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Schizophrenie

Täter muss trotz Schizophrenie ins Gefängnis

Rottweil / Lesedauer: 3 min

33-jähriger Tuttlinger hat Bankkunden an Geldautomaten aufgelauert und überfallen – Chaotischer Prozess
Veröffentlicht:21.11.2013, 17:45

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Mit einer überraschenden Entscheidung ist am Donnerstag der Prozess gegen einen Deutsch-Russen aus Tuttlingen zu Ende gegangen, der zu Beginn des Jahres mehrere Bankkunden im Kreis Tuttlingen an Geldautomaten überfallen hatte (wir berichteten): Die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Rottweil verurteilte ihn zu einer siebeneinhalbjährigen Haftstrafe wegen schwerer räuberischer Erpressung in vier Fällen und vorsätzlicher Körperverletzung.

Das kam insofern unerwartet, als Staatsanwalt Michael Gross in seiner Anklage von einer verminderten Schuldunfähigkeit wegen einer paranoiden Psychose ausgegangen war. Der Angeklagte hatte bereits am ersten Verhandlungstag mit lauten Schreien und Bemerkungen massiv gestört. Der Prozess stand mehrfach kurz vor dem Abbruch und konnte nur dank der Leidensfähigkeit der Beteiligten zu Ende geführt werden.

Staatsanwalt Gross hatte neun, Pflichtverteidiger Wolfgang Burkhardt sieben Jahre Gefängnis gefordert.

Auch bei der Urteilsverkündung und -begründung herrschte eine gespenstige Atmosphäre im Gerichtsaal. Der 33-Jährige mit dem langen Rauschebart wurde – in Begleitung von zwei Polizisten, zwei Justizvollzugsbeamten und einer Dolmetscherin – mit Fußfesseln vorgeführt. Er war kaum zu bändigen. „Ich scheiß auf Gesetze“, schrie er zu Beginn. Und: „Nur die Dummen befolgen die Gesetze.“ Immer wieder übertönte er Karlheinz Münzer , den Vorsitzenden Richter. Doch der ließ sich davon nur wenig beeindrucken, auch nicht von Beleidigungen wie „Sie sind blöd.“

Zwar habe „der sehr erfahrene psychiatrische Sachverständige“ eine „paranoide Schizophrenie“ festgestellt, die aber nur phasenweise auftrete und mit Tabletten gut beherrschbar sei, so Münzer. Das Gericht sei zur Überzeugung gekommen, dass bei den Taten keine akute Krankheitsphase vorgelegen habe. Dafür spreche „das außerordentlich planvolle und durchdachte Vorgehen“. Zudem habe der durchaus intelligente Angeklagte ein „vollumfängliches Geständnis mit vielen Einzelheiten“ abgelegt.

Als der Richter den aggressiven 33-Jährigen, der alle soziale Regeln und Normen missachte, zur Mäßigung aufforderte, antwortete dieser in bestem Deutsch: „Ruhig sein heißt einverstanden zu sein.“

Er war als 15-jähriger mit seinen Eltern aus Sibirien nach Deutschland gekommen und 1997 in Tuttlingen gelandet, wo sein Vater Arbeit fand. Der Jugendliche kam nie zurecht, geriet schnell auf die schiefe Bahn, nahm Drogen – unter anderem Heroin und Kokain – wurde immer wieder straffällig und saß mehrere Haftstrafen ab. Am Schluss wandte er sich von seiner Familie ab, vereinsamte und lebte von Sozialhilfe. Um sich mehr leisten zu können, entschloss er sich zu den Überfällen, die er generalstabsmäßig vorbereitete. Er kaufte sich in Stuttgart eine Schreckschusspistole, außerdem im Baumarkt einen Maleranzug mit Kapuze und eine Schaumschutzmaske. So trat er seinen Opfern gegenüber. Zum ersten Mal am 4. Januar der Kassiererin im Schwenninger Norma-Super-Markt. Die Beute: 445 Euro. Bis zum 20. Januar überfiel er Bankkunden in Mühlheim, Tuttlingen, Spaichingen und Trossingen. Zwei von ihnen hielt er die geladene Pistole an den Kopf und sagte: „Willst du eine Kugel in den Kopf.“ So kam er zu weiteren tausend Euro.

Gefasst und überführt wurde er am 9. Februar beim Tuttlinger Fasnetumzug.

Zuletzt war er in der auf der Reichenau im Psychiatrischen Krankenhaus untergebracht. Diese Möglichkeit schloss das Gericht gestern ausdrücklich aus und wies ihn in das Rottweiler Gefängnis ein. Auch wenn man wisse, so Richter Münzer, dass der 33-Jährige ein Einzelgänger und „haftempfindlich“ sei, es habe sich gezeigt, dass er „voll schuldfähig“ sei und jedes Wort verstehe.

Unter lauten Widerreden des Verurteilten, der diese Verhandlung geradezu terrorisiert hatte, versuchte der Vorsitzende Richter, ihm Ratschläge zu geben: „Lassen Sie sich helfen, arbeiten Sie an sich und Ihrem Verhalten. Vielleicht reflektieren Sie dann irgendwann Ihr Verhalten vor Gericht.“ Die Krankheit könne man durch Medikamente gut den Griff bekommen. Aber gerade dagegen hatte sich der Mann in der Vergangenheit immer wieder gesträubt.

Sein letzte Worte gestern waren: „Ich will sterben.“ Und: „Scheiß Deutschland.“

Gegen das Urteil ist eine Revision möglich.