, wie in der Chemie, bereits geliefert hätten. „Es war schon schwierig genug, sich im Vorfeld der Verhandlungen auf eine Forderung von acht Prozent mehr Entgelt zu einigen, weil das natürlich lange nicht mehr alle Kostensteigerungen abdeckt“, so Braun.

Article Image
Michael Braun, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Ulm. (Foto: Götz/Schwäbische.de)

Ziel der Tariferhöhung sei es laut Braun nicht nur, mehr Geld am Ende des Monats in der Tasche zu haben. „Die Kaufkraft in Deutschland hängt auch damit zusammen, wie viel Geld die Arbeiter der Metall- und Elektroindustrie zur Verfügung haben“, sagt Braun, der erklärt: „Die Politik hat in Sachen Energiekosten mit den Einmalzahlungen ein wenig geliefert, aber zu spät. Jetzt ist die Wirtschaft dran. Denn die Kaufkraft in Deutschland entscheidet auch darüber, wie heftig und wie lange wir eine Krise haben.“ Dass die Tarifsteigerungen indes automatisch zu höheren Preisen führen werden, sieht Braun nicht so.

Energie als Preistreiber

„Der Lohn alleine ist für die Preissteigerungen doch nicht verantwortlich. Wir hatten auch Preissteigerungen in Zeiten, in denen es keine Lohnerhöhungen gab. Energie und beispielsweise die Transportkosten sind Preistreiber“, so Braun, der dabei eine Rechnung aufmacht. So würden die Löhne „unter 20 Prozent“ am Umsatz der Metall- und Elektroindustrie ausmachen. „Jetzt muss gewaltig was auf den Tisch, sonst wird das nichts“, fordert Braun unter dem Jubel der Mitarbeiter auf dem Parkplatz vier des Ehinger Werks. Braun spricht, wie auch Rolf Ebe, eine klare Warnung aus. „Wenn es scheitert, wird es den Erzwingungsstreik geben. Die Reihen sind geschlossen, wir wollen die acht Prozent auf zwölf Monate.“

Arbeitsbedingung

Arbeitnehmer fordern acht Prozent mehr

qBiberach

Was die bisherigen zwei „halben Streiktage“ im Ehinger Werk für wirtschaftliche Auswirkungen hatten, erklärt Betriebsratschef Rolf Ebe mit einem einfachen Beispiel: „Zwei Warnstreiks in dieser Form kosten uns die Produktion von neun Kranen.“ Für Michael Braun ist es daher auch wichtig, dass die IG Metall gerade auch die Kundgebungen bei Firmen macht, die wirtschaftlich „stabil“ sind, wie eben das Ehinger Liebherr-Werk, das volle Auftragsbücher und ein enormes Wachstum hat. „Wenn ein Betrieb mit dem Rücken zur Wand steht, kann dieses Problem dennoch nicht mit dem Flächentarifvertrag gelöst werden. Klar gibt es hier zumindest das Instrument der Zeitverzögerung“, so Braun, der davon ausgeht, dass sich am Donnerstag bei Liebherr in Ehingen insgesamt, auch mit der Spätschicht, die in großen Teilen erst gar nicht kommt, rund 2500 Liebherrianer an dem Warnstreik beteiligt haben.

600 Brezeln in Form einer Acht

Alle 600 Brezeln in Form einer Acht (für acht Prozent mehr Entgelt) waren übrigens nach 20 Minuten weg. „Die hat der Bucks Höfle Beck für uns extra gebacken. Auch die Bäcker haben Interesse daran, dass die Liebherr-Mitarbeiter weiterhin Kaufkraft haben“, sagt Rolf Ebe, der auch gerne ein Rechenbeispiel erklärte. „Nicht alle Liebherr-Mitarbeiter verdienen 5000 Euro im Monat. In der Entgeltgruppe sieben verdienen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beispielsweise in der Produktion rund 3400 Euro brutto plus Zulagen. Je nach Steuerklasse bleiben dann da vielleicht 2500 Euro netto übrig“, so Ebe.

Article Image
Brezeln in Form einer Acht wurden verteilt. (Foto: Götz/Schwäbische.de)

Mit unter den Streikenden war auch der ehemalige Liebherr-Betriebsrat Hans-Peter Rommel. „Ich bin zwar Rentner, aber ein Gewerkschafter durch und durch. Die Forderungen sind absolut angemessen“, sagt Rommel, der zudem als Delegierter „immer am Ball“ ist. Die Liebherr-Geschäftsführung bleibt indes bei ihrer Aussage von vergangener Woche, dass „alles was Preissteigerungen befeuert, gerade nicht einfach“ sei, macht aber deutlich, dass ein Abschluss der Verhandlungen „schnell“ erwünscht wird.

Neubau

Erster Entwurf steht: Warum Liebherr diesen Neubau unbedingt braucht

qEhingen