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Besondere Freundschaft

Das „Team Caotique“ aus Heinstetten im Porträt

Heinstetten / Lesedauer: 9 min

Den Verein gibt es seit über 40 Jahren. Angefangen hat alles mit ein paar Jugendlichen im Jahr 1982.
Veröffentlicht:23.12.2023, 05:00

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Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude. Besonders zur Weihnachtszeit greift dieses Sprichwort, wenn man nach all dem Vorbereitungsstress eine besinnliche Zeit mit seinen Liebsten verbringen kann.

Dazu gehören auch Freunde, denn, seien wir mal ehrlich: Sie sind die Familie, die wir uns aussuchen können. Und was gibt es Schöneres, als mit ihnen in Erinnerungen zu schwelgen und Pläne für die Zukunft zu schmieden? Meist kommt das ja viel zu kurz oder ist schlichtweg nicht möglich, weil man sich aufgrund von Entfernung, Job, etc. zu selten sieht.

Im Meßstetter Stadtteil Heinstetten ist die Chance, alte Schulfreunde zu treffen, besonders bei der X-Mas-Party hoch. Sozusagen eine Feier von Heinstettern für Heinstetter. Alles organisiert vom Verein Team Caotique, den es seit mehr als 40 Jahren gibt. Doch wer steckt dahinter?

Mit einem leeren Haus und einem Sofa hat alles angefangen

Angefangen hat alles mit ein paar Jugendlichen im Jahr 1982, die sich regelmäßig im heutigen Vereinsheim bei der Hilb getroffen haben – das „Team Caotique“.

Einer von ihnen war Michael Braun: „Das Haus stand leer; wir haben einfach ein Sofa reingestellt und uns dort getroffen“, erinnert er sich und lacht. Noch im selben Jahr veranstaltete die Truppe dort ihre erste Silvesterparty; damals noch im kleinen Rahmen.

In den Jahren danach folgten die Premieren des 1. Maifestes und des Erste- und Zweite-Hälfte-Festes. Ja, richtig gelesen. Damals wurde jedes halbe Jahr einmal groß Geburtstag gefeiert. Und zwar von allen, die eben in diesem halben Jahr Geburtstag hatten. „Da war dann ganz Heinstetten eingeladen“, weiß Bernd Braun, Vorsitzender des Vereins.

Aus der Gruppe wird ein Verein

Am 4. April 1992 wurde aus der Jugendformation dann der heutige Verein Team Caotique – einer der bedeutsamsten Tage der Vereinsgeschichte. Auch, wenn der eher ungeplant war: „Zu diesem Zeitpunkt gab es unsere Gruppe schon zehn Jahre und das wollten wir feiern“, erklärt Gründungsmitglied und damaliger Vereinsvorsitzender Michael Braun.

Um rechtlich abgesichert zu sein, beschloss die Gruppe, einen Verein zu gründen. So einfach war das aber nicht, denn neben dem langen Hin und Her mit dem Amtsgericht, das immer wieder etwas an der Satzung auszusetzen hatte, stand plötzlich auch noch der Verfassungsschutz vor Brauns Türe.

„Ich habe erstmal gesagt ‚Ja klar, und ich bin der Papst‛, weil wir die Herren damals nicht für voll genommen haben“, erzählt er und lacht. Erst, als sie sagten, dass sie hinter dem Team Caotique eine radikale Gruppierung vermuten, wurde ihm der Ernst der Lage bewusst.

Das Herzstück des TC-Heims: die Bar. Ursprünglich ging sie nur bis zu dem Balken, den man auf diesem Foto sieht. Da der Platz mit der Zeit eng wurde, wurde die frühere Wand einst abgerissen und die Bar verlängert.
Das Herzstück des TC-Heims: die Bar. Ursprünglich ging sie nur bis zu dem Balken, den man auf diesem Foto sieht. Da der Platz mit der Zeit eng wurde, wurde die frühere Wand einst abgerissen und die Bar verlängert. (Foto: Elene Marjanov)

Doch dieser Irrtum ließ sich laut Braun schnell aus der Welt schaffen. Noch im selben Jahr konnte das zehnjährige Jubiläum der Gruppe gefeiert werden. Ein Logo gab es bereits lange Zeit davor: natürlich in den Vereinsfarben Blau und Weiß gehalten.

„Wir haben damals bei mir in der Garage an den Autos geschraubt und da standen nur eine blaue und eine weiße Farbdose rum, die haben wir dann verwendet“, so Michael Braun. Irgendwann seien die Autos blau und weiß gewesen, daher auch die Vereinsfarben. „Und Team Caotique, weil wir eben alle Chaoten waren“, fügt er an.

Team Caotique übernimmt den Bauwagen

In den Jahren danach ging es neben Konzertausfahren zu bekannten Bands öfters mal zu Eishockeyspielen der Schwenninger Wild Wings. Ebenso fanden die erste Nikolausparty und das erste Tischkickerturnier statt, das bis heute große Beliebtheit genieße.

1995 wurde am Rosenmontag der erste Hausball gefeiert – damals unter dem Motto „Südamerikanische Nacht“. Heute findet dieses traditionelle Fest immer am Fasnetsfreitag statt und das Motto werde jährlich mit viel Spannung erwartet, so Bernd Braun.

1997 gab es einen weiteren Meilenstein in der TC-Geschichte. Der Verein übernahm den Heinstetter Bauwagen, in dem sicher jeder, der auf dem Heuberg aufgewachsen ist, einmal zu Besuch war. Denn: „Es gab in Heinstetten damals kein Jugendhaus“, hält Bernd Braun fest. Der Bauwagen stand zunächst auf einem Privatgrundstück und zog, als er vom TC übernommen wurde, auf den Festplatz um.

In mühevoller Handarbeit wurde der Bauwagen über die Jahre hinweg immer wieder von den verschiedenen Generationen renoviert und modernisiert. Er war beliebter Treffpunkt ganzer Schulklassen, Ort der ersten Party von so manchen und für viele wahrscheinlich so etwas wie ein zweites Zuhause. Eins, das man eben mit Freunden teilt.

Die Gewinner des Beachvolleyballfestes 2023. 2020 renovierte der Verein den Platz komplett und veranstaltete nach Jahren mangelnder Anmeldungen endlich wieder ein Turnier – und wurde mit Anmeldung gerade so überrannt.
Die Gewinner des Beachvolleyballfestes 2023. 2020 renovierte der Verein den Platz komplett und veranstaltete nach Jahren mangelnder Anmeldungen endlich wieder ein Turnier – und wurde mit Anmeldung gerade so überrannt. (Foto: Team Caoutique)

Heute gibt es den Bauwagen im klassischen Sinn nicht mehr: Er war zu alt, es musste etwas Neues her. Mithilfe der Stadt Meßstetten wurden zwei Container besorgt. „Wir betreuen die Container zwar, aber eigentlich sind die Jugendlichen dort selbst für sich verantwortlich“, heißt es. Alle paar Jahre gebe es einen fließenden Generationenwechsel – inklusive Infoveranstaltung für die Jugendlichen und ihre Eltern.

Das Team tauscht sich dabei mit den Jugendlichen über die gegenseitigen Erwartungen aus. „Wir gehen ab und zu vorbei und schauen, ob alles in Ordnung ist, aber dadurch, dass das kein klassischer Jugendraum ist, sollen die Jugendlichen auch Selbstständigkeit lernen.“ Sie würden Geld vom Verein zur Verfügung gestellt bekommen und müssen lernen, damit umzugehen. „Sie passen einfach auch anders darauf auf, wenn sie selbst verantwortlich sind“, weiß Bernd Braun.

"Spider Murphy Gang" zu Besuch in Heinstetten

Direkt beim Festplatz findet auch das traditionelle Beachvolleyballturnier statt. Was 1997 auf der Koppel des hiesigen Reitvereins seinen Anfang nahm, wanderte mit dem neuen Sportplatz im Sommer 2000 wenige hundert Meter weiter.

2020 renovierte der Verein den Platz komplett und veranstaltete nach Jahren mangelnder Anmeldungen endlich wieder ein Turnier. „Wir wurden so mit Anmeldungen überhäuft, dass wir zwei provisorische Plätze geschaffen haben.“ Insgesamt seien 40 Mannschaften angetreten.

Und bis heute ist das TC für große Feste bekannt. Sei es das Jubiläum zum 20-jährigen Bestehen, das die „Spider Murphy Gang“ nach Heinstetten brachte, oder das Fest zum 30. Jubiläum des Vereinsheims, das laut dem Verein als Blueprint für das heutige Hilb-Open-Air diente. Doch beim TC geht’s nicht nur um Party.

Der Verein engagiert sich fürs Dorf und gibt den Anwohnern jährlich etwas zurück. „Am Nikolaustag veranstalten wir immer einen Fackelzug, bei dem wir den Kindern im Ort Geschenke im Stall der Familie Deufel übergeben“, so Braun. Die Geschenke zahlt der Verein natürlich selbst. Ebenso die Präsente, die er an Heiligabend bei einer Ortsrunde als Dankeschön verteilt.

Als das TC kurz vor dem Ende stand

Doch auch beim Team Caotique gab es bereits dunkle Zeiten: 2006, als ganz Deutschland im Sommermärchen-Fieber war, veranstaltete der Verein sein erstes Public-Viewing. An sich nicht schlimm, doch durch die Werbung wurde das Finanzamt auf den Verein aufmerksam und bemängelte die bis dato nicht versteuerten Einnahmen aller vorherigen Feste, erklärt Bernd Braun. Der Verein musste rund 20.000 Euro nachzahlen.

„Das war gerade so das, was das TC als Reserve hatte“, macht Braun klar. „Da stand das TC kurz vor dem Ende.“ Mittlerweile laufe alles über den Steuerberater und der Verein stehe auf finanziell stabilen Beinen. Einen Teil davon machen die Beiträge der rund 300 Mitglieder aus. Vom Kleinkind bis zum Rentner ist alles vertreten.

Der Großteil aus Heinstetten, knapp 100 von auswärts. Ein Mitglied lebt sogar über 700 Kilometer weit weg in Berlin. „Früher hat man zum Beispiel an der Fasnet einfach den Leuten aus Gaudi einen Mitgliedsantrag hingelegt und manche haben tatsächlich unterschrieben“, sagt Braun und lacht.

Egal ob Alt oder Jung, bei uns packen alle mit an

Bernd Braun

Mit der WM 2014 wurde schließlich nicht nur für Fußball-Deutschland, sondern auch für das TC der Traum vom Sommermärchen wahr: „Wir haben alle Spiele im Vereinsheim übertragen, aber das Finale gegen Argentinien haben wir dann kurzerhand in die Festhalle verlegt.“ Etwas, für das der Verein anfangs belächelt wurde, erzählt Braun. Am Ende hätten sie dafür nur Zuspruch bekommen.

Dass solche Events nur klappen, wenn sich alle einbringen, ist selbstredend. Aber genau das macht das Team Caotique aus Heinstetten aus: „Egal ob Alt oder Jung, bei uns packen alle mit an“, weiß Bernd Braun. So auch beim 40-jährigen Jubiläum im vergangenen Jahr. 

Bei dem zweitägigen Fest waren auch die Gründungsmitglieder um Michael Braun eingebunden. Nie hätten er und seine Kollegen gedacht, dass sich das TC so lange halten und in der heutigen Form existieren würde. „Aber man muss sagen, dass wir gerade in Sachen Jugendarbeit Visionäre waren, und darauf sind wir auch mächtig stolz“, erzählt er.

Für die Zukunft plant der Verein mehr Ausfahrten. Auch soll es wieder ein Biwak geben; eine Art Jugendlager, das alle vier Jahre stattfindet. Und im März stehen Neuwahlen an. „Es wird einen Umbruch geben“, kündigt Bernd Braun an. „Ein Teil wird aufhören – inklusive mir.“

Was auf jeden Fall bleibt, ist das Vereinsheim. Daran wolle man festhalten. Inhaber und Vereinsmitglied Hans-Peter Gomeringer stellt es ihnen kostenfrei zur Verfügung und übernimmt sogar die Versicherungskosten.

Dass der Verein mit dem Haus steht und fällt, da sind sich beide Brauns sicher. „Ich denke aber, dass es das TC nicht für immer in der jetzigen Form geben wird“, meint Bernd Braun. Aber solange es geht, werden im TC Feste gefeiert, Freundschaften geschlossen und Menschen aller Generationen zusammengebracht.

Wie zum Beispiel am zweiten Weihnachtsfeiertag, wenn bei der X-Mas-Party Jung und Alt aus Heinstetten zusammenkommen.