Coronavirus

Pandemiebeauftragter spricht von ernster Corona-Lage

Ehingen / Lesedauer: 5 min

Die Zahlen schnellen gerade wieder in die Höhe. Das findet zumindest ein Experte aus dem Alb-Donau-Kreis gar nicht gut. Er ordnet das Ganze aus seiner Sicht ein.
Veröffentlicht:01.07.2022, 17:00

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Die Corona-Zahlen schnellen derzeit wieder in die Höhe. Die meisten Menschen in der Region rund um Ehingen kennen derzeit sicherlich jemanden, der aktuell infiziert ist – oder sind sogar selbst infiziert. SZ-Redaktionsleiter Tobias Götz hat bei Andreas Rost, dem Pandemiebeauftragten des Alb-Donau-Kreises, nachgefragt und sich über die aktuelle Lage erkundigt.

Herr Rost, wie schätzen Sie die aktuelle Corona-Lage in der Region ein?

Aktuell haben wir wieder reichlich Bürger mit Infekt-Symptomen, wie wir es aus dem November kennen. Ungewöhnlich für diese Jahreszeit und die Dunkelziffer ist sicher größer als 50 Prozent. Diejenigen, die wir sehen, haben zu 70 Prozent bereits einen positiven Schnelltest, der sich dann auch bestätigt. Unter denen, deren Schnelltest negativ war, finden sich dann aber nochmals 30 Prozent positive Fälle, der Schnelltest ist also bei Symptomen nicht geeignet, im Übrigen dafür auch nicht zugelassen.

Woran liegt es, dass gerade jetzt die Fallzahlen so rasant steigen?

Wenn wir uns bewusst machen, dass unser Alltag fast die Kontaktzahlen vor der Pandemie wieder erreicht hat, haben wir seit Ende der strengeren Regeln Mitte März das Risiko mindestens mit dem Faktor zehn multipliziert. Dafür ist die aktuelle Inzidenz nur moderat gestiegen. Das alles können wir uns derzeit als Gesellschaft nur leisten, weil die überwiegende Mehrzahl der Infektionen vergleichsweise harmlos mit grippeähnlichen Symptomen verläuft.

Sind Ihnen Fälle von aktuell sehr schweren Verläufen bekannt?

Ja, natürlich gibt es diese Fälle, die in der Klinik behandelt werden müssen weiterhin, aber eben nur Einzelne, deren Risiko dafür auch entsprechend hoch war (Vorerkrankungen und oft ein unzureichender Impfschutz sind die Hauptgründe). In den letzten sechs Monaten haben dafür die Fälle mit deutlich längerem Heilungsverlauf von vier bis sechs Wochen deutlich zugenommen. Hier finden sich junge Gesunde, Geimpfte und Personen mit geringem Risiko gleichermaßen.

Ist das, was gerade passiert, eine Art Vorbote für einen schlimmen Corona-Herbst/Winter?

Im Winter wird sich die Zahl unserer Alltagskontakte in den Indoor-Bereich verlagern. Die Witterung wird unsere Schleimhäute anfälliger machen. Dass weiterhin ein kräftiges Ansteckungs-Potential beim Coronavirus vorhanden ist, lässt sich bereits jetzt gut erkennen. Aktuell sind oft kleinere Gruppen, die sich zur Geburtstagsfeier, einem Ausflug oder auf Veranstaltungen begeben haben, betroffen.

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Hier sehen wir Ansteckungsquoten von 30 bis 50 Prozent. Das alles kommt uns aktuell nur deshalb eher harmlos vor, weil wir die wenigen Schwerkranken nicht in unserem Alltag sehen und der Rest nach zirka einer Woche wieder weitgehend fit ist. Eine neue Variante mit einer erheblich schwereren Verlaufsform (wie zuletzt „Delta“) würde sich trotz unseres Impfschutzes erheblich auswirken.

Wie sollten sich die Menschen gerade im Sommer verhalten?

Unabhängig von der Jahreszeit sollten ein paar wenige Regeln für alle selbstverständlich sein: Masken tragen, wenn es eng wird, zu meinem Schutz, Maske tragen, wenn gefährdete Menschen in meiner Nähe sind, zu deren Schutz. Wer krank ist, sollte sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen, bis er wieder gesund ist. Arztbesuch, gegebenenfalls auch mit PCR-Test, oder wenigstens wiederholte Schnelltestung während der gesamten Krankheitsdauer. Ein einzelner Schnelltest zu Beginn reicht sicher nicht.

Anlassbezogene Selbsttestung, bevor ich mich in Situationen mit engen Kontakten oder gefährdeten Personen begebe (vor der Party, Besuch bei Freunden oder Verwandten), Vervollständigung des Impfschutzes, drei Impfungen für Gesunde, Genesungen sollten nicht mitgezählt werden, eine vierte Impfung für Risikogruppen und im Herbst eine Impfung mit dem neuen Impfstoff für alle. Gesunder Menschenverstand statt Warten auf staatliche Regulierung (zeigen Sie Zivilcourage und übernehmen Sie Verantwortung für sich und Ihr Umfeld). Die neue Testverordnung sollte nicht den Eindruck erwecken, dass sich keiner mehr testen sollte, im Gegenteil, mehr Selbstverantwortung ist gefragt.

Müssen wir uns einfach darauf einstellen, mit Corona zu leben und das Virus wie eine Art Grippe einordnen?

Verschwinden wird Corona sicher nicht. Auch bei der Influenza haben wir alle drei bis fünf Jahre eine Welle, weil wieder eine potentere Variante entstanden ist. Das ist die Natur von Infektionskrankheiten und sie wird immer Schwerkranke und Todesfälle verursachen. Unsere Möglichkeiten, uns vor leichtfertiger Übertragung zu schützen, sind zwischenzeitlich gut verfügbar und geübt, wir müssen sie nur bewusst und gezielt nutzen.

Sollten wir zur Maskenpflicht zurückkehren?

In kritischen Bereichen wird es aus der Erfahrung, wie sich die Bevölkerung verhält, nicht ohne klare gesetzliche Vorgaben gehen. Hierzu gehören sensible Einrichtungen wie Kliniken und Heime, Arztpraxen, Apotheken und Therapieeinrichtungen sowie Bereiche, die allen Bürgern, auch denen mit höherem Risiko, zur Verfügung stehen, also zum Beispiel öffentliche Verkehrsmittel.

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In unserem sonstigen Alltag, also zum Beispiel am Arbeitsplatz, oder beim Einkaufen, kann das jeder selbst entscheiden. Viel wichtiger wäre hier, dass alle, die Symptome haben, sich auch aus der Öffentlichkeit fernhalten und nicht, wie aktuell oft gesehen, trotzdem arbeiten, einkaufen und auf Partys gehen, nur weil ein Schnelltest noch nicht positiv anschlägt, was leider im Verlauf dann oft doch so kommt, und Dutzende Begegnungen gefährdet und angesteckt hat.

Ich persönlich wünsche mir, dass es für uns alle in wichtigen Bereichen selbstverständlich werden muss, zum eigenen Schutz und insbesondere auch aus Solidarität mit vielen Hochrisikofällen, Maske zu tragen. Aktuell erleben wir, dass kaum noch einer eine Maske mitführt, weil es eben nur noch im öffentlichen Verkehrsmittel, in der Arztpraxis und in der Klinik vorgeschrieben ist. Jeder, der mir begegnet und eine Maske mitführt, um sie gezielt einzusetzen, wenn es die Situation erfordert, zeigt gelebtes verantwortliches Handeln. Das muss der Weg sein, staatlicher Zwang alleine ist keine Lösung.