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Für mehr Inklusion

Leben wie in einer Seifenblase: Ehepaar berichtet aus seinem Alltag

Tuttlingen / Lesedauer: 9 min

Carmen und Wolfgang Egle leben von Geburt an mit Hörschädigungen. Als Kleinkind verlassen sie ihre Familien. Ein Grund, warum sie auch im Beruf erfolgreich sind
Veröffentlicht:30.11.2023, 05:00

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Für Wolfgang Egle muss es so gewesen sein, als ob er in seinen ersten Lebensjahren in einer großen Seifenblase gelebt hätte. Er sah seine Mitmenschen, wurde von ihnen gesehen - nur das Kommunizieren war eigentlich nur in der eigenen Familie möglich. Besser wurde dies erst, als der heute 53-Jährige sein Elternhaus verließ. Mit gerade einmal fünf Jahren.

Unter „seinesgleichen“ geht es Wolfgang Egle besser

„Da bin ich richtig aufgeblüht“, sagt der dreifache Vater, der als Baby fünf Wochen zu früh auf die Welt kam und dessen Hörvermögen später durch eine Gelbsucht-Erkrankung stark eingeschränkt wurde. Seine Eltern hatten zwar mit ihm in großer Geduld das Sprechen geübt, sodass er muttersprachlich sprechen konnte.

Im Kindergarten hat es nicht funktioniert. Da fand keine Kommunikation statt.

Wolfgang Egle

Um außerhalb des familiären Umfelds anzukommen, reichte das aber nicht. Auch wenn er mit drei Jahren ein Hörgerät bekam. „Im Kindergarten hat es nicht funktioniert. Da fand keine Kommunikation statt“, erinnert er sich. Vor allem deshalb, weil die anderen Kinder nicht darauf eingestellt waren, dass Egle von ihren Lippen ablesen konnte.

Seine Eltern zogen die Konsequenz, meldeten ihren Sohn im Internat in Stegen, am heutigen Bildungs- und Beratungszentrum für Hörgeschädigte, an. Sonntags ging es immer mit dem Bus von einer Sammelstelle in den 85 Kilometer entfernten Ort nahe Freiburg und freitags wieder zurück.

Für Egle war die Trennung von der Familie nicht das Problem. „Ich bin gerne ins Internat gegangen. Da war ich unter Freunden.“ Auch seine Eltern hätten erkannt, dass er im Internat „unter seinesgleichen“ war.

Der Studiengang startet genau zum richtigen Zeitpunkt

Dort besucht er den Kindergarten, die Grundschule und die Realschule. Auch den Wechsel ins Gymnasium meistert Egle, um 1990 sein Abitur zu schaffen. Der Wunsch, danach zu studieren, erfüllt sich schneller und einfacher als gedacht. Und ein wenig durch eine glückliche Fügung.

„Die Hochschule in Schwenningen hatte den Studiengang Verfahrenstechnik gerade eingeführt. Der Dekan war auch sehr aufgeschlossen, einen Studenten mit Hörschädigung zuzulassen“, sagt Egle. In der neuen, noch kleinen Gruppe an Kommilitonen habe er schnell Anschluss gefunden. Aufgrund der kleinen Gruppe und der Aufgeschlossenheit der Mitstudierenden sei das Studium gut machbar gewesen.

Viele Medikamente klingen doch ähnlich. Da war mir das Risiko zu groß, dass ich das falsche Medikament herausgebe.

Wolfgang Egle

Die Professoren hätten einen Mikroport getragen, der Sprache drahtlos mittels Funkwellen überträgt. Der Empfänger, den Egle getragen hat, übertrug die Worte wieder in Schallwellen. Zudem war er mittlerweile im Lippenlesen geübt. „Schwer war es natürlich, wenn ich in größeren Gruppen war oder sich der Professor beim Schreiben zur Tafel gedreht hat“, meint Egle, der durch die Technik den Professor so hören könnte, als wenn er direkt neben ihm stehen würde und nicht einige Meter entfernt.

Apotheker? Nein, danke. 

Eine berufliche Entscheidung hatte Egle schon vor dem Beginn des Studiums getroffen. Die Apotheke seines Vaters, die sein Bruder Hannes Egle führt, wollte er nicht übernehmen. „Viele Medikamente klingen doch ähnlich. Da war mir das Risiko zu groß, dass ich das falsche Medikament herausgebe.“ Seit nun schon 28 Jahren ist er inzwischen als Abteilungsleiter beim Medizintechnikunternehmen Karl Storz angestellt.

Fast ebenso lang engagiert er sich im Gehörlosenverein Donautal-Heuberg Tuttlingen 1918. Nach 26 Jahren Tätigkeit im Vorstand wird er Ende Dezember das Amt des Vorsitzenden an Simone Großer weitergeben. „Nun ist auch mal Zeit für einen Wechsel“, sagt er. Das Ziel, sich durch den Verein für Menschen mit Hörschädigung einzusetzen, war sehr eng mit dem Leben der Familie verknüpft. Schließlich ist Carmen Egle, die Mutter der drei hörenden Kinder, gehörlos auf die Welt gekommen. Genauso wie ihr Mann hat sich aber auch die 48-Jährige, deren Muttersprache die deutsche Gebärdensprache ist, in der Arbeitswelt behauptet.

Ehepaar Egle redet mit den Händen

Mittlerweile arbeitet sie in der Honberg-Apotheke, ist an zwei Tagen die Woche im Büro tätig. Ihren ursprünglichen Beruf als Industriemechanikerin hat sie nach dem dritten Kind aufgeben. „Sie sollte in Vollzeit wieder zurückkommen.

Das war dann zu viel“, übersetzt Wolfgang Egle, der mit seiner Frau in Gebärdensprache kommuniziert. Weil auch ihre Schwester nicht hörend geboren wurde, hatte Carmen Egle früh von den Eltern diese Form der Kommunikation erlernt.

Wenn man sich bewirbt, heißt es erst: Och, ein Gehörloser. Es wird erst besser, wenn einer schon im Betrieb ist und gezeigt hat, was er kann.

Wolfgang Egle

Im Kindergarten hilft ihr das damals aber auch nichts. Bereits mit vier Jahren geht auch sie in ein Internat - nach Wilhelmsdorf, ins heutige Hör- und Sprachzentrum. Auch Carmen wird dort eingeschult. Nach Grund- und Hauptschule schafft sie auch die Realschule.

Carmen Egle kann selbst sprechen. Sie, so erklärt es ihr Mann, kann die Worte aber nicht in den Lauten ausdrücken, wie hörende Menschen es gewohnt sind. Dies passiere, „weil sie sich selbst nicht hört und dadurch kontrollieren könnte.“

Trotz der mittleren Reife ist ein Ausbildungsplatz aber nicht garantiert. Immerhin, sagt sie, sei der Meister dem Versuch, eine Gehörlose einzustellen, aufgeschlossen gewesen. Nach einer Woche Probearbeit wurde sie dann bei Mahle in Rottweil genommen. „Wenn man sich bewirbt, heißt es erst: Och, ein Gehörloser. Es wird erst besser, wenn einer schon im Betrieb ist und gezeigt hat, was er kann“, sagt Wolfgang Egle, der wie seine Frau Vorreiter im Arbeitsmarkt war.

Kein Gehör, aber das Gespür für die Arbeit

Unproblematisch, so Carmen Egle, sei der Anfang nicht gewesen. Die Kommunikation war lange schwierig. „Es war ein Lernprozess für alle Seiten“, sagt Carmen Egle. Sie habe erst lernen müssen, das Mundbild des Meisters lesen zu können. Und wenn sie etwas sagen wollte, musste sie es aufschreiben.

Dies, sagt Wolfgang Egle, sei für Hörgeschädigte nicht immer möglich. Wenn die Sprache zu spät erlernt wird, kann es sein, dass Gehörlose nicht gut schreiben können. „Dann braucht es einen Übersetzer“, sagt er. Die Arbeiten an der Maschine hätte Carmen Egle ohne Probleme erledigen können. Die höhere Lautstärke habe sie natürlich nicht wahrgenommen, übersetzt ihr Mann. „Aber ich hatte ein Gespür, ob die Maschine gut läuft“, sagt sie. Später arbeitet sie sogar mit einem gehörlosen Kollegen zusammen.

Mittlerweile, meinen die beiden, sei es deutlich besser geworden. Die Technik habe viel gebracht. So nutzen die Egles die Videotelefonie über das Smartphone, um von unterwegs schnell zu kommunizieren. Über die Nora-App können Menschen mit Einschränkungen ohne zu sprechen einen Notruf absetzen. Will Carmen Egle eigenständig Termine ausmachen, nutzt sie einen Video-Telefondolmetscherdienst im Internet.

Hierzu sitzt ein Gebärdensprachdolmetscher in der Leitung und übersetzt die Lautsprache in die Deutsche Gebärdensprache und umgekehrt. Das klappt aber nicht immer. „Beim Arzt ist oft besetzt“, macht Carmen Egle deutlich. Ist eine Online-Terminbuchung nicht möglich, muss sie selbst in die Praxis. Erst ohne, beim Termin dann mit Dolmetscher.

„Das ist schwierig. Man muss den Termin ja mit drei Personen abstimmen“, sagt Wolfgang Egle. Zumal wenig Dolmetscher verfügbar sind und die vorher geplante Zeit bei Arztterminen nicht immer eingehalten werden kann. Erst durch die Anerkennung der Deutschen Gebärdensprache in 2002 wurde es übrigens ermöglicht, dass die Krankenkassen die Kosten für Gebärdensprachdolmetscher übernehmen. Vorher musste man ohne Dolmetscher zum Arzt gehen.

Nach Operation muss Wolfgang Egle das Hören neu erlernen

Da hat es Wolfgang Egle einfacher. In den Jahren 2015 und 2016 wurden ihm Cochlea-Implantate eingesetzt. „Damit haben sich für mich neue Hörwelten erschlossen. Ich konnte Vögel zwitschern hören oder welche Töne klapperndes Geschirr macht“, sagt er. Allerdings habe er sich seine „Hörlandkarte“ auch erarbeiten müssen.

Das ist ein schöner Gedanke, aber schwer umzusetzen.

Wolfgang Egle

„Das war anstrengend“, sagt er. Bei seinen Kindern musste er immer nachfragen, was er da gehört habe, um die Töne zuordnen zu können. Den Umgang mit dem Implantat zu erlernen, sei aber nur eine Voraussetzung für den Hörerfolg. „Der Hörnerv muss noch funktionieren und die Sprache muss schon ausgebildet sein“, sagt Egle. Dies passiere in den ersten sechs Lebensjahren. Kann das Kind nicht sprechen, wird es als Erwachsener auch mit einem Implantat nur Lärm hören, meint er.

Der größte Fortschritt sei die Anerkennung der Gebärdensprache im Jahr 2002 gewesen. Aber auch da gebe es noch Nachholbedarf - in Deutschland, wo es noch regionale Eigenheiten und Dialekte gibt. Viele wissen auch nicht, dass es International in jeder Sprache auch eine eigenständige Gebärdensprache gibt. Somit gibt es keine einheitliche Ausdrucksweise.

Carmen Egle will Austausch mit der Kreisverwaltung suchen

Über ihr Leben, die Fortschritte, Sorgen und Schwierigkeiten können Menschen mit Einschränkungen am Donnerstag, 7. Dezember, berichten. Anlässlich des internationalen Tags der Menschen mit Behinderung wird es im Landratsamt eine sozialpolitische Runde zum Thema „Gehört werden“.

Landrat Stefan Bär und Bernd Mager, Dezernent für Arbeit und Soziales, werden sich die Anliegen der Betroffenen anhören. Neben einem Vortrag über das inklusive Arbeitsprojekt Nudelhaus Trossingen sollen sich im „Markt der Möglichkeiten“ die Institutionen und Angebote im Landkreis Tuttlingen vorstellen.

Vertreten wird der Gehörlosenverein Donautal-Heuberg Tuttlingen 1918 e.V. an diesem Tag von Carmen Egle und Noreen Bürsner. Ein Thema, das den Egles unter den Fingern brennt, ist die Inklusion an Schulen. „Das ist ein schöner Gedanke, aber schwer umzusetzen“, sagt Wolfgang Egle. Es fehle einfach an Dolmetschern, um jedes Kind exklusiv zu betreuen. Sein Vorschlag ist, dass gehörlose Kinder nicht alleine an einer normalen Schule unterrichtet werden.

Es braucht mindestens zwei bis drei gehörlose Kinder pro Klasse, damit auch eine Kommunikation untereinander in der Gebärdensprache möglich ist. Oft schaffen Kinder mit Höreinschränkungen die Grundschule. In der weiterführenden Schule aber kommen sie oft an Grenzen. Wechseln sie dann in Einrichtungen, die darauf spezialisiert sind, geht es ihnen dann wieder deutlich besser. So wie bei den Egles in ihrer Schulzeit.


Der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung ist eigentlich auf den 3. Dezember terminiert. Der Landkreis Tuttlingen wird sich in der folgenden Woche mit der Lebenssituation der Menschen mit Behinderung beschäftigten. Am Montag, 4. Dezember, zeigt das Scala-Kino ab 18 Uhr den Film „All inclusive“. In dem Dokumentarfilm werden vier Sportler aus Deutschland, Finnland, der Mongolei und Kenia begleitet, die an den Special Olympics World Games 2023 in Berlin teilnehmen wollen. Zuvor gibt es einen Weihnachtsmarkt mit sozialen Institutionen.