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So geriet die Musikschule Trossingen in finanzielle Turbulenzen

Trossingen / Lesedauer: 4 min

2024 besteht die Einrichtung 50 Jahre. In den 1990er Jahren war ihr Fortbestand gefährdet. Die Gegenmittel zur Existenzsicherung waren drastisch - für Lehrer und Eltern.
Veröffentlicht:11.02.2024, 10:00

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Die Musikschule Trossingen besteht 2024 seit 50 Jahren. In einer Serie blicken wir auf die Geschichte der Trossinger Institution mit den Aufs und Abs. Im zweiten Teil stehen die Entwicklungen ab Mitte der 1980er und in den 1990er Jahren, als die Musikschule in finanzielle Nöte geriet, im Mittelpunkt.

In den 1980er Jahren war die Musikschule Trossingen im Aufwind. Zum 15-jährigen Bestehen nannte der damalige Bürgermeister Heinz Mecherlein die Jugendmusikschule einen „nicht mehr wegzudenkenden Kulturträger unserer Stadt“, die mit ihrer Talentschmiede zu den erfolgreichsten Musikschulen bundesweit gehöre. Der seinerzeitige Landrat Hans Volle attestierte der Musikschule eine „optimale Arbeit“.

Ende des Diaspora-Daseins

Bereits zuvor war die Einrichtung endlich umgezogen - in das frühere Gebäude der Musikhochschule gegenüber des Rathauses, das renoviert wurde. „Das jahrelange Diaspora-Dasein der Jugendmusikschule hat nun ein Ende“, schrieb damals die Trossinger Zeitung - und erinnerte an den jahrelangen Unterricht in den „Katakomben“ der Friedensschule und Privaträumen von Lehrkräften.

Das neue Musikschulgebäude war durch den Umzug der Verwaltung der Hochschule frei geworden. Lediglich die Bücherei der Musikhochschule blieb zunächst noch, so dass die Musikschulgruppe der musikalischen Früherziehung vorerst weiter mit der Friedensschule vorlieb nehmen musste. Die Rahmenbedingungen verbesserten sich: die 48 Musikschullehrer und die insgesamt 1.200 Schüler konnten endlich unter einem Dach arbeiten.

Ausweitung auf Spaichingen

Einen weiteren Meilenstein der Musikschulhistorie brachte das Jahr 1989: Die Trossinger Institution begann mit dem Unterricht in Spaichingen - zwölf Räume im dortigen Franziskushaus standen damals dafür zur Verfügung. Die Stadt Spaichingen half mit, die Versorgung der Schule mit Instrumenten zu verbessern und schaffte je zwei zusätzliche Klaviere und Flügel an. Gut 300 Schüler nahmen seinerzeit in Spaichingen die Angebote wahr, betreut von rund 30 Lehrkräften.

1992 endete nach 18 Jahren die Ära des Musikschulleiters Rudolf Tschabrun, der als Landesmusikreferent ins Vorarlberger Kultusministerium wechselte. Die hiesige Presse feierte den scheidenden Leiter damals als „musikalischen Tausendsassa und Liebling der Musen“ mit einem „fast schon phänomenal zu nennendem Gespür für Marktlücken“.

Neuer Leiter aus NRW

Sein Nachfolger wurde der bisherige Musikschuldirektor von Lüdenscheid in Nordrhein-Westfalen, Johannes Linnartz - der sich gegen immerhin 34 andere Bewerber um den Posten durchsetzte. Dessen Ziel zum Amtsantritt war unter anderem, den Bereich der Popularmusik auszubauen - etwa mittels des Aufbaus einer Jazz/Pop-Big-Band.

Die Jugendmusikschule Trossingen hatte sich unterdessen weiter ausgedehnt - bis auf den Heuberg: Mitglieder im Jugendmusikschulverein waren die Gemeinden Spaichingen, Aldingen, Durchhausen, Gunningen, Denkingen, Frittlingen, Bubsheim, Deilingen und Mahlstetten. Wesentlicher Grund für die Einbindung acht weiterer Gemeinden in den Trägerverein war es, die Schule mit ihren damals etwa 1.300 Belegungen finanziell besser abzusichern.

Geschäftsführer seit 32 Jahren

Eine weitere Personalie aus dieser Zeit hat bis heute Fortbestand: Der langjährige Geschäftsführer Roland Strohm verließ die Musikschule in Richtung Bundesakademie für musikalische Jugendbildung - sein Nachfolger wurde Jürgen Messner, der dieses Amt auch anno 2024 noch innehat. Der gebürtige Trossinger war zum Start 24 Jahre jung und hatte sein Geld zuvor bei der Trossinger Volksbank verdient.

1994 folgte der Trossinger Bürgermeister Lothar Wölfle Heinz Mecherlein als Vorsitzender der Jugendmusikschule. Mitte der 1990er Jahre machten der Trossinger „Talentschmiede“ Sparzwänge zu schaffen: „Das Land kürzte die Zuschüsse“, erinnert sich Jürgen Messner. „Um die Tarifverträge einzuhalten, mussten der städtische Zuschuss sowie die Elternbeiträge laufend erhöht werden.“ Mitte der 1990er Jahre lag der städtische Zuschuss bei jährlich rund einer halben Million D-Mark.

Saftige Gebührenerhöhung

„Interne Strukturmaßnahmen mit der Umstellung auf kürzere Unterrichtseinheiten und ein deutlich erhöhter Anteil von Gruppenunterricht sowie massive Kürzungen des Ensemble- und Orchesterbereichs fanden wenig Zustimmung bei den ambitionierten Musikschullehrkräften“, blickt Jürgen Messner auf jene Jahre zurück. 1995 wurden die Gebühren um acht Prozent erhöht, die Stellen ausscheidender Musiklehrer wurden nicht neu besetzt, um Geld zu sparen. Zudem wurde 1996 der sogenannte Ferienüberhang umgesetzt mit der Folge, dass die Lehrkräfte bis zu drei Wochenstunden mehr zu unterrichten hatten.

Leiter Johannes Linnartz sagte damals, dass die Jugendmusikschule „jetzt mit den letzten Reserven“ fahre. Der Beschluss zur Gebührenerhöhung, „um unsere Institution zu erhalten“, sei im Vorstand nicht einstimmig erfolgt. Für viele Trossinger Eltern wurde es schwieriger, ihrem Kind die Ausbildung an einem Instrument zu finanzieren. Von der Erhöhung betroffen waren 1.200 Schüler, dazu kamen 100 Seminarschüler an der Musikhochschule. Mit einem Deckungsgrad von 53 Prozent des Haushalts aus den Elternbeiträgen nahm die Trossinger Schule im Land eine Spitzenstellung ein.

Erfreulicheres als die finanzielle Situation stand dann 1997 an: Da waren Trossingen und seine Musikschule Schauplatz des Landeswettbewerbs „Jugend musiziert“.