StartseiteRegionalRegion Ulm/Alb-DonauEhingenNach „Bubas“ Abschiebung: Menschen aus der Region kämpfen um seine Rückkehr

Trotz Job musste er nach Gambia zurück

Nach „Bubas“ Abschiebung: Menschen aus der Region kämpfen um seine Rückkehr

Ehingen / Lesedauer: 7 min

Er hatte in der Region Ehingen eine Heimat gefunden, jetzt wurde er nach Gambia abgeschoben. Dagegen regt sich großer Widerstand von Freunden, Arbeitgebern und Fußballern.
Veröffentlicht:04.08.2023, 17:00

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Es ist eine Art Verzweiflung und Unverständnis, was sich seit mehreren Monaten in den Köpfen von Menschen aus Ersingen, Dornstadt und Ehingen breit macht. Denn im November vergangenen Jahres wurde ihr Freund, Mitarbeiter und Fußball-Mannschaftskamerad Bubacarr Jammeh abgeschoben.

Zurück in sein Heimatland Gambia. Und das, obwohl der junge Mann nicht nur einen festen Job, sondern vor allem auch Freunde und Familie in seiner neuen Heimat gefunden hat. Doch für die Abschiebung gab es Gründe.

Über Italien nach Deutschland

Es war das Jahr 2014, in dem Bubacarr Jammeh all seinen Mut aufbrachte und seine Heimat Gambia hinter sich ließ. Über Lybien, das Meer und Italien kam der damals 23–Jährige nach Deutschland und landete über viele Umwege zuerst in der Gemeinschaftsunterkunft in Dellmensingen und letztlich in Ersingen — in einer eigenen Wohnung.

Er hat die Autos für den Verkauf aufbereitet, er war immer ein zuverlässiger, guter Mitarbeiter. Immer freundlich, hilfsbereit und nie krank.

Ralf Schall

Von Beginn an, so erzählen es seine Freunde, war „Buba“ ein Mann, der sich nicht nur seinen Lebensunterhalt durch Arbeit auf dem Markt, bei einem Reiseunternehmen (Busse waschen), bei einem Autoaufbereiter und zuletzt beim Mercedes–Benz Autohaus Schall in Dornstadt selbst verdienen wollte.

Er war auch einer, der sich zuerst bei den Sportfreunden Dellmensingen, dann bei der SG Ersingen als Kicker integriert hat. Sprich: eine feste Arbeit, eine eigene Wohnung und Integration über einen Sportverein.

„Zuverlässiger Mitarbeiter“

„Seit Mai 2022 arbeitete Buba bei uns. Er hat die Autos für den Verkauf aufbereitet, er war immer ein zuverlässiger, guter Mitarbeiter. Immer freundlich, hilfsbereit und nie krank“, sagt sein letzter Chef Ralf Schall, der in seinem Autohaus rund 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Doch die Freude an dem zuverlässigen Mitarbeiter aus Gambia dauerte nicht lange. Am 2. November 2022 wurde „Buba“ von vier Polizisten direkt von seiner Arbeitsstelle in Dornstadt abgeholt.

Der Rest ist relativ schnell erzählt. Bubacarr Jammeh wurde von Dornstadt aus nach Pforzheim in die Abschiebehaft gebracht und wenige Tage später, am 7. November, nach Gambia ausgeflogen und somit abgeschoben. Noch in der Abschiebehaft bekam „Buba“ Besuch von seinem Fußballtrainer, dem Ehinger Patrick Mrochen, der seinen Kumpel dort ebenfalls zum letzten Mal gesehen hat.

Eng befreundet mit „Buba“ ist auch die Ersinger Familie Dürr. Esther Dürr und ihr Sohn Robin bezeichnen ihn bereits als Familienmitglied, das nun schmerzlich fehle.

Freund nach Deutschland holen

Sowohl die Schalls als Arbeitgeber, die Dürrs als Freunde und Familie wie auch Patrick Mrochen als Trainer der SG Ersingen kämpfen nun darum, ihren Freund und Mitarbeiter wieder nach Deutschland zu holen. Hilfe bekommen sie dabei vom Ersinger Unternehmer Dietmar Paal, der sich mit dem Thema Flüchtlinge und der dazugehörigen Bürokratie sehr gut auskennt. Paal selbst kennt „Buba“ und beschäftigt seit vielen Jahren ebenfalls einen Mann aus Gambia, „Bubas“ Freund Lamin.

Paal weiß daher aber auch, dass es sich bei dem Fall „Buba“ um einen schwierigen Fall handelt — aus mehreren Gründen. „Dass er wenige Tage nach seiner Abschiebehaft ausgeflogen wurde, ist normal. Denn diese Zeit ist zu kurz, um mit einem Anwalt noch etwas zu machen. Das ist bei vielen Abschiebungen so“, sagt Paal, der bereits einen Akten–Ordner voller Dokumente mit dem Fall „Buba“ gesammelt hat.

Sein Mitarbeiter Lamin arbeitet seit November 2012 in seiner Firma — mittlerweile habe er es auch geschafft, für Lamin eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Das habe laut Paal aber auch daran gelegen, dass Lamin ihm stets alle Briefe der Ämter vorgelegt habe — um eben darauf reagieren zu können. bei „Buba“ war dies indes nie der Fall.

Aus Angst ignoriert

Den Kampf um „Buba“ hat Paal mit seinen Mitstreitern nun ebenfalls aufgenommen, wohl wissend, dass das nicht einfach werden wird. „Ich tue das auch für Lamin, der seinen Freund sehr vermisst“, sagt Paal, der dann Details nennt, die die Rückholaktion von „Buba“ zumindest nicht einfacher machen.

So habe „Buba“ diverse Schreiben der Ämter in Sachen Asylverfahren „aus Angst ignoriert und niemandem etwas davon gesagt“, sagt Paal. Zudem wurde der junge Mann vor Jahren mit Marihuana erwischt, was die Sache zumindest nicht einfacher mache.

Buba hat eben immer die Hoffnung gehabt, dass sich all die Schreiben der Behörden in Luft auflösen.

Dietmar Paal

Beim zuständigen Regierungspräsidium (RP) in Karlsruhe ist der Fall „Buba“ natürlich auch aktenkundig. Eine Nachfrage der „Schwäbischen Zeitung“ bringt dazu weitere Erkenntnisse, wie die Stellungnahmen der Behörde deutlich machen. „Der Betreffende wurde mit Urteil des Amtsgerichts Ulm vom Januar 2017 zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und vier Monaten auf Bewährung wegen unerlaubten Handels mit Betäubungsmitteln in vier Fällen verurteilt“, schreibt das RP und erklärt dazu:

„Grund der Abschiebung war jedoch nicht diese Verurteilung, sondern die bestehende Ausreisepflicht des Betreffenden, da er kein Aufenthaltsrecht in Deutschland hatte. Der Betreffende war 2014 nach Deutschland eingereist und hatte 2015 einen Asylantrag gestellt. Dieser wurde mit Entscheidung des BAMF im April 2021 rechtskräftig abgelehnt. Er wurde aufgefordert, das Bundesgebiet innerhalb von 30 Tagen freiwillig zu verlassen, andernfalls wurde ihm die Abschiebung nach Gambia angedroht. Von der Möglichkeit einer freiwilligen Ausreise hat der Betreffende keinen Gebrauch gemacht. Er hielt sich weiter unerlaubt im Bundesgebiet auf und kam seiner Ausreisepflicht nicht nach. Infolgedessen wurde er im November 2022 nach Gambia abgeschoben.“

In Luft auflösen

„Buba hat eben immer die Hoffnung gehabt, dass sich all die Schreiben der Behörden in Luft auflösen. Er hat auch immer gesagt, dass alles in Ordnung sei und er hat nie gesagt, dass ihm die Abschiebung droht“, erklärt Paal, der deutlich macht, dass „Buba“ zwar mit den Drogen erwischt wurde, dann aber auch seine fälligen Arbeitsstunden geleistet habe und seither nichts mehr damit zu tun hatte.

Für seinen Vorgesetzten Abteilungsleiter Sascha Zuck ist es nicht nachvollziehbar, warum ein junger Mann, der sich integriert, der selbst für seinen Lebensunterhalt sorgt, abgeschoben wird. Laut seiner Chefin Silke Schall, ist es in der allgemeinen Personal–Situation schwierig für diese anstrengende Art von Arbeit wieder jemand zu finden.

Hart getroffen

Sehr hart getroffen hat die Abschiebung Esther Dürr, die ihren „Buba“ wie einen Sohn behandelt hat. „Er fehlt uns so sehr. Er ist so ein lieber Kerl“, sagt Esther Dürr mit Tränen in den Augen und zeigt dabei Fotos von „Buba“, die er aktuell aus seiner Heimat Gambia schickt. Dort gehöre er zu den „Versagern, die es in Deutschland nicht geschafft haben“, sagt Robin Dürr, der wie seine Mutter Esther weiß, dass „Buba“ in Gambia keine Arbeit finden wird — und in Deutschland auf dem Arbeitsmarkt gebraucht wird.

Wir werden uns für Buba reinhauen. Wir werden versuchen, das Geld über Spenden zu sammeln. Wir kämpfen um seine Rückkehr. 

Patrick Mrochen

Dass „Buba“ in naher Zukunft seine Freunde in Deutschland in den Arm nehmen kann, ist ausgeschlossen, wie das RP deutlich macht: „Derzeit besteht für den Betreffenden aufgrund der erforderlichen Abschiebung ein Einreise– und Aufenthaltsverbot von 36 Monaten ab dem Tag der Abschiebung. Dieses steht einer Einreise entgegen. Nach Ablauf der Frist des Einreise– und Aufenthaltsverbots bedarf es für eine legale Wiedereinreise nach Deutschland der Einholung eines Visums. Für dessen Erteilung ist die deutsche Auslandsvertretung zuständig. Zur Klarstellung wird darauf hingewiesen, dass der Betreffende rechtskräftig abgelehnter und ausreisepflichtiger ehemaliger Asylbewerber ist und gerade kein Flüchtling im Rechtssinne.“

Zudem, das macht Dietmar Paal deutlich, müsste „Buba“ die Abschiebekosten in Höhe von rund 8000 Euro bezahlen, um das Rad der Einreisebürokratie überhaupt wieder in Schwung zu bekommen. „Wir werden uns für Buba reinhauen. Wir werden versuchen, das Geld über Spenden zu sammeln. Wir kämpfen um seine Rückkehr“, macht Patrick Mrochen deutlich, der weiß, dass sein Kumpel „Buba“ so schnell wie möglich nach Deutschland zurück möchte.