Übersetzungsfassung

Grundschüler reden weniger Schwäbisch

Ehingen / Lesedauer: 5 min

Unterschiede zwischen den Schulen in der Kernstadt und kleineren Grundschulen auf dem Land
Veröffentlicht:29.06.2022, 11:34
Aktualisiert:30.06.2022, 09:53

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„D’ Schbroch ischt d’ Ursach, dass ma sich et vrschdoht“: So philosophiert der Fuchs in der schwäbischen Übersetzungsfassung des berühmten Buchs „Der kleine Prinz“ des französischen Autors Antoine de Saint-Exupéry. Schenkt man einer neuen landesweiten Studie des Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen Glauben, ist bald zumindest der schwäbische Dialekt nicht mehr schuld, dass an Grundschulen des Landes Verständigungsprobleme herrschen könnten. Denn die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchung zeigen: Kinder sprechen kaum noch Dialekt.

Dabei bringen Dialekte Farbe, Humor und Vielfalt in die Sprache. Bei den Jüngsten unter uns, so die Studie, ist dieser aber vom Aussterben bedroht. Befragt wurden fast 13 600 Schüler aus annähernd 700 Klassen, plus mehr als 705 Lehrkräfte. Gründe für die Entwicklung gebe es einige, die meisten hätten mit der Gesellschaft zu tun, mit der Schule und dem Wohnsitz. Eine Befragung der „Schwäbischen Zeitung“ von Schulleitern im Altkreis Ehingen zeigt: Auch hier gibt es starke Unterschiede zwischen den Grundschulen in der Stadt und den kleineren Schulen auf dem Land.

Ein bisschen „Slang“ würden zwar viele sprechen aber: „So richtig breit Schwäbisch sprechen die Kinder mittlerweile nur noch vereinzelt, muss man sagen.“ Das sagt Udo Simmendinger , Leiter der Längenfeldschule in Ehingen. Wenn ein Schüler breit Schwäbisch spreche, falle das eher auf, erklärt er. Einfluss auf die Schüler werde vonseiten der Lehrer keiner ausgeübt. Wenn doch ein Schüler mal breites Schwäbisch schwätze, regele sich das meistens von alleine, bis die Schüler auf der weiterführenden Schule sind, weiß der Schulleiter. Die Kinder würden sich von sich aus irgendwann anstrengen, Hochdeutsch zu sprechen. „Manche ziehen das aber auch durch. Das gibt’s, das ist so“, sagt Simmendinger. Und auch das sei natürlich in Ordnung. Probleme in der Schule wegen des Dialekts gebe es ohnehin keine. Erst wenn man ein Kind gar nicht mehr verstehe, würde man vielleicht sagen: „Streng dich ein bisschen an.“ Persönlich findet es der Schulleiter auch wichtig, dass die Schüler Dialekt sprechen. „Das ist ja auch Identifikation mit der Region.“ Als Lehrer werde man in der Ausbildung dazu angehalten, eher Hochdeutsch zu sprechen, weiß Simmendinger aus eigener Erfahrung zu berichten. Aber unter den Kollegen an der Längenfeldschule sei breites Schwäbisch ohnehin weniger verbreitet.

An der Michel-Buck-Schule in Ehingen wird Schwäbisch gesprochen, aber auch die Hochsprache und bei Kindern nichtdeutscher Herkunft sei natürlich ein Einschlag der jeweiligen Sprache bemerkbar, erklärt Schulleiter Peter Schelkle. Auch er betont, dass auf die Kinder wegen des Dialekts nicht eingewirkt werde, es sei denn, man würde sie gar nicht mehr verstehen. Doch gebe es kaum mehr Kinder, die so breit Schwäbisch sprechen, sagt er. Im schriftlichen Bereich sei das mit der Toleranz natürlich anders: Wenn es hier einen schwäbischen Einschlag gibt, werde darauf natürlich hingewiesen. Und auch „die Lehrerschaft schaut, dass sie dialektfrei spricht.“ Aber wenn ein Lehrer aus der Region komme, sei die Sprache natürlich schwäbisch angehaucht. Insgesamt, erklärt der Ehinger Schulleiter, sei der schwäbische Dialekt gar kein Thema im Schulalltag der Michel-Buck-Schule.

Die Tübinger Studie spricht davon, dass in den Klassen 1 und 2 der Grundschulen nur noch jeder neunte oder zehnte Schüler (11 bis 15,3 Prozent) Dialekt spricht. „Die sprachliche Entwicklung geht eindeutig in Richtung Dialektverlust“, sagte Hubert Klausmann, der Leiter des Forschungsprojekts. Laut der Studie sprechen im Alb-Donau-Kreis 21 Prozent der Kinder noch Dialekt. Spitzenreiter ist der Landkreis Sigmaringen, in dem laut Befragung noch mehr als 40 Prozent der Kinder ihren Dialekt sprechen.

Mehr Schwäbisch als in der Ehinger Stadt wird auch in der Grundschule im Teilort Erbstetten gesprochen. „Wir sind auf der Ehinger Alb. Ich sage mal, hier sprechen fast 99 Prozent Schwäbisch“, sagt Katrin Brosch , Leiterin der Grundschule Erbstetten-Frankenhofen. Unter den Schülern gebe es lediglich ein paar Zugezogene, die Hochdeutsch sprechen. „Natürlich darf jeder Dialekt sprechen“, betont Brosch, „das gehört ja zur Heimat dazu. Man muss ja nicht verstecken, woher man kommt“. Und man verstehe sich ja auch.

Wenn die Schüler einen Aufsatz schreiben, funktioniere es auch wunderbar, dass sie Hochdeutsch schreiben. Den Wechsel ins Hochdeutsche würden die Kinder „aus dem Effeff“ schaffen, das sei gar kein Problem. Auch gebe es Aufgaben, in denen die Schüler Hochdeutsch sprechen müssen – zum Beispiel, wenn der Wetterbericht aus dem Fernsehen nachgestellt wird. Auch hier habe sie schon erlebt, dass Kinder, die sonst breites Schwäbisch schwätzen, das perfekt gemeistert haben und hinterher erklärten: „Ha, so muss man da halt schwätza.“ Brosch erzählt auch vom Schwimmbadbesuch kürzlich, als ein Kind sagte: „Du, ich hab meinen Debbich dabei“ und natürlich seine Decke meinte.

An der Grundschule in Oberstadion ist das Schwäbische ebenfalls noch stark verbreitet. „Bei uns spricht man schon noch Schwäbisch. Was aber auffällt: Es gibt vermehrt Kinder aus schwäbischen Familien, die Hochdeutsch sprechen“, sagt Tobias Tress, Leiter der Christoph-von-Schmid-Schule in Oberstadion. Woran das liegt? Nun, pro Klasse würden etwa 20 Prozent der Kinder Hochdeutsch sprechen, so Tress, und die Schwäbisch sprechenden Kinder, obwohl sie in der Mehrheit sind, würden sich da irgendwie anpassen. Und natürlich würde es auch eine Rolle spielen, wie die beiden Elternteile sprechen. Im Deutschunterricht reagiere man schon darauf, wenn Kinder breites Schwäbisch sprechen, erklärt der Schulleiter. Zumindest achte man da auf die grammatikalische Richtigkeit und berichtige einen Schüler schon, wenn er etwa „der Butter“ sagt.

Bei den Lehrern sei es so, dass sie im Lehrerzimmer natürlich Schwäbisch schwätzen, im Klassenzimmer dagegen so gut es geht Hochdeutsch, „das ist einfach in einem so drin“. Insgesamt betont der Schulleiter: „Der Dialekt sollte nicht verlorengehen.“