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Bürokratie-Wahnsinn

Skurril: Flüchtling ist nur noch geduldet, hat dadurch aber Vorteile

Allmendingen / Lesedauer: 8 min

Der Asylantrag von Bakary Saidykhan ist abgelehnt, er ist nur noch geduldet. Seine Chancen, nun länger in Deutschland zu bleiben, sind damit aber gestiegen.
Veröffentlicht:04.12.2023, 17:00

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Bakary Saidykhan, ein Flüchtling aus Gambia, arbeitet seit sechs Jahren für den Malerbetrieb Traub in Allmendingen. Erst jetzt erhielt er einen Brief mit der Ablehnung seines Asylantrags. Doch so skurril es klingen mag: Die Ablehnung ist für ihn ein Grund zur Freude.

Denn nun geht er von der Aufenthaltsgestattung in die Duldung über. Und damit hat er endlich mehr Freiheiten. Es eröffnet sich für ihn endlich die Möglichkeit, nach vielen Jahren seine Familie wiederzusehen.

Bakary Saidykhan kann seine Familie wiedersehen

Sabine und Michael Traub wie auch Gisela Engler, die sich um Bakary Saidykhan kümmert, sind überglücklich über den Brief. Der Gambier selbst hingegen wirkt ernst. Er kann sich noch nicht freuen, glaubt es noch gar nicht.

Dabei eröffnet sich mit der Duldung die Möglichkeit, Richtung Heimat zu fliegen und nach so langer Zeit seinen mittlerweile 14-jährigen Sohn und seine 13-jährige Tochter wiederzusehen. Doch vielleicht glaubt er selbst nicht mehr daran. Seine Tochter sagt ihm immer, dass sie es auch nicht tut.

Er musste Frau und Kinder zurücklassen

Bakary Saidykhan ist seit zehn Jahren in Deutschland, seit sieben Jahren in Allmendingen. Soldaten hatten sein Haus in Gambia zerstört und ihn bedroht. Er musste seine Frau und seine beiden Kinder zurücklassen. Seit sechs Jahren arbeitet er für den Malerbetrieb in Allmendingen. „Er hat immer gut gearbeitet, saß aber wie auf einem Pulverfass“, erklärt Sabine Traub.

Denn man sehe ja die Berichte in der Zeitung, wie Flüchtlinge im Handwerk von der Arbeit weggeholt und abgeschoben werden. So waren der Gambier und seine Arbeitskollegen immer in Sorge.

Duldung ist Grund zur Freude

Als seine Abschiebung vor fünf Jahren bevorstand, setzten die Traubs sich für ihren zuverlässigen Mitarbeiter ein und setzten alle Hebel in Bewegung. Ein Anwalt hatte Klage gegen den ersten Negativbescheid eingelegt. Eigentlich folgt dann eine Einladung vor Gericht, erklärt Gisela Engler, die sich ehrenamtlich in Allmendingen um die Geflüchteten kümmert.

„Es kam aber nie was. Bis heute wurde sich nicht um den Fall gekümmert.“ Nun ist der Bescheid vom Bamf also da: Der Asylantrag von Bakary Saidykhan ist abgelehnt, er ist nur noch geduldet. Doch warum ist das ein Grund zur Freude?

Dass sich das Asylverfahren so lang hingezogen hat, ist erst einmal ein Glücksfall, denn so konnte der 41-Jährige in Deutschland Arbeitsjahre sammeln. Warum es nun so lang gedauert hat, wissen die Traubs auch nicht: War es Zufall oder hat es sich gelohnt, dass sich viele für den Gambier eingesetzt haben, vor allem sein Arbeitgeber, Bundestagsabgeordnete Ronja Kemmer und sein Rechtsanwalt?

Reisen innerhalb Europas waren nicht möglich

„Wahrscheinlich war es eine Mischung aus allem“, vermutet Sabine Traub. Wäre er früher in die Duldung gerutscht, wäre er immer gefährdet gewesen, abgeschoben zu werden - und auch mit der Gestattung war Bakary Saidykhan in der ganzen Zeit immer in der Schwebe, sagt Michael Traub, „du kannst keine Wohnung finden, kannst dir nichts aufbauen“.

Der Gambier hat eine Aufenthaltsgestattung erhalten, solange das Asylverfahren läuft - er zeigt einen Schein, der faltbar ist und aussieht wie ein Fahrzeugschein. Die Gestattung ist zwar sicherer als die Duldung. Aber Sabine Traub bemerkte erst kürzlich, wie stark eingeschränkt der 41-Jährige mit diesem Status ist.

Ich kann nicht nach Gambia. Ich habe Probleme mit der Polizei.

Bakary Saidykhan

„Wir hatten dieses Jahr einen netten Praktikanten aus Frankreich da. Danach haben wir gesagt: Jetzt machen wir einen Betriebsausflug nach Paris, alle zusammen, und besuchen ihn“, erzählt Sabine Traub. Doch dann stellte sich heraus: Bakary Saidykhan darf mit einer Gestattung nicht reisen, nicht einmal nach Frankreich. „Das verstehe ich nicht. Das ist doch ein EU-Land. Sonst sind wir doch auch immer eins“, sagt Sabine Traub.

Saidykhan erfüllt die Voraussetzungen

Jetzt, da der Gambier automatisch in die Duldung fällt, kann er erst einen Aufenthalt beantragen - und danach Grenzen überschreiten. „Die Chancen sind gut, weil er alle Voraussetzungen erfüllt“, sagt Sabine Traub. Denn man muss sechs Jahre gearbeitet haben, darf nicht straffällig sein, muss ein bestimmtes mündliches Sprachniveau erreichen und das Zertifikat über den Integrationskurs „Leben in Deutschland“ vorweisen können. Bakary Saidykhan wird erst einmal eine Aufenthaltserlaubnis für zwei Jahre haben, doch sein Rechtsanwalt ist sich sicher, dass er dann verlängern kann.

Dass er überhaupt so lange auf der Kippe stand, findet Michael Traub „verrückt“. Schließlich arbeite er zuverlässig und darüber ist man mehr als froh angesichts des Fachkräftemangels. „Bakary arbeitet super gut. Zusammen mit einem weiteren Mitarbeiter bildet er ein Dreamteam. Da weiß jeder genau, wie der andere tickt“, sagt Sabine Traub. Sie habe oft das Gefühl, „dass genau die Leute abgeschoben werden, die arbeiten“. Dabei zahlen sie doch alles aus der eigenen Tasche, etwa die Krankenversicherung.

Er kann nicht in die Heimat zurück

Gemeinsam kann man nun bald endlich den Betriebsausflug nach Frankreich in die Tat umsetzen. Und der 41-jährige Gambier darf demnächst wohl endlich zu seiner Familie reisen. Allerdings nicht in seiner Heimat. „Ich kann nicht nach Gambia“, erklärt er. Dort würde es Probleme geben, wenn er auftaucht. „Ich habe Probleme mit der Polizei.“

Die Leidtragenden sind die, die arbeiten.

Sabine Traub

Denn er saß vor der Flucht im Gefängnis und wurde von der Familie auf Kaution freigekauft. Dann sei er geflohen, obwohl er das Land nicht hätte verlassen dürfen. Deshalb musste sein Onkel ins Gefängnis und ist während der Haft gestorben. Seine Familie macht ihn nun dafür verantwortlich. Wegen dieser Vorgeschichte wird das Wiedersehen mit seinen Kindern wohl im Senegal stattfinden.

Auch ein Flüchtling aus Mali arbeitet bei Traub

Damit der 41-Jährige Grenzen übertreten darf, war nun also erst einmal die Ablehnung nötig. Es ist nicht nur dieser bürokratische Wirrwarr, der Sabine Traub umtreibt. Es ist auch die Tatsache, dass es bei der Abschiebung oft die Falschen treffe, nämlich diejenigen, die arbeiten. „Meine Erklärung ist: Da gibt es Unterlagen, sie sind gemeldet. Da ist es einfacher, abzuschieben“, erklärt die Allmendingerin.

„Wir waren schon immer für Bleiberecht durch Arbeit“, betont sie. Doch auch bei den aktuellen gesellschaftlichen und politischen Debatten zum Thema Migration habe sie das Gefühl, es werde nicht genug differenziert. „Die Leidtragenden sind die, die arbeiten.“

Seit Mai 2022 ist auch ein Flüchtling aus Mali beim Malerbetrieb Traub beschäftigt. Der 24-jährige Ibrahim Coulibaly hatte das Glück, dass er in der Zeit eine Ausbildung zum Maler- und Lackierergeselle beenden konnte, anders als Bakary Saidykhan - er war zu alt, um eine Ausbildung zu machen - die Grenze lag bei 23 Jahren.

Alle helfen bei der Ausbildung

Im Malerbetrieb in Allmendingen haben alle Mitarbeiter geholfen und haben mit Ibrahim Coulibaly gebüffelt und geübt, damit er durch die praktische Prüfung kommt. „Wir haben uns so gefreut, als er die Ausbildung geschafft hat“, erklärt Sabine Traub. Für den jungen Mann aus Mali war es eine schwierige Situation.

Denn er wusste, was es heißt, wenn er es nicht schafft: Er hätte ausreisen müssen ins Kriegsgebiet. Durch die abgeschlossene Berufsausbildung hat der 24-Jährige nun einen Aufenthaltstitel für zwei Jahre nach dem bestandenen Abschluss, er darf auch etwa nach Frankreich reisen.

Er war 16, als er wegen Krieg aus der Heimat geflohen ist. Seine ältere Schwester hat ihn losgeschickt, sodass zumindest er in Sicherheit ist. Mit einem kleinen Boot ist er übers Mittelmeer gelangt. „Ach, das ist lange her“, sagt er heute. In Deutschland habe er erst Asyl erhalten, dann habe ein Gericht aber entschieden: Es gebe keinen Krieg in seiner Heimat. Bis zum Abschluss der Ausbildung war auch er nur geduldet.

Ibrahim Coulibaly arbeitet auch am Allmendinger Schloss mit

Ibrahim Coulibaly ist fröhlich, lacht viel und spricht gut deutsch. Er geht zum Trainieren und hat viele deutsche Bekannte und Freunde. Die Arbeit macht ihm Spaß, von Anfang an. Für den Betrieb ist er ein „vollwertiger Mitarbeiter“.

Wir sind gottfroh, dass es die beiden gibt und die Zusammenarbeit so gut klappt.

Sabine Traub

Beim Fest für die Handwerker, die an der Renovierung des Allmendinger Schlosses beteiligt waren, wurde Ibrahim Coulibaly hervorgehoben als ein „Paradebeispiel für gelungene Integration“. Fast ein Jahr lag hat er bei den Arbeiten im Schloss mitgewirkt, hat fleißig gespachtelt und tapeziert.

Beispiele gut funktionierender Integration

Auch für Sabine Traub sind die Mitarbeiter aus Gambia und Mali „zwei Beispiele, wie Integration gut funktionieren kann“. Insgesamt gibt es neun Mitarbeiter im Malerbetrieb Traub. „Wir sind gottfroh, dass es die beiden gibt und die Zusammenarbeit so gut klappt“, betont Sabine Traub. Denn klar sei auch: Es ist schwer, jemanden zu finden. „Wir sind immer auf der Suche.“

Mit Geflüchteten sei es anfangs vielleicht etwas mehr Arbeit, vor allem sprachlich. Aber es werde bei ihnen im Betrieb überhaupt kein Unterschied gemacht, und auch nicht auf der Baustelle. „Ich wüsste auch echt nicht weshalb. Es gibt nichts Negatives, was ich berichten könnte“, so Sabine Traub. „Wir sind einfach ein super Team, arbeiten gut zusammen. Jeder geht gerne zur Arbeit.“ Deshalb plane man ja auch einen gemeinsamen Betriebsausflug.