Neubau

Erster Entwurf steht: Warum Liebherr diesen Neubau unbedingt braucht

Ehingen / Lesedauer: 11 min

Zweite Bürgerveranstaltung: Erstmals stellt Liebherr eine Visualisierung der Fabrik im Industriegebiet Berg vor
Veröffentlicht:15.11.2022, 14:57
Aktualisiert:16.11.2022, 10:33

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Mehr als 300 Bürgerinnen und Bürger sind am Montagabend in die Ehinger Lindenhalle gekommen, um sich dort die neuesten Informationen und die ersten Ergebnisse der Gutachten in Sachen Erweiterung des Industriegebiets Berg abzuholen.

Im Kern geht es um den Bau einer neuen Fabrik als Erweiterung der Produktion des Ehinger Liebherr-Werks auf einer Fläche von rund 50 Hektar. Auch Vertreterinnen der Bürgerinitiative durften ihre Bedenken in einem Vortrag äußern.

Pünktlich um 19 Uhr hat Ehingens Oberbürgermeister Alexander Baumann die zweite Informationsveranstaltung eröffnet.

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„ Liebherr hat Bedarf an Flächen angemeldet, um die Produktion auszuweiten. Wir wollen im Industriegebiet Berg aber auch Potenzial für die Ansiedelung weiterer Firmen entwickeln und jetzt den Zwischenstand der Planungen vorstellen“, so der OB, der betont: „Es werden auch Menschen zu Wort kommen, die damit nicht ganz einverstanden sind.“ Das gesamte Verfahren liegt in Sachen Planungshoheit bei der Stadt und damit beim Gemeinderat.

Thomas Sippel vom Netzwerk für Planung und Kommunikation fungierte wieder als Moderator. „Heute geht es um Informationen, nicht um Pro und Contra. Wir sind mit dem Bebauungsplanverfahren nun ein halbes Jahr unterwegs, es gibt erste Ergebnisse der Gutachten. Wir wissen auch genau, dass dieses Verfahren nicht unumstritten ist“, so Sippel.

Der Verfahrensstand: Am 18. November 2021 fällte der Ehinger Gemeinderat den Aufstellungsbeschluss. Das Plangebiet umfasst 77 Hektar, zwei bereits vorhandene Bebauungspläne müssen überplant werden. Das Landratsamt und der Regionalverband sind involviert. Ziel ist es, Anfang des Jahres 2023 mit dem Vorentwurf in den Ehinger Gemeinderat zu gehen.

Danach folgt die öffentliche Beteiligung, deren Stellungnahmen wiederum eingebracht werden müssen. Vorhanden sind jetzt die Fachgutachten zum Hochwasserschutz, Bodenschutz, der Umweltbericht, der Artenschutz und die Verkehrsplanung. Offen sind noch die Gutachten zur Klimatologie, Schallimmissionsschutz und Landwirtschaft. Diese Ergebnisse sollen Anfang 2023 präsentiert werden.

Konzeption Liebherr: Erstmals seit der Absichtserklärung hat das Liebherr-Werk Ehingen (LWE) durch die Geschäftsführer Daniel Pitzer und Ulrich Heusel eine genauere Konzeption der geplanten Fabrik vorgestellt. „Wir platzen aus allen Nähten. Das Werk in Ehingen läuft auf voller Kapazität. Wir sind so erfolgreich in unseren Geschäftsfeldern, können aber am Standort nicht mehr wachsen“, betont Daniel Pitzer.

Die Krane werden derzeit hauptsächlich im Kraftwerksbau, Windkraftbau, an den Häfen, für die Infrastruktur und die Petrochemie gebraucht. „Gerade der Bereich der Windkraft geht steil nach oben. Das ist eine globale Entwicklung. Die Erde hat acht Milliarden Menschen, der Energiebedarf steigt und alle streben nach Wohlstand“, erklärt Pitzer , der für die Energiezukunft eben der Windkraft eine große Rolle zuspricht.

Krane werden immer höher

„Hier geht der Trend zu immer höheren Anlagen. Das bedeutet, dass auch die Krane größer werden müssen. Der Trend geht gerade zu 199-Meter-Anlagen“, so Pitzer, der den Grund für den Bau einer neuen Fabrik nochmals einordnet. „Wir streben nicht nach schierem Wachstum. Unsere Bestandskunden in unseren Bestandsmärkten wollen unsere Bestandsprodukte. Nur brauchen die nun eben mehr davon“, sagt Pitzer.

Ulrich Heusel beschreibt indes die aktuelle Flächenanalyse. So hat Liebherr in Ehingen eine Produktionsfläche von 980 000 Quadratmetern, davon 275 000 Quadratmeter überdachte Produktionsfläche. Die Kapazität soll um rund 430 000 Quadratmeter wachsen (130 000 Quadratmeter davon überdacht). Würde man das quasi um das bestehende Werk herum kreisförmig erweitern, würde größere Teile des Industriegbiets Münsinger Straße Nord „verschwinden“.

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„Die Energiewende läuft. Und die Welt braucht dafür Krane aus Ehingen“, betont Heusel und sagt: „Wir planen hier kein LWE 2.0. Wir ergänzen und erweitern unser Werk in Berg.“ Geplant sind laut Heusel, wie auf der Visualisierung zu sehen, zwei große Hallen im östlichen Bereich. Dort angedockt ist eine Logistikfläche mit Parkhaus für die Mitarbeiter.

„Wir wollen hier PV-Anlagen auf das Dach bringen. Bei den Hallen handelt es sich um Montagehallen für eine Teilsequenz des Produktionsprozesses“, so Heusel. Im nördlichen Bereich soll eine kleinere Halle für Lackierungen von losem Anbaumaterial entstehen, zudem ein Kundenzentrum zur Abholung der Geräte.

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„Die große Halle wird eine Dachbegrünung mit Retentionsfunktion bekommen, wir werden eine Fassaden-PV-Anlage installieren und die Gebäude werden als KfW 40 gebaut“, sagt Heusel und betont: „Wir bauen hier eine grüne Fabrik. Wir wollen hier keine fossilen Brennstoffe mehr einsetzen, alles soll über regenerative Energien laufen.“

Zudem soll die Fläche, die durch eine Grünanlage mit der Ehrlos getrennt und über eine Brücke verbunden werden soll, im oberen Bereich die Themen Prüfen und Testen behandeln. Zudem will der Kranhersteller versuchen, die Transporte zwischen den Werken zu minimieren und hat für die Fahrten bereits E-Lastwagen bestellt. Auch sind derzeit sechs noch zu prüfende Varianten für einen Gleisanschluss in der Pipeline.

Vorentwurf und Grünordnungsplanung: Thomas Sippel erklärte, dass die öffentlichen und privaten Grünflächen hier einen Anteil laut Planung von 23 Prozent haben. „Das ist ein hoher Anteil für ein Industriegebiet. Die Ehrlos bildet hier das Rückgrat der Gebietsentwicklung“, so Sippel.

Christoph Helbig vom Büro Helbig, Spezialist für Umweltplanung, betont: „Wir wollen und müssen hier eine ökologische Qualität manifestieren. Der Biotopkomplex in der Mitte wird erhalten, wir werden die Renaturierung der Ehrlos erweitern, Retentionsbecken schaffen, um das Oberflächenwasser zu sammeln und es gedrosselt der Ehrlos zuführen. Dafür wird auch der bestehende Wassergraben verlegt.“

Ebenso sei es Vorschrift, eine Dachbegrünung von mindestens 50 Prozent zu haben, Pflicht sind zudem PV-Anlagen an den Fassaden sowie eine Fassadenbegrünung. Im westlichen Bereich wird ein zehn Meter breites Band mit Hecken und großen Bäumen entstehen, eine grüne Fuge wird eine Durchgängigkeit im Höllgraben schaffen.

Sorgen der Bürgerinitiative: Die Bürgerinitiative IG Berg sorgt sich in erster Linie um das Ausmaß des Flächenverbrauchs, der damit verbundenen Bodenversiegelung und den Eingriff in „unser aller Lebensumstände“. Der Umgang mit den Flächen sei demnach wenig verantwortungsbewusst und wenig zeitgemäß.

Die Bedenken der BI haben am Montag Lina Berger, Stefanie Mayer und Petra Kloos-Hess vorgetragen und dabei die Frage gestellt: „Wie viel Wachstum brauchen wir noch?“ So erläuterten die drei Damen, dass die IG Berg mit 38 Hektar Fläche gestartet ist. Die erste Erweiterung ging dann auf 85 Hektar mit einer maximalen Gebäudehöhe von 15 Metern.

Im Jahr 2019 wurde die Höhe auf 20 Meter festgesetzt und Fassadenbegrünung zur Pflicht gemacht. Mit der jetzigen Erweiterung, so die Vertreterinnen der BI, würde das Industriegebiet Berg auf 183 Hektar anwachsen, die Kernstadt Ehingen habe zum Vergleich eine Fläche von rund 187 Hektar. Diese Fläche im Industriegebiet Berg entspreche rund 1000 Bauplätzen.

Angst macht das Thema Wasser

Zu den großen Problemfeldern zählten die drei Vertreterinnen der BI die bereits jetzt bestehende Überlastung des Verkehrs in der Pfarrei, mit weitaus mehr Verkehr sei perspektivisch zu rechnen. Auch an den Knotenpunkten bei Sappi, der Ehinger Feuerwehr und weiter vorne dann an der B311. Zudem sei keine Straße in der Pfarrei auf Schwertransporte ausgelegt. „Hat die Stadt überhaupt einen Plan?“, wollten die Frauen dann wissen.

Angst macht der BI zudem das Thema Wasser. Gerade bei Starkregen stelle sich die Frage, wohin künftig das Wasser aus Berg oder Altbierlingen laufe. Zudem treibe die Flächenversiegelung den Klimawandel voran und die Böden dort könnten dann auch nicht mehr als Wasserspeicher der Pfarrei dienen.

„Sobald ein Baggerloch gegraben wird, läuft es mit Wasser voll“, argumentierten die Frauen und sagten, dass man Flächen nicht mehr „entbetonieren“ könne. Auch das Thema Arbeitsplätze beschäftigt die Bürgerinitiative. So habe die Region mit einer Arbeitslosenquote von 2,3 Prozent Vollbeschäftigung.

Wo sollen die Arbeitskräfte wohnen?

„Wir haben hier Wohlstand. Nun werden aber noch mehr Mitarbeiter von Handwerksbetrieben und regionalen Firmen zu Liebherr abwandern. Und wenn die Mitarbeiter nicht aus der Region geholt werden, wo sollen die dann wohnen. Dann brauchen wir neue Kindergärten, bei denen das Personal fehlt.“

Zudem gab es aus den Reihen der BI den Vorwurf, die Stadt würde die Flächen zum Schleuderpreis von 50 Euro pro Quadratmeter verkaufen. Der Vorwurf der BI, nicht ausreichend im Vorfeld über den Informationsabend informiert zu werden, blieb indes im Raum stehen.

„Wir fühlen uns aber akzeptiert und wertgeschätzt. Wir sind auch froh über den Willen zur Umsetzung unserer Ideen und hoffen weiter auf einen gemeinsamen Austausch für ein nachhaltiges Ehingen.“

Hochwasserschutz: Mehrere Retentionsbecken sollen Stauraum für Starkregenereignisse bilden. Zwar sei lediglich ein Schutz gegen 30-jähriges Hochwasser eine DIN-Vorschrift, die Stadt wolle hier aber einen Hochwasserschutz, der rechnerisch ein 100-jähriges Hochwasser „aushält“. Die Tatsache, dass künftig Starkregenereignisse um 15 Prozent zunehmen werden, sei in die Planung einberechnet.

Umweltbericht: Laut Experte Christof Helbig sei die Artenschutzuntersuchung abgeschlossen. Verschiedene Vögel wie die Bodenbrüter Feldlerche und Wachtel wurden im Plangebiet entdeckt, ebenso der streng geschützte Schwarzmilan, der der Pirol und Kuckuck, beides Arten, die auf der schützenswerten Roten Liste stehen.

„Wir müssen uns hierfür Konzepte überlegen und spezifische Maßnahmen für die Vögel ergreifen“, sagt Helbig. Auch Amphibien wie der Grasfrosch, Seefrosch und der streng geschützte Laubfrosch seien hier ansässig. Ebenso wurde eine geschützte Fischart, der Biber, Flugbewegungen von Fledermäusen und deren Habitatbäume entdeckt.

Zur Einordnung: die Auswirkungen auf die sogenannten Schutzgüter Tiere/Pflanzen, Böden, Fläche und Landschaft sind laut Umweltbericht als „hoch“ kategorisiert.

Verkehr & Mobilität: Diesen Bereich stellte Planer Markus Schaible vor. Aktuell sieht diese Planung die Anbindung des Industriegebiets weiterhin über den Ehrlosweg und den Knoten an der K7353 vor. An beiden Straßen ist laut Schaible kein integrierter Rad- und Fußweg möglich. Deshalb sei eine Brücke für Radler und Fußgänger auf der Höhe Wachau vorgesehen.

„Alle Knotenpunkte für das Industriegebiet sind leistungsfähig und ausreichend, auch für den Prognose-Planfall 2035“, betont Schaible. Allerdings müsse der Bereich B311/B465 und Alamannenstraße/Riedlinger Straße in Ehingen optimiert werden, was aber mit der allgemeinen Verkehrsentwicklung zu tun habe. Die Angst der Bürger ist jedoch, dass der Verkehr in den Ortschaften der Pfarrei deutlich zunimmt, auch der Lastwagenverkehr der Zulieferer.

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Hier sagt Schaible, dass es auch an Liebherr liege, es seinen Zulieferern zu verbieten, durch die Ortschaften zu fahren. „Die optimale Anbindung ist über die B311. Das kann man anweisen“, so Schaible, der auch Zahlen dabei hatte. So fahren derzeit beispielsweise durch Dettingen 5300 Fahrzeuge am Tag, im Jahr 2035 wären es 5750.

In Berg sind es aktuell 1950, im Jahr 2035 wären es laut Berechnung 2050. „Exakte Berechnungen sind hier schwierig, weil wir ja jetzt die Routen der Materialanlieferung nicht kennen“, so Schaible, der aber auch eine Berechnung aus dem Jahr 2006 vorstellte. Damals, zu Zeiten des florierenden Schlecker-Zentrallagers im IG Berg, prognostizierten die Planer ein Verkehrsaufkommen von 4500 Fahrzeugen im IG Berg für das Jahr 2020.

Bürgerinitiative

Bürgerinitiative führt durchs Industriegebiet Berg

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Tatsächlich seien es jetzt sogar 1000 Fahrzeuge weniger. Mit in die Berechnungen mit eingeflossen seien auch Entwicklungen wie die Erweiterung von Stöhr in Rottenacker. „Fakt ist, die Belastungen in diesem Bereich sind aktuell weitaus niedriger, als 2006 angenommen“, so Schaible, der auch eine Prognose für Weisel abgibt.

Aktuell befahren die Bundesstraße rund 7750 Fahrzeuge, im Jahr 2035 könnten es rund 8700 in Richtung Biberach sein. Nicht ganz einverstanden mit der Verkehrsplanung ist indes Michael Mouratidis, Vorsitzender der CDU-Gemeinderatsfraktion und Ortsvorsteher von Altbierlingen. „Das Industriegebiet Berg braucht einen direkten Verkehrsanschluss an die Bundesstraße“, betont Mouratidis.

Wie gehts weiter? Als nächsten Schritt werden nun die Zwischenberichte erstellt sowie die noch zu erwartenden Fachgutachten. Der komplette Arbeitsstand soll dann im Bebauungsplan-Vorentwurf zusammengeführt werden.

Anfang 2023 wird dieser Vorentwurf dann in den Gemeinderat eingebracht, es folgt eine frühzeitige Beteiligung der Öffentlichkeit und der Behörden. „Es ist ein anstrengendes und komplexes Verfahren. Wir werden weiterhin mit großer Ernsthaftigkeit dieses Thema verfolgen“, betont OB Alexander Baumann, der die Vorstellung der Gutachten um 21.18 Uhr beendete.

Danach hatten alle die Möglichkeit, sich an Tischen mit den Gutachtern, den Geschäftsführern des Liebherr-Werks und den Vertreterinnen und Vertretern der Bürgerinitiative zu unterhalten. Auch hier fand ein reger Austausch bis spät in die Nacht hinein statt.