StartseiteRegionalRegion TuttlingenTuttlingenErst kooperativ, dann genervt: Wie Robert S. vom Zeugen zum Beschuldigten wurde

Mit Fuß- und Handfesseln im Gericht

Erst kooperativ, dann genervt: Wie Robert S. vom Zeugen zum Beschuldigten wurde

Region / Lesedauer: 4 min

Zweiter Tag im Prozess um die verschwundene Jasmin M.: Polizisten berichten von ihrem „Bauchgefühl“ und einer der „größten Suchaktionen“. Verteidiger rügt Ermittlungsarbeit.
Veröffentlicht:28.11.2023, 17:00

Artikel teilen:

Zuerst hatten die Polizisten ein „Bauchgefühl“, wie einer von ihnen aussagt. Und kurz darauf wurde Robert S. verhaftet - er steht im Verdacht, Jasmin M. aus Eigeltingen-Heudorf getötet zu haben. Am Landgericht Konstanz findet jetzt der Prozess gegen den 43-Jährigen statt; am zweiten Verhandlungstag standen die Ermittlungsarbeiten der Kripo im Mittelpunkt.

Mehrere Beamte schilderten, wie sich die Schlinge um den früheren Freund von Jasmin M. immer enger zog; wenige Tage nach der vermuteten Tat wurde er in U-Haft genommen und sitzt jetzt wegen Körperverletzung und Nachstellung mit Todesfolge vor der 4. Strafkammer.

Polizisten aus Pfullendorf, Singen, Tuttlingen und Rottweil schilderten ihre Arbeit in den Februartagen, nachdem Jasmins Mutter sie als vermisst gemeldet hatte - ihre Tochter hatte sich einige Tage nicht gemeldet.

Unklare On-Off-Beziehung

Schnell stand Robert S. damals im Fokus, Jasmins Freund oder Ex-Freund; das Paar hatte zu jener Zeit eine unklare On-Off-Beziehung - mal gab es Kontakt, mal warf sie ihn aus der Wohnung, um ihn kurz darauf wieder einzulassen.

Parallel dazu hatte die junge Frau eine neue Beziehung zu einem anderen Mann aufgenommen. Für Robert S. Anlass, sie mit Anrufen und Chatnachrichten zu stalken und sie sogar mit GPS-Trackern zu orten.

Der Mann wurde seinerzeit zunächst als Zeuge vernommen. Die Vernehmungen bis in die tiefe Nacht fanden im Polizeirevier Singen statt, bald bildete sich bei den Beamten jenes Bauchgefühl, ihr Gegenüber könnte mit dem Verschwinden von Jasmin M. ursächlich zu tun haben.

Aussagen sind nicht mehr eindeutig

In seine Aussage waren kleine Risse eingeschlichen. Zuerst leugnete er, mit Jasmin über die App Snapchat zu kommunizieren - mit der eigentlichen Absicht, ihren Standort herauszufinden.

Dann räumte er diesen Kontakt doch ein. Dann wieder, so ein weiterer Polizist, sprach er unwillkürlich von seiner Freundin in der Vergangenheitsform.

Oder er verhielt sich seltsam widerwillig, als die Soko-Mitglieder seinen VW-Bus durchsuchen wollten - als habe er dort etwas zu verbergen.

Er habe im Laufe der Vernehmung sein Verhalten verändert, so die Aussagen: anfangs kooperativ, ja redselig, dann zunehmend genervt, wobei allerdings die Vernehmung in die frühen Morgenstunden ging und er auch müde und gereizt wurde.

Anwalt legt Widerspruch gegen Polizeiarbeit ein

Dieses erste Verhör bildete im Prozess den Grund für eine Attacke der Verteidigung - sein Anwalt Nicolas Doubleday aus Konstanz rügte mit einem formalen Widerspruch die Ermittlungsarbeit.

Die Polizisten hätten S. als Zeugen vernommen, aber bereits früh als Beschuldigten angesehen - mit diesem rechtlich anderen Status aber hätten sie ihn entsprechend belehren müssen. Da diese Belehrung nicht erfolgt sei, solle das Gericht die Aussagen den Beamten zu dieser Phase der Ermittlungen nicht heranziehen.

Die Kammer um Richter Arno Hornstein wies den Antrag allerdings zurück; die Beiträge der Polizisten bleiben im Protokoll erhalten. Hornstein zufolge haben sich die Ermittler korrekt verhalten, zumal zum Zeitpunkt der Vernehmung auch andere Möglichkeiten wie ein Suizid oder ein Abtauchen der Frau nicht ausgeschlossen wurden.

In Hand- und Fußfesseln hereingeführt

In der Tat aber wurde in jenen späten Februartagen aus dem Zeugen S. tatsächlich bald der Beschuldigte S. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft und wird zu den Verhandlungen in Hand- und Fußfesseln vorgeführt; die Fußfessel werden nicht gelöst. Auch am zweiten Tag wurden Besucher der Verhandlung scharf kontrolliert.

Eine der größten Suchaktionen

Ob es eine konkrete Bedrohung des Angeklagten gegeben hat, bestätigt eine Gerichtssprecherin nicht. Das Sicherheitskonzept haben ihr zufolge Justizwachtmeisterei, Gericht und Staatsanwaltschaft festgelegt.

Als letzter Zeuge am Dienstag schilderte ein Rottweiler Kripobeamter die Suchaktionen im Frühjahr und Sommer - „eine der größten, die wir je gemacht haben“, und das „aus der Luft, zu Land und auf und im Wasser“. Hundertschaften suchten Wälder ab, Leichenspürhunden kamen zum Einsatz, Helikopter und Drohnen: „das komplette Programm.“

Ermittlung aufgrund der Healths App

Beamte krochen in Abwasserrohre, schauten in Silos, kontrollierten landwirtschaftliche Gebäude. Dabei spielten auch Daten des Angeklagten eine Rolle, etwa die Zahl seiner Schritte oder sein Pulsschlag, aufgezeichnet von seiner Health-App hatte sich der Puls bei gemessenen 127 Schritten beschleunigt, war Robert S. wohl eine Anhöhe heraufgegangen.

Doch am Ende blieben alle Bemühungen erfolglos - Jasmin M. ist bis heute verschwunden. Robert S. verfolgte den zweiten Verhandlungstag wie den ersten: teilnahms- und ausdruckslos.