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Holzkonstruktion

Schiefer als das Schiefe Haus in Ulm

Blaubeuren / Lesedauer: 4 min

Führung durch Blaubeuren zeigt architektonische Perlen der Stadt am Blautopf
Veröffentlicht:26.04.2017, 16:47

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„Holzkonstruktionen sind geschwätzig“, hat Architekt Markus Gebhardt aus Blaubeuren seinen Gästen verraten und sie am Samstag bei einer Architektur-Führung ins 15. Jahrhundert mitgenommen. Möglich wurde dies durch ein Angebot der VHS Laichingen-Blaubeuren-Schelklingen, die mit diversen Veranstaltungen das Jubiläumsjahr zum 750-jährigen Bestehen der Stadt Blaubeuren begleitet.

25 gespannte Zuhörer lauschten den Ausführungen des Architekten, der die wohl berühmtesten Gebäude von Blaubeuren, darunter das das Heilig-Geist-Spital und das Kleine Große Haus, saniert hat und somit dort mit jedem Holznagel und Balken persönlich kennt. Klar, dass er gerade diesen Holzkonstruktionen der alten Fachwerkgebäude, die aus dem 15. Jahrhundert stammten, genau zugehört hat und so viel Wissenswertes über die früheren Nutzungen der Gebäude und ihren Veränderungen erfahren hat. Einen kleinen Einblick gab er seinen Gästen.

Bis 2009 als Alten- und Pflegeheim genutzt

Eine Rarität in jeder Hinsicht ist sicherlich der große Spitalgebäudekomplex , der heute das Urgeschichtliche Museum und die Tourist-Information beherbergt. Begonnen wurde mit dem Bau, der aus mehreren Teilabschnitten besteht, im Jahre 1430. Weitere historische Bauabschnitte erfolgten 1457 und 1497. Bis ins Jahr 2009 wurde das mittelalterliche Alten- und Pflegeheim in derselben Funktion genutzt. Nachdem das Gebäude nicht mehr den entsprechenden Anforderungen entsprach, kam es zur grundlegenden Sanierung, bei der der Erhalt der historischen Bausubstanz im Vordergrund stand.

Von Gemütlichkeit war vor 500 Jahren keine Spur

Der Kreativität der Planer und Ausführenden ist es zu verdanken, dass die Museumsbesucher heute noch einen unmittelbaren Einblick in die Lebenswelt des 15. Jahrhunderts erhalten. Löcher in den mächtigen Balken zeigen, wo einmal Wände und Türen gewesen sind, schwarze Verfärbungen an den Deckenbalken weisen auf Feuerstellen hin. Auch eine Stube, die damals einzigen beheizbaren Räume eines Gebäudes, ist in ihrer vollen Pracht zu sehen – und lässt erleben, wie ungemütlich es vor 500 Jahren zugegangen sein muss. Heute ist das Spital ein hochtechnisiertes Gebäude mit allerhand technischen Funktionen im mittelalterlichen Gewand, welches in kürzester Zeit für andere Nutzungen umgestaltet werden könnte, sollte es einmal kein Museum mehr beherbergen.

Haus neigt sich wegen des Untergrunds

Ein Höhepunkt war die nächste Station der Architektur-Führung, das ehemalige Gerberhaus in der Aachgasse 4. Völlig heruntergekommen sieht es aus, und wer genau hinschaut, kann über der Tür das Baujahr in gotischen Zahlen entdecken. Doch Architekt Markus Gebhardt hat die wahre Schönheit des ehemaligen Gerberhauses erkannt. Und er ist sehr stolz auf eine Besonderheit des Hauses: „Das Gebäude hat eine Neigung von elf Grad. Das bekannte Schiefe Haus aus in Ulm ist um zehn Grad geneigt“. Hintergrund ist der Untergrund. Durch Trockenheit und Feuchte verändert sich die Holzkonstruktion. Allerdings konnte er die Besucher beruhigen: „Seit mindestens 100 Jahren hat sich das Haus nicht mehr bewegt“.

Architekt will Haus in Zustand von 1444 zurückversetzen

„Erst 1894 hat man dem Haus das angetan, wie es jetzt aussieht“, bedauert er. Ursprünglich hatte es hölzerne Balkone und im ersten Stock war deutlich eine etwas hervorstehende Stube aus Fachwerk erkennbar. Gebhardt möchte dieses Gebäude wieder in den Stand seines Baujahrs 1444 zurückversetzen. Auch soll das Architekturbüro dort im ersten Stock untergebracht werden. „Wir haben im Haus eine hohe Datendichte, genügend Anhaltspunkte, wie alt die Balken sind, wie welches Holz bei welchen nachfolgenden Bauabschnitten eingesetzt wurde. Fragmente der hölzernen Stubenauskleidung haben wir im ganzen Gebäude verteilt gefunden“, erläuterte er die Detektivarbeit der Architekten.

Allerdings bekommt er Gegenwind von unerwarteter Seite: vom Landesdenkmalamt. Die Denkmalpfleger neigen eher dazu, das Gebäude in seinem jetzigen Stand zur konservieren.

Das dritte Gebäude aus dem 15.Jahrhundert war das Kleine Große Haus . Ursprünglich wohl 1483 als Pfarrhaus erbaut, später Wohnsitz von Ober- und Untervogt, dann als Handwerkerhaus genutzt ist es nun nach der Sanierung ein Bürgerhaus, welches für Veranstaltungen gemietet werden kann.

Auch dieses Gebäude hat natürlich eine Besonderheit: von der Konstruktion her fehlte dem Gebäude die horizontale Aussteifung. „Wackeln Sie einmal an einem Schuhkarton ohne Deckel. So etwa stand das Gebäude bis zu Sanierung da“, wundert sich Gebhardt über die Haltbarkeit dieser scheinbar unglücklichen Bauweise. Auch ist an den Einkerbungen in den Deckenbalken entlang der Außenmauer gut abzulesen, dass im Erdgeschoss ursprünglich wohl eine Fachwerkmauer war. Diese muss im Laufe der Zeit marode geworden sein und wurde durch eine Steinwand ersetzt.