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Bundesweiter Protesttag

Am Mittwoch streiken Apotheken in der Region — Das sind die Gründe

Ehingen / Lesedauer: 6 min

Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände ruft zum bundesweiten Protesttag auf. Auch in der Region bleiben die Filialen geschlossen. Das fordern Apotheker von der Politik.
Veröffentlicht:12.06.2023, 05:00

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Wer am kommenden Mittwoch, 14. Juni, auf Medikamente angewiesen ist, tut gut daran, sich diese bereits im Vorfeld zu besorgen. Denn an diesem Tag bleiben die Apotheken geschlossen, lediglich einen Notdienst wird es geben. Grund ist der bundesweite Apotheken–Protesttag der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Sie fordern unter anderem eine angepasste Bezahlung sowie weniger Bürokratie im Versorgungssystem.

Honorar seit zehn Jahren nicht erhöht

In den vergangenen zehn Jahren sei das Honorar an Apotheken nicht mehr erhöht worden, schreibt die ABDA in einer Pressemitteilung. Arztpraxen und Krankenhäuser würden dagegen durch Extra–Zahlungen bedacht werden. Die Folge: In Deutschland schließen so viele Apotheken wie nie zuvor, Personal sei zunehmend schwerer zu bekommen. Das Motto des Streiks fällt daher deutlich aus: „Apotheken kaputtzusparen, bedeutet, die flächendeckende, niedrigschwellige und wohnortnahe Arzneimittelversorgung kaputtzusparen“, so die ABDA.

Wir werden von der Politik nicht unterstützt.“

Traian Ionescu

Auch in der Region bleiben die Apotheken weitgehend geschlossen — beispielsweise die Filialen von Traian Ionescu, Inhaber der Alpha und Marien Apotheke in Ehingen, ebenso wie der St. Martins Apotheke in Allmendingen sowie der Neuen Apotheke in Blaubeuren. „Wir sind für die Patienten beim Streik dabei, um Apotheken vor Ort zu erhalten“, sagt er. „Wir werden von der Politik nicht unterstützt.“

Als traurige Beispiele nennt er Schließungen von Apotheken, wie etwa in Oberdischingen. „Die Menschen von dort müssen jetzt nach Ehingen kommen, um Arznei zu kaufen“, sagt er.

Keine Bewerber zum Vorstellungsgespräch

Ohnehin seien zahlreiche Medikamente sehr schwer zu bekommen, so Ionescu — der bürokratische Aufwand sei enorm. Zudem komme es vor, dass Medikamente gar nicht lieferbar seien, wie beispielsweise Fiebersaft im vergangenen Winter. Arbeitskräfte zu finden, gestaltet sich immer schwieriger. „Es kommen nicht mal Bewerber zu einem Vorstellungsgespräch, alle zieht es in die Industrie“, schildert Ionescu. Seine Meinung ist deswegen klar: „Wir müssen ein Signal senden und zusammenhalten. Das tun wir für unsere Kunden.“

Auch Michael Brzoska von der Rats–Apotheke in Ehingen möchte sich auf jeden Fall am Streik beteiligen. „Seit mehreren Jahren können wir nicht mehr betriebswirtschaftlich arbeiten“, sagt er. Die Notfalldienste hätten immer mehr zugenommen, vergütet werde das dennoch nicht.

„Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Ich brauche Fachpersonal, das auch angemessen bezahlt werden sollte.“ Für die Patienten tue es ihm leid, bei Apothekenschließungen seien sie die Leidgetragenen, erklärt Brzoska.

Lieferengpässe zuletzt immer schlimmer

Lieferengpässe und ein seit zehn Jahren unverändertes Honorar nennt Ulrike Herzog–Gölz von der Linden Apotheke in Ehingen als Probleme. „Wir müssen der Regierung zeigen, dass wir uns nicht hinten anstellen“, sagt sie. „Das Versorgungssystem ist voller Bürokratie. Auf gestiegene Personal– und Energiekosten wird nicht reagiert.“ Zustimmung für den Streik bekomme sie auch von Patienten, mit denen sie bereits gesprochen habe.

Oft stehen hier weinende Mütter und wissen nicht, was sie ohne Medizin tun sollen.“

Regina Fischer

Auch Regina Fischer, die mit ihrem Mann zusammen die Vitalis Apotheke in Ehingen führt, wird mit ihren Apothekern streiken. Die Lieferengpässe seien zuletzt immer schlimmer geworden, insbesondere Antibiotika sei kaum noch zu bekommen. „Oft stehen hier weinende Mütter und wissen nicht, was sie ohne Medizin tun sollen“, schildert Fischer.

Komplizierte Ausbildung für ausländische Apotheker

Als zweites großes Thema führt sie den Personalmangel an. Mit dem Streik wolle man erreichen, dass über Probleme gesprochen und gemeinsam an Lösungen gearbeitet wird. Als Möglichkeit nennt Fischer eine schnellere und einfachere Ausbildung von ausländischen Apothekern. „Aktuell ist das sehr umständlich. Ginge es leichter, kämen sie schneller in ihren Beruf und wir würden schneller Personal bekommen“, erklärt sie.

„Apotheken machen zwei Prozent der Kosten im Gesundheitswesen aus“, erklärt Thomas Mack, Inhaber der Apotheke Dr. Mack am Ehinger Wenzelstein, in Munderkingen sowie in Rottenacker. „Die Politik spart am falschen Ort.“ Folglich wird auch er sich am Streik beteiligen.

Kosten an die Krankenkasse sind gestiegen

Ebenso nennt er die gestiegenen Kosten von 1,77 Euro auf 2 Euro pro Packung an die Krankenkasse. „Alle wollen mehr Geld als Inflationsausgleich. Durch die Preiserhöhung an die Krankenkasse ist uns das Honorar sogar gekürzt worden“, sagt Mack. Wenige Menschen würden noch Apotheker werden wollen, mit den Gehältern in der Industrie könne eine Apotheke nicht mithalten.

„Apotheken werden vergessen“, wird Kurt Jürgen Rauch von der Stadt Apotheke in Schelklingen deutlich und fügt hinzu: „Es gibt seit Jahren keine Anpassung der Dienstleistungen und dennoch sollen wir immer mehr leisten.“

Darum sind Apotheken vor Ort so wichtig

Folgt man den Argumentationen regionaler Apotheker, steckt die lokale Apotheke in einer Krise. Die Notwendigkeit, gerade dagegen etwas zu tun, unterstreicht Andreas Buck, Apotheker in Laupheim und Beiratsmitglied für die Region Ulm im Landesapothekerverband Baden–Württemberg. „Viele Kunden wollen den persönlichen Kontakt nicht gegen Versandhandel tauschen.“

„Vor Ort zu sein und sich Zeit zu nehmen, ist wichtig und geht meistens auch schneller“, erklärt er. Auch die Vergütungskultur müsse sich ändern, insbesondere gegen pharmazeutische Hersteller habe man finanziell keine Chance. „Irgendwann geht uns da die Puste aus“, so Buck.

Nicht alle Apotheken profitierten in der Pandemie

Und dennoch sind die Beiträge an die Krankenkasse angestiegen. „Es wird immer gesagt, dass Apotheken in der Pandemie zu den Profiteuren gehört hätten“, sagt Buck. Einerseits treffe das zu, andererseits hätten kleine Apotheken auch Kurzarbeit anmelden müssen.

Als man uns gebraucht hat, waren wir da. Kaum ist die Krise vorbei, will die Politik das Honorar schon wieder kürzen.“

Andreas Buck

Ebenso kritisiert Buck die Haltung der Politik gegenüber Apotheken, die in der Pandemie zahllose Stunden gearbeitet haben: „Als man uns gebraucht hat, waren wir da. Kaum ist die Krise vorbei, will die Politik das Honorar schon wieder kürzen“, sagt er. „Wir vermissen die Wertschätzung sowie die finanzielle Ausstattung für den Wettbewerb und die Fachkräfte.“ Deshalb ziehe man jetzt die Reißleine — am Mittwoch bleiben die Apotheken geschlossen.

Diese Apotheken haben Notdienst

Wie am Feiertag wird es auch am kommenden Mittwoch einen Notdienst der Apotheken geben. In der Region sind das folgende Filialen: Die Markt Apotheke in Laichingen, die Rats Apotheke in Laupheim, die Antonius Apotheke in Schemmerhofen sowie die Stadt Apotheke in Dietenheim.