Turnierstart

Deutschlands EM-Auftritt beeindruckt Ehingens Handball-Experten

Ehingen / Lesedauer: 4 min

Nationalmannschaft steht in Polen im Halbfinale – EVFH-Chef Tobias Krohn, EVFH-Sportdirektor Andreas Wax und TSG-Trainer Werner Pointinger im Gespräch
Veröffentlicht:28.01.2016, 18:18
Aktualisiert:23.10.2019, 19:00

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Die deutsche Handball-Nationalmannschaft steht im Halbfinale der Europameisterschaft – das haben vor dem Turnierstart wohl nur die kühnsten Optimisten erwartet. Nur noch zwei Partien, dann könnten die Schützlinge von Trainer Dagur Sigurdsson womöglich sogar den Pokal in die Höhe stemmen. Es wäre nach dem WM-Sieg 2007 im eigenen Land das zweite Handball-Wintermärchen und würde dem Sport wieder enormen Auftrieb geben. Aber egal wie die Finalspiele ausgehen: Schon jetzt gilt das Turnier als Wiedergeburt des deutschen Spitzenhandballs. Ehingens Experten sind tief beeindruckt.

Für Tobias Krohn , seit Ende 2015 Vorstands-Chef des Ehinger Vereins zur Förderung des Handball-Sports (EVFH) und damit verantwortlich für das lokale Mammut-Event Sparkassen-Cup, kam der Durchmarsch überraschend. Eine junge Mannschaft ohne Galionsfigur, mit flacher Hierarchie – „ich kann mir vorstellen, dass genau da der Schlüssel zum Erfolg liegt. Gerade weil es keinen Superstar gibt, harmoniert die Mannschaft sehr gut“. Krohn freut sich vor allem über den Teamgeist. Das sei besonders deswegen erstaunlich, „weil die Spieler noch gar nicht so lange zusammen spielen“.

Ob sich die Nachwuchshelden gleich zu Titelhelden aufschwingen können? „Ich glaube das wird schwer. Eine Medaille könnten wir holen, aber die Meisterschaft wohl eher nicht.“ Krohn sieht sich als Realist. Nach einem möglichen Sieg gegen Norwegen stünde ein Duell mit den Handball-Großmächten Spanien oder Kroatien an. Kaum zu schaffen, glaubt Krohn. „Aber die EM-Bilanz ist sowieso jetzt schon extrem positiv.“

, langjähriger EVFH-Sportdirekter, hat sich alle Spiele des deutschen Teams angeschaut. „Dafür nehme ich mir immer Zeit.“ Wax’ Urteil: „Phänomenal.“ Besonders die mannschaftliche Geschlossenheit imponiert ihm. „Ich wüsste nicht, dass wir jemals mit einer Truppe aufgelaufen sind, wo sich jeder Spieler so dermaßen für den anderen reingehängt hat.“ Fällt jemand verletzt aus – wie Christian Dissinger und Steffen Weinhold im Halbfinale – dann springen Kollegen in die Bresche.

Und sie agieren auf dem Feld trotz geringer Erfahrung wie alte Hasen, kochen gar Überflieger wie Dänemarks Mikkel Hansen ab. Der trottete zuletzt wie ein geprügelter Hund von dannen, während etwa Deutschlands Torhüter Andi Wolf in einer Jubeltraube unterging. „Was Wolf alles rausfischt, das ist eine Sensation“, sagt Andreas Wax. Noch gebe es aus der jungen, deutschen Generation zwar keinen Weltstar, „aber Jannik Kohlbacher, der wird mal einer“, so Wax über den 20-jährigen Kreisläufer von Bundesligist HSG Wetzlar.

Auch Trainer Dagur Sigurdsson zieht laut Wax alle Register. Egal welcher Wechsel, egal welcher taktischer Winkelzug: Es klappt. „Gegen Dänemark hat er bei einem Freiwurf beispielsweise einen Viererblock gestellt – das macht man normalerweise in der C-Jugend.“ Die deutsche Verteidigung war unorthodox und effektiv, die Dänen perplex und irgendwann schlicht entnervt.

Dass es plötzlich so gut läuft, dass so viele Talente den Durchbruch schaffen, das hängt laut Wax mit DHB-Sportdirektor Bob Hanning zusammen („Seit 2015 ist er auch in der Hall of Fame des Sparkassen-Cups“). Hanning habe in den vergangenen Jahren bundesweit Leistungszentren konzipiert und durchgesetzt. Jetzt fahre Handball-Deutschland die Ernte ein.

Andreas Wax glaubt auch an ein Märchen mit Happy End: „Spanien ist zwar eigentlich Titelfavorit, aber es kommt nur noch auf die Tagesform an. Europameister Deutschland – so wird’s kommen.“

Werner Pointinger , Trainer der Ehinger Bezirksliga-Handballer, hofft zumindest auf eine Finalteilnahme. Das hätte Handball-Deutschland auch verdient, „die Nachwuchsföderung in den vergangenen zehn Jahren war vorbildlich.“ Seinen Amtskollegen Sigurdsson hob Pointinger hervor: „Faszinierend, wie viel Ruhe er ausstrahlt, obwohl er innerlich sicher nervös ist. Sigurdsson ist ein Glücksgriff. Selbst wenn viele Spieler ausfallen, jammert er nie.“ Torwart Andi Wolf sorgt mit seinen Glanzparaden laut Pointinger außerdem dafür, „dass die Jungs auf dem Weg Richtung gegnerisches Tor weniger Druck haben, jedes Mal treffen zu müssen.“