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Ganz ohne Chemie

Trinkwasser aus der Kläranlage: Tuttlinger Firma macht's möglich

Tuttlingen-Nendingen / Lesedauer: 6 min

Jede Dreckbrühe kann die Firma Strecker für den Menschen aufbereiten. Dazu braucht sie nur Strom und Luft. Davon hat sich nun ein prominenter Besuch überzeugt
Veröffentlicht:26.10.2023, 18:07

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Das ist Innovation made in Tuttlingen: Egal ob dunkelbraune Dreckbrühe oder schneeweißes Kalkwasser, die Firma Strecker Wassertechnik verwandelt auch diese Flüssigkeiten wieder in Trinkwasser. Und das ganz ohne Chemie.

„Mein Respekt, dass so eine Technik bei einem unserer Mittelständler entsteht“, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der das Unternehmen am Donnerstag besucht hatte.

Anna, Dirk, Anton, Aline und Marc Strecker freuen sich über den Besuch von Ministerpräsident Winfried Kretschmann.
Anna, Dirk, Anton, Aline und Marc Strecker freuen sich über den Besuch von Ministerpräsident Winfried Kretschmann. (Foto: Matthias Jansen)

Einen so prominenten Gast, meinte Marc Strecker, der zusammen mit seinem Bruder Dirk Strecker die Geschäfte des Familienbetriebs in zweiter Generation führt, habe er in seiner Firma noch nicht gehabt.

Aber es passt wohl zum Satz: Ehre, wem Ehre gebührt. Schließlich sind die Nendinger auf dem Gebiet der Wasserversorgung Vorreiter. „Wir können Wasser jeder Herkunft reinigen. Dazu brauchen wir nur einen Wasserauslass“, erklärt Dirk Strecker.

Wasser wird so gut gereinigt, bis kaum noch Wasser übrig ist

Im Gegensatz zur Konkurrenz reinigen die Anlagen der Firma Strecker nämlich nicht mit Chemie, sondern mit Wasser, Strom und Luft. „Alles, was wir nachher rausspülen, ist konzentrierter Dreck und Luft“, meint Dirk Strecker.

Da haben wir beim Wasser eine Ausbeute von 99 Prozent. Und das schafft sonst keiner.

Dirk Strecker

Bei den neuesten, zweistufigen Anlagen, die auch Arzneimittelrückstände und Mikroplastik über Aktivkohle aus dem Wasser holen können, wird nach der ersten Filtration auch das Wasser aus dem Spülvorgang noch einmal aufbereitet. „Da haben wir beim Wasser eine Ausbeute von 99 Prozent. Und das schafft sonst keiner“, meint Dirk Strecker. Und das letzte Prozent Wasser mit wenigen Trübstoffen kann dann bedenkenlos in die Umwelt zurückgeleitet werden.

Diese Anlage reinigt Wasser zu 99 Prozent.
Diese Anlage reinigt Wasser zu 99 Prozent. (Foto: Matthias Jansen)

Angefangen hat das Unternehmen vor rund 40 Jahren. Anton Strecker hatte die Firma mit einem Partner gegründet. Seit mehr als 20 Jahren setzen die Nendinger dabei auf eine Membrantechnik, durch die das Wasser von den Feststoffen gereinigt wird.

Der Grundgedanke des Verfahrens liegt bei unserem Vater.

Marc und Dirk Strecker

„Damit waren wir die erste Firma auf dem Markt in Deutschland“, sind die Streckers stolz. Damals habe man aber noch Chemie zum Reinigen genutzt. Erst seit zehn bis zwölf Jahren kommt das patentierte umweltfreundliche System der Luft-Wasser-Spülung zur Anwendung.

Firmengründer mit Eingebung und gegen Widerstände

Wie Anton Strecker auf diese Idee gekommen sei, wollte Kretschmann wissen. „Manchmal ist es wie eine Eingebung, wenn man sich sein Leben lang mit Wasserversorgung beschäftigt“, erklärte der Firmengründer. Und obwohl der Hersteller der Membran meinte, dass der vom Wasser abgetrennte Schmutz nicht mit Luft aus dem Filter entfernt werden könnte, blieb Anton Strecker hartnäckig.

„Der Grundgedanke des Verfahrens liegt bei unserem Vater“, sagen Marc und Dirk Strecker, die das Verfahren immer wieder verbessert haben. Zwischen vier und fünf Millionen Euro beträgt der Jahresumsatz der Firma, die 16 Mitarbeiter beschäftigt.

Filteranlagen versorgen mehr als 800.000 Menschen 

Alle Ultrafiltrationsanlagen, die die Firma Strecker bisher in Städten und Gemeinden eingebaut hat, können zusammen 3500 Kubikmeter Trinkwasser pro Stunde bereiten. Damit ließen sich ‐ bei einem geschätzten Verbrauch von 100 Liter pro Person ‐ rund 840.000 Einwohner versorgen.

Die Larve soll nicht in das System kommen.

Michael Beck

Neben Feststoffen, Rückständen von Medikamenten oder Mikroplastik lässt sich durch die Ultrafiltration auch die Larve der Quagga-Muschel aus dem Wasser entfernen. Jene Muschel, die sich auch in den Anlagen des Zweckverbands Bodensee-Wasserversorgung festsetzt und so eine Gefahr für die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung ist.

„Die Larve soll nicht in das System kommen“, macht Michael Beck, Oberbürgermeister von Tuttlingen und Vorsitzender des Zweckverbands, deutlich.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann redet in der Werkstatt mit den Geschäftsführern Marc und Dirk Strecker (von links) sowie dem neuen syrischen Mitarbeiter, der nun eine Ausbildung begonnen hat.
Ministerpräsident Winfried Kretschmann redet in der Werkstatt mit den Geschäftsführern Marc und Dirk Strecker (von links) sowie dem neuen syrischen Mitarbeiter, der nun eine Ausbildung begonnen hat. (Foto: Matthias Jansen)

Bis 2041 will der Zweckverband mehrere hundert Millionen Euro für das Projekt Zukunftsquelle ausgeben, um die Trinkwasserversorgung sicherzustellen. Die Technik des Nendinger Unternehmens ist dem Zweckverband durchaus bekannt. „Die Technik hat ihre Tauglichkeit bei uns auf dem Prüfstand über Jahre erwiesen. Sie entfernt zuverlässig Partikel aus dem Rohwasser“, erkennt Peter Schick, Laborleiter der Bodensee-Wasserversorgung an.

Problem bei Ausschreibungen

Generell würde die Firma Strecker Wassertechnik gerne an mehr Ausschreibungen für Aufträge teilnehmen. Weil das Filterverfahren ohne den Einsatz von Chemie aber patentiert und damit einzigartig sei, gebe es eigentlich keinen Wettbewerb. Man könne eigentlich nur im Nebenangebot teilnehmen, weil man im Vergleich zur Konkurrenz auf Chemie verzichte.

Es gibt einen Weg, wenn der Auftraggeber das entsprechend reinschreibt.

Michael Beck

„Außerdem können wir oft nur an den Ausschreibungen mitmachen, wenn wir alle Bedingungen erfüllen. Da sind die Aufträge für unser Unternehmen aber zu groß. Und vergrößern wollen wir uns auch nicht. Wir wollen die Ultrafiltration bauen und nicht das ganze Wasserwerk“, meinte Dirk Strecker.

Ministerpräsident Kretschmann sagte zu, dass man die Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen überprüfen werde. „Allerdings glaube ich, dass mehr über die Art der Ausschreibung möglich ist, als durch die Änderung der VOB“, so der Landesvater. Dies unterstrichen auch Michael Beck und Christoph Jeromin, Geschäftsführer der Bodensee-Wasserversorgung. „Es gibt einen Weg, wenn der Auftraggeber das entsprechend reinschreibt“, meinte der Tuttlinger OB.

Nach der Filtration kann auch Klärwasser getrunken werden

Zukünftig will die Firma Strecker nicht nur in der Wasserver-, sondern auch in der Abwasserentsorgung tätig sein. Versuche in Klärwerken hätten gezeigt, dass die Filteranlage einer vierten und fünften Klärstufe gleich kämen. „Das Wasser kann man danach trinken. Nur macht der Kopf da noch nicht mit“, meint Dirk Strecker. Dennoch haben sie einen Wunsch: „Mit dem hygienisierten Wasser aus dem Klärwerk kann man mehr machen, als es nur die Donau herunterlaufen zu lassen“, findet er.

Beispielsweise könnte das Wasser in Behältern gesammelt werden, damit Landwirte oder der städtische Bauhof damit Pflanzen gießen. Diese Verwendung von Wasser aus der Kläranlage wäre dann auch wieder ziemlich innovativ.