StartseiteRegionalRegion Ulm/Alb-DonauEhingenUrgestein der Ehinger Fasnet: 55 Jahre trug er die Maske des Spritzenmuck

Das ist seine Geschichte

Urgestein der Ehinger Fasnet: 55 Jahre trug er die Maske des Spritzenmuck

Ehingen / Lesedauer: 4 min

Erich Leichtle prägte die Figur wie kein anderer. Um die schwere Maske bei Umzügen zu tragen, entwickelte er ein Trainingsprogramm.
Veröffentlicht:12.02.2024, 17:00

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Auf den ersten Blick wird es vielleicht nicht jedem aufgefallen sein. Doch die Rede des Spritzenmuck beim Rathaussturm am Glombigen Doschdig in Ehingen stammte in diesem Jahr zum ersten Mal seit 25 Jahren nicht mehr aus der Feder von Erich Leichtle.

Er hat diese Aufgabe an Wolfgang Rothenbacher abgegeben. Schon 2015 hatte er seinen Platz als Spritzenmuck, Anführer der Muckenspritzer, geräumt und die große Maske weitergegeben - nach 55 Jahren.

Wegen der schweren Maske trainierte er mit Hanteln

11,5 Kilogramm ist die Holzmaske des Spritzenmuck schwer. Diese Last trugen vor allem die Schultern von Erich Leichtle - und das bei Umzügen, bei denen er mehrere Stunden auf den Beinen war.

Auch wenn das allein schon anstrengend war, hatte Leichtle einen besonderen Anspruch an sich: „Ich habe immer so gemacht“, sagt er und zeigt die für seinen Spritzenmuck typische Bewegung - Arme nach vorne und dann zur Seite ausstrecken.

Bei jeder Bewegung der Arme hätten seine Schultern die Maske anheben müssen, erinnert er sich. Und dafür hat er trainiert, mit Hanteln und an der Wand, damit er die Bewegung stundenlang durchhält.

Warum der Spritzenmuck zu Fuß geht

In seinem ersten Jahr als Anführer der Muckenspritzer habe er noch vorne auf einem Wagen gesessen, hinter ihm eine zwei bis drei Meter hohe Figur des Spritzenmuck. Bei Minus 20 Grad Celsius sei es jedoch extrem kalt gewesen, vor allem weil er sich auf dem Wagen nicht bewegen konnte. Deshalb beschloss er: „Der Spritzenmuck läuft beim Umzug.“ Und seitdem geht er zu Fuß.

Eher zufällig wurde er Spritzenmuck

Dass Erich Leichtle überhaupt Spritzenmuck wurde, passierte eher zufällig. Mit 18 Jahren trat er 1958 in die Gruppe ein, die damals aus sieben Leuten bestand und 1957 in die Narrenzunft aufgenommen worden war.

Vom damaligen Spritzenmuck habe er immer wieder die Aufgabe übernommen, die Maske zu tragen, bis er diese schließlich permanent trug. „Das war für mich selbstverständlich, dass ich alles gemacht habe, was zum Verein gehört“, sagt der 84-Jährige. „Ich hab es auch mit Leib und Seele gemacht.“

Es gab immer viele schöne Momente

Bei der Fasnet habe er ständig besondere Momente erlebt, erinnert er sich. Besonders schön seien die Umzüge natürlich bei schönem Wetter gewesen, denn dann habe auch das Publikum am besten mitgemacht. An einen Umzug könne er sich noch besonders gut erinnern: In Sigmaringen habe es einmal „traumhaft schönes Wetter“ gegeben und als der Zug den Berg hinunter unterwegs war, habe man die ganze Stadt unten gesehen. Daran könne er sich noch heute erinnern.

Auch am Glombigen Doschdig auf dem Rathausbalkon zu stehen und den Schlüssel vom jeweiligen Oberbürgermeister überreicht zu bekommen, sei immer ein schöner Augenblick gewesen. Drei Oberbürgermeister standen so dem Spritzenmuck Erich Leichtle gegenüber.

Auch die Reden schrieb er viele Jahre

Für die Reden, die er auf dem Balkon hielt, habe er bereits im Sommer angefangen, zu schreiben. Das sei ihm immer sehr leicht gefallen. „Die Inspiration war einfach da“, sagt er. „Man liest was oder hört was und dann schreibt man das auf.“ Er habe immer besonders aufgepasst, dass seine Rede nicht beleidigend wird, auch wenn der ein oder andere Spruch vielleicht mal ein bisschen weit ging.

Die Stadtoberhäupter hätten es jedoch immer sportlich genommen. Und Leichtle sagt: „Ich habe nicht nur gerügt, ich habe auch gelobt.“ Ihn freue, dass sein Nachfolger Wolfgang Rothenbacher den Spritzenmuck auch weiterhin Schwäbisch sprechen lässt - Hochdeutsch würde nicht passen.

Der Spritzenmuck ist immer dabei

Es sei eine sehr schöne Zeit gewesen. Dass er heute nicht mehr dabei sein kann, sei schon traurig, sagt Leichtle: „Aber es geht halt nicht mehr.“ 2015 habe er langsam Probleme mit dem Laufen bekommen und schließlich mit 75 Jahren die geliebte Maske abgegeben. Denn der Terminkalender des Spritzenmuck ist an der Fasnet voll bis oben hin. Sobald die Ehinger Narrenzunft irgendwo unterwegs ist, ist auch er immer mit dabei - auf Umzügen, Bällen und anderen Veranstaltungen.

Wenn ich gehe, dann gehe ich im Häs.

Erich Leichtle

Als sein eigener Chef in seinem Reifenhandel habe er über seine Urlaubstage glücklicherweise selbst entscheiden können. Im Winter sei dort außerdem nicht so viel los gewesen. Und zum Glück sei auch seine gesamte Familie immer mit dabei gewesen, sagt Leichtle. „Sie waren auch alle Narren.“ Noch heute ist seine Familie in der Narrenzunft, auch wenn einer der Enkel mittlerweile in Oberdischingen in der Narrenzunft Mitglied ist.

Erich Leichtle gab immer alles für die Ehinger Fasnet

Auf dem Umzug am Fasnetsdienstag möchte er in diesem Jahr wieder dabei sein. „Wenn ich gehe, dann gehe ich im Häs“, sagt Leichtle. Seine erste Maske aus dem Jahr 1958 habe er schließlich noch. Er tue das nicht nur wegen der Fasnet, sondern vor allem, um seine Muckenspritzer wiederzusehen. Denn zumindest bis 2015 kennt er alle, die jemals in die Gruppe eingetreten sind. Schließlich nimmt der Spritzenmuck sie traditionell alle mit einem Ritual auf.

Ein bisschen Wehmut überkomme ihn schon, wenn er in der Zeitung zum Beispiel die Bilder vom Glombigen Doschdig sehe, sagt Erich Leichtle - nicht nur, weil er der Spritzenmuck war: „Für mich war das Dabeisein alles. Einhundertprozentig war ich dabei.“