StartseiteRegionalRegion TuttlingenTuttlingen„Frechheit und Wucher“: Schwerbehinderte sauer über Strafzettel

Bußgeld fürs Falschparken

„Frechheit und Wucher“: Schwerbehinderte sauer über Strafzettel

Tuttlingen / Lesedauer: 4 min

Gabriela Beck stellt ihr Auto am Straßenrand ab. Wie so oft in der Vergangenheit. Doch als sie von einem Termin zurückkehrt, erlebt sie eine bittere Überraschung.
Veröffentlicht:30.11.2023, 17:00

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55 Euro Bußgeld fürs Falschparken? Gabriela Beck aus Eßlingen hat einen Strafzettel kassiert und ist konsterniert über „den teuren Gruß der Stadt“, wie sie sagt. „Frechheit und Wucher“ fallen ihr dazu ein. Und sie fragt: „Wo kann ich als Schwerbehinderter noch parken?“

Weit gehen kann sie nicht

Die 61-Jährige hat Long Covid und ist zu 60 Prozent schwerbehindert. Das Gehen bereitet ihr Probleme, sie ist kurzatmig und ermüdet schnell. Vergangenen Freitag musste sie zum Zahnarzt und hat ihren Wagen am Fahrbahnrand der Weimarstraße abgestellt. Ein Hinweis auf ihre Einschränkung, die sie für alle ersichtlich in ihr Auto legen kann, hat sie allerdings nicht, wie sie sagt.

55 Euro sind total überzogen.

Gabriela Beck

„Mir war nicht bewusst, dass man dort nicht parken kann“, erklärt sie die Stelle auf einem Foto. Parkplätze sind aus ihrer Sicht in Tuttlingen knapp, verschärft durch die Brückenbaustelle, und freitags durch den Markt sowieso. „55 Euro sind total überzogen“, fügt sie an, zumal es niemand stören würde, wenn an dieser Stelle Autos parken, findet sie.

Muss sie das Geld bezahlen?

Das hat sie auch bereits mehrfach getan. Ohne Beanstandung. Ihre Empörung über das hohe Bußgeld für sie als Frührentnerin mit kleiner Rente will sie auch dem Oberbürgermeister schriftlich mitteilen.

Wenn wir da kulant sind, können wir es gleich sein lassen.

Stadtsprecher Arno Specht

Und dann? Muss sie weniger bezahlen? „Nein“, entgegnet Stadtsprecher Arno Specht. „Wenn wir da kulant sind, können wir es gleich sein lassen.“ Er verweist auf andere Städte, die viel restriktiver seien. So wie Rottweil. Dort seien nur noch bestimmte Flächen zum Abstellen der Autos ausgewiesen. Wo nichts gekennzeichnet sei, koste das Parken viel Geld.

Den Grünstreifen gibt es nicht mehr

„Die Dame hat schlicht und einfach falsch geparkt“, sagt er zum Bußgeldbescheid für Gabriela Beck. „Parken auf dem Grünstreifen“, steht als Begründung auf dem Zettel. Grün findet man dort zwar kaum. Und zwar aus dem Grund, dass dort viele widerrechtlich abgestellte Fahrzeuge geparkt würden. „Leider. Und genau deswegen kontrollieren wir ja“, sagt Specht.

Gabriela Beck fragt sich, wo sie als Schwerbehinderte noch parken kann. Und das Problem betreffe ja nicht nur sie, schildert sie den Fall einer jungen Frau mit Baby und Kinderwagen. Auch diese Mutter sei darauf angewiesen, möglichst innenstadtnah zu parken, wenn sie Erledigungen machen wolle.

Dort hat es Parkplätze

Die Stadt verweist auf einen Behindertenparkplatz auf Höhe des Gebäudes Kohler-Gehring und einen weiteren direkt vor dem Gebäude der Postbank. Doch die sind ausschließlich für Autos, die mit dem blauen EU-Parkausweis samt Rollstuhl-Symbol gekennzeichnet sind.

Das liegt nicht etwa daran, dass wir in Tuttlingen besonders gemein oder teuer sind.

Arno Specht

Insgesamt gebe es momentan 15 Stellplätze weniger durch die Brückenbaustelle. Zu Beginn der Baumaßnahme habe der Vollzugsdienst vor allem auf dem Donauspitz auf die wegfallenden Parkplätze und veränderten Parkregelungen hingewiesen. Dazu wurden an falsch parkende Autos nur kostenfreie Verwarnungen gesteckt.

„Es ging dabei vor allem darum, den Menschen etwas Zeit zu geben, sich an die veränderte Situation zu gewöhnen“, so Specht. Nach dieser Übergangsphase wurde wieder wie üblich verwarnt.

Das sagt das Schild aus

Den Hinweis darauf, dass das Parken an der Stelle, an der Gabriele Beck ihren Wagen abgestellt hat, nicht erlaubt ist, gibt das Schild mit dem blauen P, wie auf dem Foto zu sehen. Denn die Regelung gelte immer nach (!) dem Schild. Folglich ist der vordere Bereich - der Grün/Schotterbereich - nicht als Parkfläche gekennzeichnet. „Außerdem ist am Rand eine weiße, durchgezogene Linie“, so Specht. Diese darf nicht überfahren werden. Nur im Notfall, und dazu zähle Parken nicht.

Auch die Führung des Bordsteins gebe einen Hinweis, dass man dort nicht parken darf.

Dass das Bußgeld fürs Falschparken 55 Euro umfasst, resultiere daraus, dass sich die Stadt an Angaben aus dem bundesweit gültigen Tatbestandskatalog halte. Specht: „Das liegt nicht etwa daran, dass wir in Tuttlingen besonders gemein oder teuer sind.“

Zahlen oder nicht?

Was macht Gabriela Beck nun? Das Bußgeld bezahlen? „Ja, es bleibt mir ja nichts anderes übrig“, meint sie. Sie sagt: „Mehrere Passanten, die meinen Unmut mitbekommen haben, waren genau so schockiert wie ich.“ Und dann gleich 55 Euro berappen - das sei viel Geld für sie.