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Notwehr oder Rache?

Mordversuch vor Ehinger McDonald’s: Ging es um die Familienehre?

Ehingen / Lesedauer: 6 min

Die Verteidigerin fordert einen Freispruch und nennt diesen Vorwurf „unlogisch“. Warum, begründete sie vor Gericht gleich mehrfach.
Veröffentlicht:11.02.2024, 11:50

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Im Prozess gegen einen 24-Jährigen, der mit seinem Auto auf dem Parkplatz des Ehinger McDonald’s einen 31-Jährigen umgefahren hat, naht das Urteil. Nachdem am vierten Verhandlungstag am Ulmer Landgericht die letzten Zeugen gehört wurden, haben Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Plädoyers gehalten. Auch der Angeklagte ergriff noch einmal das Wort.

„Ich wollte nicht, dass das passiert“, sagte der Angeklagte, der in Hand- und Fußfesseln in den Saal geführt wurde. „Ich hatte einfach Angst und wusste nicht, was ich tun soll. Ich habe keinen anderen Ausweg gesehen.“ Eine Entschuldigung in Richtung des Geschädigten, der als Nebenkläger auftritt, kam ihm allerdings nicht über die Lippen.

Er wollte die Gelegenheit nutzen.

Die Staatsanwältin

Zu tief ist wohl der Streit zwischen ihren beiden Familien mit Migrationshintergrund. Zudem hat der Angeklagte aus Sicht der Verteidigung aus Notwehr gehandelt. Zweimal bat der 24-Jährige, als die Verhandlung unterbrochen war, darum, mit seiner hochschwangeren Frau, die sich unter den Zuschauern befand, sprechen zu dürfen. Ohne Erfolg.

Notwehr oder Rache?

War es tatsächlich Notwehr oder geschah die Tat aus kaltblütiger Rache? Das ist die schwierige Frage, die Richter Wolfgang Tresenreiter nun beantworten muss. Der Tat, die sich Mitte Juli vergangenen Jahres ereignet hat, liegt eine Familienfehde zugrunde.

Grund für den Streit: Anfang Juni hatte die Schwägerin des Angeklagten und Schwester des Opfers ihren Mann, den 35-jährigen Bruder des Angeklagten aus dem Haus geworfen, denn er habe sie schon seit längerem betrogen. Das mag ihre Familie wohl nicht akzeptieren und schließlich eskalierte der Streit.

Es hing nur vom Zufall ab, ob der Tod eintritt oder nicht.

Die Staatsanwältin

Schon wenige Stunden vor dem vermeintlichen Mordversuch gingen der Bruder des Angeklagten und sein Schwiegervater mit Holzlatte und Schaufel aufeinander los. Die Familie des Letzteren schlich danach um das Haus des Bruders und bedrohte ihn und seine Familie. Auf dem Weg zur Polizei wurde dann sogar seine Lebensgefährtin im Auto abgepasst und von den früheren Belagerern mit Baseballschlägern angegriffen.

Was dann auf dem Parkplatz des Ehinger McDonald’s passierte, habe der Angeklagte aus Sicht der Staatsanwältin gewollt, um nach den vorangegangenen Ereignissen die Ehre der Familie wiederherzustellen. „Er wollte die Gelegenheit nutzen“, erklärte die Staatsanwältin. Der 24-Jährige habe den 31-jährigen Nebenkläger als Vergeltungsmaßnahme überfahren wollen.

Ein Sachverständiger habe erklärt, dass der Angeklagte stark beschleunigt habe. Das Opfer wurde über die Windschutzscheibe und das Dach geschleudert. „Es hing nur vom Zufall ab, ob der Tod eintritt oder nicht“, sagte die Staatsanwältin. Gott sei Dank habe der 31-jährige Geschädigte nur Platzwunden davongetragen. Der Täter fuhr mit quietschenden Reifen davon, stellte sich aber kurze Zeit später selbst der Polizei.

Das Auto als Waffe benutzt

Weil er stark beschleunigt habe, als er auf den Geschädigten zufuhr, habe er mit allen Folgen rechnen müssen, so die Sicht der Staatsanwältin, die in ihrem Plädoyer außerdem anmerkte, dass der 24-Jährige den Geschädigten sich selbst überlassen habe. Einer Notwehrlage erteilte die Staatsanwältin hingegen eine Absage. Er habe sich in einem Auto auf einem belebten Parkplatz befunden und hätte sein Auto ja verschließen können, erklärte sie.

Außerdem habe es am Parkplatz keine Hinweise darauf gegeben, dass die Kontrahenten Waffen bei sich gehabt hätten. Ganz im Gegenteil: Aufgrund der Wehrlosigkeit des Opfers sieht sie ein heimtückisches Verhalten als gegeben. „Der Angeklagte wollte das Auto als Waffe benutzen.“ Es gebe keine Hinweise auf eine Interaktion oder ein Kampfgeschehen, außerdem hätten die Bedrohungen gegen seine Familie nicht ihm selbst gegolten.

Vergeltungsmaßnahmen zur Rettung der Familienehre sind vielleicht in anderen Kulturkreisen nachvollziehbar. Nicht bei uns.

Die Staatsanwältin

Die Staatsanwältin erkennt außerdem niedrige Beweggründe für die Tat. „Vergeltungsmaßnahmen zur Rettung der Familienehre sind vielleicht in anderen Kulturkreisen nachvollziehbar. Nicht bei uns“, betonte sie. Der Angeklagte habe sich in die Streitigkeiten nach der Trennung seines Bruders eingemischt. Hätte er hingegen Angst gehabt, mache es keinen Sinn, wenn er sich dann zu dem Parkplatz begibt.

Außerdem habe es keinen direkten Konflikt zwischen ihm und dem Geschädigten gegeben. Zugunsten des Angeklagten sei zu berücksichtigen, dass er nicht vorbestraft ist, teilweise geständig war und sich selbst gestellt hat. Dennoch fordert die Staatsanwältin wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung eine Haftstrafe von neun Jahren und sechs Monaten.

Völlig anders sieht den Fall die Verteidigerin. Sie fordert einen Freispruch. Die Ausführungen rund um die Familienehre nannte sie eine „Mär von Rache in der Kultur“. Dieses auf den Angeklagten zu beziehen sei „stereotyp und vereinfacht“ wie auch „unlogisch“. Denn er sei der jüngste Bruder in der Familie - die Familienehre müsse im traditionellen Denken aber vom ältesten Bruder wiederhergestellt werden. Außerdem sei ihr Mandant durch seine Probleme hüftabwärts - besonders die Knie betreffend - so eingeschränkt, dass er „fast als körperlich behindert anzusehen ist.“

Würde er nach diesem Denken versuchen, die Familienehre wiederherzustellen, wäre das „eine Schande für die anderen Brüder“. Zudem gab sie zu bedenken, dass sich keiner der Brüder eingemischt habe, als ihre Schwester in Deutschland von ihrem Mann verlassen und mit den Kindern alleingelassen wurde, ohne dass er Unterhalt zahlt.

Spontane Entscheidung

Ihr Mandant habe keinen Plan gehabt und er habe auch nicht beschleunigt, als er auf den Geschädigten zugefahren sein. Er sei auf dem Weg zum McDonald’s von der anderen Familie verfolgt worden, habe er gespürt. Dass sie ihn abpassen wollten, lasse sich auch daran ablesen, wo sie geparkt haben: nämlich an der Ein- beziehungsweise Ausfahrt und nicht direkt beim Schnellrestaurant. Wie viele Autos es waren, darüber scheiden sich die Geister. Dass sie selbst die Dinge in die Hand nehmen, passe allerdings zum Muster der Familie des Geschädigten, so die Verteidigerin.

Es sind schwierige Fragen.

Richter Wolfgang Tresenreiter

Als der 24-Jährige den Geschädigten fünf Meter vor seinem Auto erkannte, habe er spontan entschieden: „Ich muss hier weg, sonst werde ich angegriffen und bin vielleicht tot. Das heißt: Er handelte in Notwehr.“ Denn er sei zuvor sehr wohl bedroht worden. Und die Autos der anderen Seite seien nicht auf Waffen durchsucht worden, gab sie zu bedenken. Ihr Mandant sei vollkommen überzeugt gewesen, „dass er das nächste Opfer eines Überfalls wird. Er weiß, wie die ticken.“ Einfach weiterzufahren, sei dem Angeklagten als einziger Ausweg erschienen und sei als verhältnismäßig anzusehen aufgrund der Bedrohungslage.

„Es sind schwierige Fragen“, sagte Richter Tresenreiter zum Abschluss. Dennoch wird er ein Urteil fällen müssen. Der Fall wird das Landgericht noch einmal am 20. Februar beschäftigen.