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„Die Panik blockiert alles und ist übermächtig“

Spaichingen / Lesedauer: 4 min

Silke Porath beschreibt in einem humorvollen Ratgeber ihren Kampf gegen die psychische Erkrankung
Veröffentlicht:03.02.2012, 12:30

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„Keine Panik vor der Panik. Kleine Tipps gegen die große Angst. Ein persönlicher Ratgeber“ – so heißt das neueste Buch von Silke Porath. Es beschreibt recht unterhaltsam eine ganz und gar nicht lustige psychische Erkrankung. Unsere Redakteurin Regina Braungart sprach mit der 41-jährigen Autorin, die im schwäbischen Spaichingen mit ihrem Mann und drei Kindern lebt.

SZ : Frau Porath, wodurch unterscheidet sich eine Panikattacke von „normaler“ Angst?

Silke Porath: Auf einem Turm zu stehen und zu befürchten herunterzufallen – das kennt jeder. Aber bei einer Panikattacke hört das nicht auf, sondern wird schlimmer. Es ist die reine Todesangst mit Herzrasen, Übelkeit, Schweißausbrüchen. Die Panik blockiert alles und ist übermächtig.

SZ: Sie beschreiben die Panikanfälle an vielen Stellen wie eine nutzlos übrig gebliebene archaische Eigenschaft von „Herrn und Frau Sapiens“ – wieso endet das in einer Krankheit?

Porath: Weil wir diese Reaktionen nicht mehr zur Flucht vor einem Säbelzahntiger brauchen. Wir haben heute Angst vor Autounfällen, Krankheiten, Arbeitslosigkeit. Da nutzen uns der erhöhte Adrenalinspiegel und eine schnelle Herzfrequenz, die eine schnelle Flucht ermöglichen, nichts mehr. Im Gegenteil, es steigert den Stress als Auslöser der Panik.

SZ: Ein Arzt hat einmal gesagt, das Hirn laufe heiß wie ein Motor …

Porath: …wie eine Festplatte, die voll ist. Aber bei jedem ist der Auslöser ein wenig anderes, aber Stress ist einer der Hauptauslöser, Traumata weniger.

SZ: Aber dann könnten von Ihren Tipps – richtig atmen, viel bewegen, gut entspannen, eine Therapie machen – auch Menschen profitieren, die stressbedingt auf dem besten Weg sind, krank zu werden?

Porath: Aber sicher! Viele haben das berühmte Burnout-Syndrom. Die Kunst ist allerdings, das rechtzeitig zu merken.

SZ: Aber es gibt doch Anzeichen, oder muss man richtig übel krank werden?

Porath: Ja, es gibt schon Anzeichen. Du schläfst schlecht, fühlst dich nicht wohl, kommst einfach nicht mehr runter, bist ständig angespannt, das sind schon Anzeichen.

SZ: Und wann muss man zum Arzt?

Porath: Ich bin erst zum Arzt, als ich nicht mehr konnte. Ich war drei Wochen lang aus dem Verkehr gezogen. Es ging nichts mehr. Ich weiß von diesen drei Wochen auch so gut wie nichts mehr. Denn in der ganzen Zeit zuvor richtig zu funktionieren, sich nichts anmerken zu lassen, das kostete viel Kraft.

SZ: Fällt Ihnen das Reden über Ihre Krankheit schwer?

Porath: Jetzt nicht mehr. Wichtig für mich war zu wissen, dass ich nicht verrückt bin. Ich bin immer offen damit umgegangen, kenne aber auch welche, die sich jahrelang verstecken. Das ist sehr anstrengend.

SZ: Sie sind in ihrer Heimatstadt und weit darüber hinaus bekannt als Autorin mit einer wunderbar komischen, manchmal auch schrägen Schreibe, die Lesewettbewerbe moderiert, sich viel engagiert. Ist das alles Tarnung?

Porath: Nee, da geht’s mir wirklich gut. Ich bin ja nicht verrückt und sonst ein ganz fröhlicher Mensch.

SZ: Wie beschreiben Sie die Krankheit?

Porath: Das ist wie ein Gehirnschnupfen! Es ist eine Krankheit, gegen die man etwas tun kann mit Medikamenten, Therapien, Bewegung des Körpers. Und wenn ich das hinkriege, dann kriegt das jeder hin.

SZ : Es gibt in

Porath: Meine Familie stand von Anfang an hinter mir, hat nie gedacht, ich hätte nicht alle Tassen im Schrank. Ich habe während der ersten Zeit tatsächlich Bekannte verloren, aber ich brauche keine Energiestaubsauger! Bei einem dünneren Adressbuch hat man schon nicht so viele Urlaubspostkarten zu schicken (lacht). So viel Mut braucht man nicht. Klar, es wird gelästert. Aber das macht mir nichts aus. Nein, es ist eigentlich eher so, dass ich sogar viele neue und nette Leute kennengelernt habe, auch viele, die gesagt haben, es sei ihnen auch so ergangen.

SZ: Ihr Büchlein ist ganz anders geschrieben als die sonst manchmal sehr schweren Psycho-Ratgeber. Haben Sie dazu schon Reaktionen?

Porath: Es kommt ja erst in diesen Tagen raus. Aber ich weiß, dass Therapeuten es schon ihren Patienten empfohlen haben. Die Autorenexemplare habe ich schon verteilt und als erste Reaktion kam, dass man mich für Vorträge angefragt hat. Es scheint also ein Thema zu sein. Und was das Witzige angeht: Ich kann’s halt nicht anders. Es liest sich leicht und in dem Moment, in dem man auch lachen kann, liest man mit einem anderen Horizont. Wer in der Situation ist, eine Panikattacke zu haben, kann etwas Schweres gar nicht lesen. Je ernster man mit der Angst umgeht, desto mehr Raum nimmt sie ein.

SZ: Es gibt ja nichts Subversiveres als über jemanden oder etwas zu lachen, oder?

Porath: Genau, die Angst beherrscht einen dann nicht mehr so, wenn es gelingt, auch über sie zu lachen.