StartseiteRegionalRegion TuttlingenGefängnis oder Freiheit: Für den Ex-Freund von Jasmin M. geht es um alles

Gerichtsverhandlung

Gefängnis oder Freiheit: Für den Ex-Freund von Jasmin M. geht es um alles

Tuttlingen / Lesedauer: 5 min

So begründen Verteidigung und Anklage ihre gegensätztlichen Forderung im Jasmin-M.-Prozess. Daraus folgt: Nach dem Urteil ist der Prozess sicher nicht vorbei.
Veröffentlicht:24.01.2024, 10:59

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Zwölf Jahre und sechs Monate Gefängnis für Robert S. - das hat Oberstaatsanwalt Ulrich Gerlach in seinem Plädoyer im Prozess um die verschwundene und mutmaßlich getötete Jasmin M. gefordert. Er hält nach zehn Verhandlungstagen mit 32 Zeugen und Sachverständigen an seiner Anklage vom Auftakt fest und sieht nach wie vor Robert. S als Täter an - der heute 43-Jährige soll die junge Frau am 18. oder 19. Februar des vergangenen Jahres getötet und ihre Leiche versteckt haben.

Damit habe er den Tatbestand der Nachstellung mit Todesfolge erfüllt. Dafür forderte Gerlach zwölf Jahre Haft; dazu kamen kleinere Strafmaße für eine frühere Körperverletzung, die S. an Jasmin M. verübt haben soll, sowie für den Besitz einer größeren illegalen Waffensammlung.

Verteidigung auf Konfrontationskurs

Die Verteidigung ging in ihren Plädoyers auf Konfrontationskurs und forderte Freispruch, was die Gewalttat angeht; dazu geringe, nicht genau festgelegte Strafen für die Körperverletzung und den Waffenbesitz, den man bereits im Laufe der Verhandlung eingeräumt hatte.

Wir wissen nichts!

Staatsanwältin Kristina Müller

Rechtsanwältin Kristina Müller brachte ihr Plädoyer auf den Punkt, wenn sie zur eigentlichen Tatausführung erklärte: „Wir wissen nichts!“

Keine eindeutigen Spuren

Woher, so fragte sie rhetorisch, nehme die Staatsanwaltschaft die Erkenntnis, der Angeklagte habe die junge Frau mit Gewalt oder mit einer Überdosis umgebracht? Gab es einen Streit? „Wir wissen es nicht.“ Es gebe keine Spuren, die eindeutig auf einen Kampf oder eine Bluttat hindeuten, weder in Jasmins M.‘s Wohnung noch im VW Bus des Angeklagten.

Die Polizei habe exakt die Aufenthaltsorte von Robert S. an den fraglichen Tagen an und nach Fasnet 2023 rekonstruiere können und dort jeweils mit großem Aufwand gesucht.

Aufwändige Suche

Ohne Erfolg, weder rund um Eigeltingen noch in Küssaberg am Hochrhein, wo sich Robert S. mehrere Stunden bei seiner Ehefrau aufhielt. Und so „haben wir nichts - gar nichts!“

Staatsanwaltschaft und Verteidigung haben völlig unterschiedliche Ansichten des Falls. Für Ankläger Ulrich Gerlach hat Robert S. seine ehemalige Partnerin getötete, weil sie ihn verlassen, betrogen und gekränkt habe.

Gleichzeitig sei er „total besessen“ von ihr gewesen, habe sie mit Whatsapp-Nachrichten, Anrufen und einem GPS-Tracker verfolgt und überwacht, ja, sie sogar mit einem Handy beim Sex mit einem neuen Freund gefilmt. Gleichzeitig habe er mit Jasmin eine „On-Off-Beziehung“ geführt, mit einem häufigen Wechsel aus Trennungen, Streit und Wiederannäherung - bis hin zu einvernehmlichen Geschlechtsverkehr.

Staatsanwaltschaft: Robert S. hat die Leiche „entsorgt“

Nach der Tat, vermutlich am 18. oder 19. Februar, habe S. versucht, die Tat zu vertuschen, die Leiche „entsorgt“, problematische Fotos und Videos gelöscht, Anrufe von Jasmin auf sein Smartphone vorgetäuscht. S. verfolgte Gerlachs Plädoyer aufmerksam, schüttelte manchmal den Kopf und ließ seine Nervosität mit einem Dauerzittern seiner - gefesselten - Beine erkennen.

Nebenklage spricht von „Femizid“

Nebenklägerin Johanna Braun, die die Mutter des Opfers vertritt, ordnete die Tat als „Femizid“ ein (Tötung von Frauen als extreme Form geschlechtsbezogener Gewalt), laut Braun aus „fehlgeleiteter patriarchaler Überzeugung.“

Nach „Genickbruch“ gegoogelt

Sie erkannte angesichts der Tat sogar die Erfüllung mindestens eines Mord-Kriteriums, die „niedrigen Beweggründe“. Sie erinnerte daran, dass S. einige Zeit vor der mutmaßlichen Tat den Begriff „Genickbruch“ gegoogelt habe.

Sie habe „keine Zweifel an der Tat“ und schloss sie sich weitgehend den Ausführungen des Oberstaatsanwalts an. Allerdings hatte Kammervorsitzender Arno Hornstein bereits vorab erkennen lassen, dass sein Gericht nicht zu einer Qualifizierung als Mord neige.

Damit ist die Forderung Brauns auf ein „lebenslänglich“ wohl nur theoretischer Natur. Sollte es nicht zu einer Verurteilung wegen Mordes kommen, sah auch die Nebenklägerin ein Strafmaß von zwölfeinhalb Jahren als angemessen an.

Weder Todesart noch Tod an sich sind bekannt

Verteidiger Nicolas Doubleday wandte sich zu Beginn seiner Ausführungen an Karen M., Jasmins Mutter. Ihr „souveräner“ Auftritt als Zeugin habe ihn „sehr beeindruckt“. In der Sache aber schätzte er den Fall gänzlich anders ein. Zwölf Jahre Haft seien „völlig abwegig“.

Wir wissen nicht, was zur fraglichen Zeit passiert ist.

Nicolas Doubleday

Weder die Todesart noch der Todeseintritt seien bekannt. Dass Robert S., heute 43, die viel jüngere Frau verfolgt habe, räumte auch Doubleday ein; allerdings lägen die rechtlichen Folgen klar unter der vom Gesetzgeber geforderten „Beeinträchtigung der Lebensgestaltung des Opfers“ - Jasmin M. habe wiederholt Kontakt mit dem „Stalker“ aufgenommen, eben jene On-Off-Beziehung bis zuletzt geführt, ihn also in ihrem Leben akzeptiert.

Verteidigung muss nicht die Unschuld beweisen

Ihr Tod habe mit dieser Beziehung nichts zu tun. Wie Jasmin M. zu Tode gekommen ist, was mit ihr geschehen ist - das erklärte auch der Verteidiger nicht.

Es ist auch nicht seine Aufgabe: Der Staat muss dem Angeklagten dessen Schuld nachweisen, nicht dieser seine Unschuld. Und Doubleday unterstrich, was seine Kollegin später wiederholen sollte: „Wir wissen nicht, was zur fraglichen Zeit passiert ist“; weder ein Tötungsvorsatz noch ein Motiv auf Seiten von Robert S. seien erkennbar.

Kritik an der Polizei

Verteidigerin Kristina Müller übte in ihrem Part auch Kritik an der Polizei. Die Ermittler hätten „wahnsinnig viele digitale Spuren“ ausgewertet, aber auch viele Widersprüche nicht geklärt:

War Robert S.‘ Smartphone nun zeitweise in den Flugmodus geschaltet oder nicht? Die eine Beamtin sage so, ihr Kollege so. GPS-Spuren seien an unmöglichen Punkte geortet worden; vieles „passt nicht zusammen“, ja, es stimme nicht.

Das Gericht wird am Dienstag, 30. Januar, sein Urteil sprechen. Angesichts der unterschiedlichen Einschätzungen lässt vermuten, dass eine Seite anschließend die nächsthöhere Instanz anrufen wird.