StartseiteRegionalRegion SigmaringenUrsendorfPläne für Sandgrube bedrohen Paradies für Wildbienen

Tiere in Gefahr

Pläne für Sandgrube bedrohen Paradies für Wildbienen

Ursendorf / Lesedauer: 6 min

Der Nabu setzt sich dafür ein, dass die Sandgrube in Ursendorf nicht wie geplant wieder verfüllt wird. Das würde den Lebensraum vieler Tiere zerstören.
Veröffentlicht:01.06.2023, 05:00

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Dort, wo sich am Ortsrand von Ursendorf vor 18 Millionen Jahren die Haifische wohlfühlten, haben heute viele gefährdete Wildbienen– und Grabwespenarten einen der letzten Rückzugsorte in der Region gefunden. Mit der Übernahme der als Schotter Teufel bekannten Firma durch die Holcim AG vor knapp zwei Jahren hat die Sandgrube in Ursendorf nun einen neuen Eigentümer.

„Wenn dieser die Abbaumenge erhöhen und die Grube schnell verfüllen will, wird der Lebensraum dieser bedrohten Insekten zerstört“, sagt Jörg Joosty von der Nabu–Gruppe für Mengen, Hohentengen, Ostrach und Scheer. Er und seine Mitstreiter hoffen, dass gemeinsam mit dem Unternehmen und Behörden eine Lösung im Sinne des Artenschutzes gefunden werden kann.

Hier kann man Haifischzähne finden

Im Kreisgebiet ist die Sandgrube dafür bekannt, dass man hier Fossilien aus dem Untermiozän finden kann. Versteinerte Haifischzähne, Muscheln und Schnecken werden hier seit Generation gesucht und als kleine Schätze nach Hause getragen.

Die Schichten, in denen sich die Meeressedimente abgelagert haben, sind an der senkrechten Wand gut erkennbar. Seit 1939 ist die „Sandgrube Gertenstock“ — wie sie offiziell heißt — ein schützenswertes Naturdenkmal.

So viele gefährdete Arten leben in der Grube

Gleich nebenan wird immer noch Sand abgebaut. Mit seiner runden Körnung kann er laut Jörg Joosty gut dort verwendet werden, wo etwa Kabel im Boden verbaut werden müssen. Das Unternehmen Schotter Teufel aus Straßberg habe nur geringe Mengen abtransportiert. Das habe dazu beigetragen, dass sich fast der ganze Bereich zu einem wahren Wildbienenparadies entwickelt habe.

Auf 89 Wildbienenarten und 28 verschiedene Grabwespen ist Dr. Mike Herrmann gekommen, als er das Gelände in Vorbereitung der Flurneuordnung Ursendorf–Hohentengen 2008 untersuchte. Von den von ihm entdeckten Bienenarten stehen 12 auf der Roten Liste der gefährdeten Arten, weitere 13 werden in der Vorwarnliste gefühlt.

Ähnliches gilt für die Wespen: zwei Arten gelten als besonders gefährdet, sechs sind auf der Vorwarnliste. „Für Laien sieht es in der Sandgrube karg und trist aus“, sagt Ingo Irmler. „Aber die Bienen– und Wespenarten mögen genau diese Umgebung und bauen in dem sandigen Untergrund ihre Nester.“

Auch Vögel und Kröten fühlen sich wohl

Aufgrund der großen Bienenanzahl fühlt sich auch der Bienenfresser in der Sandgrube wohl. An der Abbruchkante nisten aktuell etwa 35 Uferschwalbenpaare. „Außerdem gibt es verschiedene Laufkäferarten, Falter und Kröten“, zählt Dr. Ingo Irmler auf. Der Biologe ist immer wieder fasziniert davon, wie viel Leben es in der Sandgrube gibt. Für die Kreuzkröten haben die Nabu–Mitglieder ein Laichwasser angelegt, in dem sich die Kaulquappen tummeln.

Rekultivierung sieht Rückkehr zu landwirtschaftlicher Fläche vor

Die offene Fläche der Grube beträgt aktuell zwei Hektar. Laut Adrian Schiefer, dem Dezernenten für Bau und Umwelt im Landratsamt Sigmaringen wurde die Rahmenbetriebszulassung für den Sandabbau von 1989 im Jahr 2015 bis 2045 verlängert. Ob Holcim den kompletten Zeitrahmen ausschöpfen wird, ist ungewiss. Danach muss sich das Unternehmen an ein vorgegebenes Rekultivierungskonzept halten und den Zustand vor dem Eingriff wiederherstellen.

Auch ein Unternehmen muss sich an die Regelungen zum Artenschutz im Bundesnaturschutzgesetz halten.

Adrian Schiefer

„Das bedeutet, dass die Grube aufgefüllt würde und es wieder eine landwirtschaftliche Fläche geben wird“, sagt Jörg Joosty. Worüber sich ein Landwirt freuen würde, würde den Lebensraum der Insekten und Amphibien zerstören.

Nabu fordert, dass auf Auffüllung verzichtet wird

Der Nabu hat deshalb das Gespräch mit dem Unternehmen und dem Landratsamt gesucht. „Wir möchten darauf hinwirken, dass der Rekultivierungsplan insofern abgeändert wird, dass die Bienen und Wespen weiter eine Überlebenschance haben“, sagt Jörg Joosty. Schließlich könne man nicht einfach über die gefährdeten Arten hinwegsehen und müsse deshalb auf die Auffüllung verzichten. Nach einem Ortstermin zum Thema im November habe der Nabu aber nichts mehr von Holcim gehört.

Wann vom Plan abgewichen werden kann

„Auch ein Unternehmen muss sich an die Regelungen zum Artenschutz im Bundesnaturschutzgesetz halten und darf nicht wissentlichen Lebensraum gefährdeter Arten zerstören, ohne vorher einen adäquaten Ersatz wie beispielsweise Wanderbiotope oder vorgezogene Ausgleichsmaßnahmen bereitzustellen“, stellt Adrian Schiefer klar.

Wissentliche Verstöße können entsprechend geahndet werden. Er geht aber davon aus, dass es nicht soweit kommen wird, da sich das Unternehmen bereits im Gespräch mit dem Nabu und seiner Behörde befände. Für eine Abweichung vom Rekultivierungsplan müsste aber in jedem Fall ein Änderungsantrag beim Regierungspräsidium gestellt werden. Die direkt angrenzenden Biotope wurden bei der Abbau– und der Rekultivierungsplanung berücksichtigt.

Die Frage, ob eine Ausweitung des Naturschutzgebiets auf die Sandgrube oder Teile davon infrage käme, falle ebenfalls in den Zuständigkeitsbereich des Regierungspräsidiums.

So viel Sand wird im Jahr in Ursendorf gewonnen

Sabine Schädle, die Sprecherin von Holcim Süddeutschland, betont, dass ihr Unternehmen bereits jetzt in der Grube auf die Belange der Natur Rücksicht nehme — zum Beispiel während der Brutzeit. „Die Grube ist unsere kleinste Gewinnungsstätte“, schreibt sie. Schotter Teufel habe einen Schwerpunkt im Gesteinsabbau und dem Verkauf von Schotter am Hauptsitz in Straßberg.

Die Sandgewinnung mache nur einen sehr geringen Teil des Tagesgeschäfts aus und sei in der jüngsten Vergangenheit durch Holcim nicht erhöht worden. „Der Abbau erfolgt nur an wenigen ausgewählten Tagen, in sogenannten Kampagnen“, so Schädle. „Er bewegt sich um 5.000 bis maximal 10.000 Tonnen im Jahr.“

Holcim: Thema mit Bedacht angehen

Da für die nächsten Wochen weder eine Wiederverfüllung noch die Sandgewinnung vorgesehen sei, könne das Thema mit Ruhe und Bedacht abgestimmt werden. Aus dem Landratsamt heißt es dazu, dass ein weiteres Treffen unter Einbeziehung des Landesamts für Geologie, Rohstoffe und Bergbau für den Sommer geplant werde.

Nutzungskombinationen abstimmen

Holcim wirbt mit dem Slogan „Der erste klimaneutrale Zement“ und hat auf seiner Homepage eine eigene Rubrik zum Thema „Nachhaltigkeit“. Entsprechend offen für die Ideen des Nabu zeigt sich auch die Unternehmenssprecherin.

„Natürlich ist es eine Chance, dass für die Rohstoffgewinnung die jeweiligen Flächen nur vorübergehend benötigt werden und nach der Gewinnung vielfältige Möglichkeiten zur Folgenutzung entstehen. Sofern alle Beteiligten einverstanden sind, lassen sich auch Nutzungskombinationen miteinander abstimmen“, schreibt sie.

Weitere Gutachten zu Bienen und Käfern denkbar

Anfang Mai hatte die Nabu–Ortsgruppe den Nabu–Landesvorsitzenden Johannes Enssle zu Gast und hat mit ihm unter anderem auch über die Situation in der Sandgrube gesprochen und seinen Rat eingeholt. „Im Regierungspräsidium wird jetzt wohl geprüft, ob es ein aktuelles Gutachten zu den Käfern und Bienen geben soll“, sagt Joosty.