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Wiese statt Schlachtbank

Dem sicheren Tod entkommen: Auf diesem Hof dürfen Kühe einfach leben

Mahlstetten / Lesedauer: 8 min

Täglich werden in Deutschland Zehntausende Tiere gezüchtet, eingepfercht, gemästet, getötet und verarbeitet. Auf dem Rieger–Hof ist das ganz anders.
Veröffentlicht:08.07.2023, 17:00

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Neugierig kommen sie angetrottet. Linda voran, Kuno als Zweiter, die Ohren hoch aufgestellt, respektvoller Abstand zum Elektrozaun. Was sofort auffällt: Die Rinder, die da auf dem Riegerhof auf der Weide stehen und von den Besuchern eigentlich einen Apfel oder eine Karotte erwarten, sind fast alle sehr groß. Und sie sind Raritäten. Obwohl sie ganz normales Fleck– oder Braunvieh sind. Sie sind meist so alt, wie normal keine Kuh in Deutschland, weltweit, vielleicht außer in Indien, wird. Denn ihr Lebenszweck ist wie der der Menschen oder von Haustieren. Diese Rinder leben, um zu leben. Sie werden das Schlachtermesser niemals sehen.

19 Jahre alt Leitkuh

Wer die Leitkuh mit ihren 19 Jahren anschaut, und dann die letzten Kälber und Kühe der Rieger’schen Mutterkuhherde, die friedlich ihre Weide mit den lebens– und leiderfahrenen Neulingen teilt, beginnt zu verstehen, warum der Vereins Lebenshilfe Kuh & Co. einen solchen Aufwand treibt: Wir als Gesellschaft benutzen Leben, im allerglücklichsten Fall wie bei Familie Rieger, mit der bestmöglichen Lebensqualität, Liebe und Fürsorge.

Nutztiere haben diesen einen Zweck: Menschen zur Ernährung zu dienen. Dafür müssen sie sterben oder für Milch jedes Jahr ein Kalb gebären, das ihnen sofort weggenommen wird.

Fabrikmäßig getötet und verarbeitet

Dem stellt sich der Verein Lebenshilfe Kuh & Co. mit entschiedener Konsequenz entgegen. Wohlwissend, dass dies angesichts von zehntausenden Tieren, die täglich allein in Deutschland in einem fabrikmäßigen Verfahren gezüchtet, eingepfercht, gemästet, getötet und verarbeitet werden, nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein ist, sagt die Vorsitzende Sabine Maßler.

Aber ein Beispiel, wie es anders gehen kann. Und um Erwachsenen und Kindern nahe zu bringen, wie Rinder nämlich sind: Sensibel, klug, mit einer besseren Nase als jeder Hund, mit einem hervorragenden Gedächtnis ausgestattet. Und mit der Fähigkeit, bis zu 20 Jahre oder älter zu werden.

„Lebenshof“ für Rinder

Seit Neuestem ist auch der Hof der Familie Rieger in Mahlstetten ein „Lebenshof“. Andere sagen Gnadenhof zu den Höfen, die gerettete, dem Tode geweihte oder durch Haltung gequälte Rinder herauskaufen, damit sie irgendwo noch ein schönes Leben haben. Und dafür zahlen Paten Geld für den Unterhalt der Tiere auf den Unterstell–Höfen.

Ein Hof ohne Rinder ist kein Hof.

Volker Rieger

Aber wie finden zwei so ungleiche Partner zusammen? Riegers, die bis Ende 2022 erfolgreiche Direktvermarktung von Rindfleisch betrieben haben, seit 25 Jahren ihren Biohof betreiben, 20 Pensionspferde versorgen, die ökologisch wertvolle Heuberglandschaft mit ihrem Artenreichtum pflegen, bodenständig, pragmatisch.

Und ein Verein, der nach dem Motto „Wenigstens ein paar wenige Leben gerettet“ für einen respektvolleren und mitfühlenderen Umgang mit Tieren wirbt, sich aktionistisch gegen Tiertransporte und die fabrikmäßige massenhafte Produktion von Fleisch einsetzen. Dessen Mitglieder mit geretteten Kühen ein geradezu persönliches Verhältnis pflegen, wie zu einem Haushund, und einen riesigen ehemaligen Zuchteber kraulen?

Langer Transport bedeutet Stress

Es war Zufall. Riegers produzieren keine Kälber mehr, seit der Metzger, bei dem sie in der Nähe geschlachtet haben, den Vertrag auflöste. Und weiter wollte Rieger seine Schlachtrinder nicht fahren. Dass es seinen Tieren gut geht, das war Volker Rieger immer wichtig, und lange Transportwege sind nunmal Stress.

Also werden die jetzt bereits auf der Wiese stehenden Rinder noch aufgezogen und als Erwachsene geschlachtet, aber es geht dann nicht mehr weiter. Und das, obwohl Sohn Manuel den Hof weiterführen wird, wenn der Vater demnächst irgendwann in Rente geht.

„Ein Hof ohne Rinder ist kein Hof“, sagt Volker Rieger. Und so meldete er sich auf die Anzeige des Vereins in einer Bauernzeitung, in der ein Hof für vier Galloway–Ochsen gesucht wurde. Sabine Maßler besuchte den Rieger–Hof „und war begeistert, wie gut es den Tieren bei uns geht.“ „Ein Traum–Hof“, sagt Maßler. Inzwischen sind neben den vier gemütlich kauenden Zottelrindern zehn weitere Rinder, darunter eben Linda und Kuno, dazugekommen. Und zwei Puten.

Aber die leben jetzt in der großen Geflügelschar der Riegers. Denn die Pferde und Rinder sind bei weitem nicht das einzige, was kreucht und fleucht auf dem Riegerhof. Allerdings dies eher aus Freude an der Kreatur, denn zur Landwirtschaft zählend, lachen Veronika und Volker Rieger.

Ein kleiner Tiergarten

Den Rieger’schen Tiergarten bereichern: zwei Kamele, drei Esel, drei Alpakas, zwei Kamele, sechs Zwerzgziegen, zwei walisische Schwarzhalsziegen, zwei walisische Schwarznasenschafe, vier Pfauen, ein Paar Mandarinenenten mit drei Küken, Stummenten, Zwergenten, 20 Hühner verschiedenster Rassen, dazu zwei langhaarige deutsche Schäferhunde und ein Dackel.

Wie das im Umgang mit der Natur halt so ist: Zuerst wusste Volker Rieger nicht, dass die Gallowayrinder von der Zeitungsanzeige auf Dauer auf dem Hof leben sollten. Aber warum eigentlich nicht?, dachte er dann. Jetzt, wo sich die Familie sowieso entschieden hatte, keine Fleischvermarktung mehr zu betreiben?

Der Verein bleibt der Halter der Tiere, aber Riegers sind zuständig für die Versorgung, den Zustand der Tiere, das Rufen des Tierarztes bei Krankheit und auch, wenn ein Tier irgendwann einmal so alt wäre, dass es eingeschläfert werden muss. Der Verein zahlt die Versorgung der Tiere und einen Anerkennungsbeitrag. „Reich werden wir davon nicht“, schmunzelt Rieger. Aber es ist ein landwirtschaftliches Standbein.

Aus Spenden finanziert

Der Verein ist für 96 Rinder und vier Schweine verantwortlich — und damit für einen niedrigen fünfstelligen Betrag im Monat. Alles aus Spenden. Momentan können keine weiteren Tiere mehr aufgenommen werden, sagt Sabine Maßler, die einen Gartenbaubetrieb hat. Es fehlen derzeit noch mindestens 20 Paten für die vorhandenen Tiere.

Wie das alles anfing? Menschen aus einem Dorf sprachen sie an: Man sollte etwas machen, bei einem sonst wohl situierten Bauern im Ort schrieen die Kühe nachts, sodass man nicht schlafen könne. Maßler traf Rinder und Kälber an, die hungerten, in den eigenen Exkrementen standen, eingewachsene Ketten am Hals und sogar in den Kopf eingewachsene Hörner hatten. Und solche Fälle gebe es viele. Inzwischen ist der Verein mit vielen anderen Tierschutzorganisationen vernetzt.

Das hat schon auch weh getan, wenn man so ein Rind zum Schlachten verladen hat.

Familie Rieger

Die pragmatischen, bodenständigen Landwirte Riegers — und andere wie in Albstadt oder Untermarchtal — und der Tierschutzverein, der so viel Energie aufwendet, für die Rettung von Nutzvieh? Mit Menschen, „die nicht die Dollarzeichen in den Augen haben“, wie Sabine Maßler schon mal provokant sagen kann, gibt es eben doch eine Verwandtschaft der Seelen.

Das Dilemma des Schlachtens

Denn Riegers, die Eltern– wie die Kindergeneration, haben in ihren Nutztieren noch nie reine Verfügungsmasse gesehen, sondern fühlende Wesen. Und natürlich war es immer ein Dilemma, diese zum Schlachter zu bringen. „Das hat schon auch weh getan, wenn man so ein Rind zum Schlachten verladen hat.“

Aber gut hatte es das Tier auf jeden Fall vorher in der wunderbaren Mahlstetter Landschaft gehabt. Aber ein Landwirt lebt nunmal von seiner Arbeit — und zum Glück wird inzwischen für den Erhalt der Kulturlandschaft durch extensive Bewirtschaftung auch Geld bezahlt.

Waffenfanatiker erschießt drei Kühe

Als vor zehn Jahren ein 20–Jähriger unfassbar mit einer automatischen Waffe wahllos auf die Rieger’sche Herde schoss und drei Tiere tötete, war das furchtbar für die Familie. „Die Tiere da liegen sehen“, noch heute verfolgen die Bilder Veronika Rieger.

Auch das weit mehr als ein materieller Verlust für die Landwirte. Zwei der Tiere waren trächtig. Der Waffenfanatiker aus dem Kreis Tuttlingen wanderte wegen Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz und anderer Delikte in den Bau.

Die Lebenshilfe Kuh–Vereinsmitglieder sind entschiedene Veganer. Das vertreten sie auch bei ihren Hoffesten und auf die Alternative zum Fleisch weisen sie immer wieder hin.

„Man könnte doch auch seinen Hund essen. Und ich zumindest bin schon lange abgestillt und brauche keine Milch, die die Natur für Kälber zur Verfügung stellt“, sagt Sabine Maßler. Was sie natürlich damit meint, ist das widersinnige Leid, das vorausgeht, wenn die Supermarktregale gefüllt sein sollen.

Vegan ist nicht Pflicht

Der Vereine brauche von ihnen aber nicht zu erwarten, dass sie Veganer werden, hatten Riegers vor Beginn der Zusammenarbeit gleich klar gestellt. Schon immer hatten sie aber nur Tiere gegessen, denen es zu Lebzeiten wirklich gut ging.

Man könnte wirklich fast meinen, sie sind dankbar.

Manuel Rieger

Die beiden Herden stehen auf einer Weide unter blauem Himmel. Die Vereinsrinder oft größer, gerade Kuno mit seinen rund 1,80 gutmütigen Metern Stockmaß. Warum? Weil man in Deutschland praktisch nie wirklich ausgewachsene Rinder sieht, weil sie alle mit zwei Jahren geschlachtet werden.

Harmonie in der Herde

Derzeit wird gemäht für das Heu, das ebenfalls ein wirtschaftliches Standbein ist. Die Füchse der Gegend sind begeistert, weil Mäuse durch die Mahd aufgeschreckt sind. Die Lebenshof–Rinder und die verbliebenen Rieger–Rinder vertragen sich bestens in einer Herde: „Das ist eine Harmonie“, sagt Rieger. Seine kommen nicht so schnell zum Zaun, sie haben ja Kälber dabei. Die Vereins–Rinder kommen neugierig zum Besuch und schnuppern.

Trotz ihrer Größe und meist erbärmlichen Erfahrungen sind sie sehr friedlich und zutraulich. Rieger: „Man könnte wirklich fast meinen, sie sind dankbar.“