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Schafherde

Wenn Schaf und Esel den Mähdienst übernehmen

Kreis Sigmaringen / Lesedauer: 6 min

Intakte Natur und Artenvielfalt liegen Carsten Weber schon seit 20 Jahren am Herzen – Mit rund 200 Tieren beweidet er schwieriges Gelände nahe dem Donautal
Veröffentlicht:13.11.2021, 05:00

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Von Mira, dem einstigen Flaschenlamm, wird er sofort erkannt: Das weiße Schaf trottet direkt auf den Besitzer der Schafherde zu. Es ist erkennbar eines der Lieblingsschafe von Carsten Weber. 140 Tiere stehen oder liegen an diesem Tag an dem Steilhang bei Kreenheinstetten , einem Teilort von Leibertingen im Kreis Sigmaringen. Manche grasen auf der knapp einen Hektar großen Fläche – andere sind am Wiederkäuen. Die Fläche wird seit 2016 „naturschutzfachlich beweidet“, so der Fachausdruck.

Weidehaltung war jahrhundertelang typisch in dieser Landwirtschaft. Doch da hat sich mittlerweile einiges verändert – als Teil des steten Strukturwandels, dem die einst bäuerliche Landwirtschaft ausgesetzt ist. Zwischen den verbliebenen Grasstauden und den kahl gefressenen Flächen steht eine rötlich schimmernde, hochwachsende Pflanze namens Hohlzahn. Sie zeigt die Wertigkeit des Fleckens, ist direktes Ergebnis dessen, was die Schafe dort, und andernorts grasende Esel, vollbringen – und auch von dem, was sie „hinterlassen“.

Schwer zugängliche Alb-Wiesen – aber umso wertvoller

Die Steilhanglage an einem südwestlichen Ausläufer der schwäbischen Alb ist mit landwirtschaftlichen Maschinen nur schwer zugänglich. Das heißt: Die konventionelle Bewirtschaftung ist vor allem eines – unwirtschaftlich. Hier kommt Carsten Weber, der Besitzer der Schafherde, ins Spiel. Er schickt seine Vierbeiner auf sogenannte FFH-Mähwiesen, insgesamt rund 45 Hektar Fläche bearbeitet er derzeit, die nach der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie geschützt und als Biotopfläche kartiert sind. Dafür wird er als Dienstleister von Land oder Landkreis bezahlt.

Weber hat einen Blick für seltene Arten, deren Erhalt ihm am Herzen liegt. Der rötlich schimmernde Hohlzahn etwa, sagt Weber, sei so etwas wie ein „Störanzeiger“. Eine Pflanze, die sich als Pionierart schnell etabliere. Dort nämlich, wo die Schafe mit ihren Trittspuren die Grasnarbe verdrängen und der Boden offen liegt. Der Hohlzahn, so schwärmt Weber, sei eine „ganz tolle Insektenpflanze“. Und dient gewissermaßen als Futterpflanze für die kleinen Wildbestäuber, ist dabei aber keine Honigpflanze.

Als Experte gefragt

Der 55-Jährige, der – als Sohn eines Elektrogroßhändlers – ursprünglich Elektrotechnik studierte, hat sich voll und ganz dem Naturschutz verschrieben. Er absolvierte auch noch ein Studium der Geoökologie, ist in dem Fachgebiet auch als Gutachter tätig. Seit einigen Jahren ist Weber regelmäßig als Experte in den SWR-Sendungen „Kaffee oder Tee“ und „ARD Buffet“ zu Gast. In Karlsruhe, wo er begann und in Spitzenzeiten rund 120 Hektar Fläche betreute, hat er schon mit alten, vom Aussterben bedrohten Haus- und Nutztierrassen gearbeitet – was er seit 2016 in Leibertingen , am südwestlichen Ausläufer der Alb, weiter intensiviert hat. 2016 bezog er mit seiner Partnerin das neue Hofareal, sie nannten den Landschaftspflegehof „Distelhummelhof“ – weil beiden die Insekten in den betreuten Ökosystemen besonders wichtig erscheinen.

Mit seinen Tieren pflegt Weber ein sichtbar enges Verhältnis: Mira, das ehemalige Flaschenlamm, wurde von ihm und seiner Partnerin Juliana Ranzmeyer im heimischen Schlafzimmer groß gezogen. So wie der Schafbock Uwe, der an diesem Herbsttag in Oberschmeien weidet – einem Teilort von Sigmaringen, wenige Kilometer nördlich des dort noch jungen Donautals. Auch Uwe kam als weißes Schaf auf die Welt und wurde von der eigenen Mutter nicht angenommen. Auch er bekam vier Wochen lang die Flasche gereicht in Webers Gemächern und ist heute ein stattlicher Bock, rund 90 Kilo schwer. Die Esel Bella, Max, Pauwau und Jule, die an diesem Tag auf dem Hofareal auf den nächsten Einsatz warten, begleiten Weber schon seit dem Jahr 2003 bei seiner Tätigkeit – Bella und Max haben inzwischen beide ein stolzes Alter von fast 30 Jahren erreicht.

Mit Schaf und Esel von Karlsruhe auf die Alb

Weber, seit Kindesbeinen mit Tieren und Pflanzen vertraut, startete nach der Jahrtausendwende zunächst auf dem Birkenhof in dem Karlsruher Stadtteil Daxlanden, nahe bei den Rheinauen. Ab 2003 beweidete er dort mit einem Dutzend Maultieren und Eseln den rund 30 Hektar großen „Alten Flugplatz“ am nördlichen Stadtrand – damals noch Pionierarbeit. Das Flugfeld, auf dem 1909 erstmals große Zeppeline landeten und das nach 1925 zu einem der großen deutschen Flughäfen zählte, wurde nach dem Krieg Standort der Amerikaner. Auf dem Areal gedeihen auf vorwiegend sandigem Grund seltene Borstgräser und Heidenelken. Ökologisch noch wertvoller sind allenfalls die Wacholderheiden. Um dieses extensiv genutzte Areal auch künftig offen zu halten, sind unter anderem die Esel im Einsatz. Bis vor fünf Jahren weideten dort Webers Tiere.

Das heute von Webers Schafen beweidete Gelände nahe dem 600 Einwohner zählenden Kreenheinstetten gilt als ökologisch besonders wertvoll. Die 140 Tiere verbleiben auf dem Stückle zwei Wochen, sie übernehmen die Aufgabe, die lange Zeit Wanderschäfer mit ihren Herden erledigten – oder Rinder heute noch auf der Alm in Gebirgslagen. Die Beweidungszeit von Eseln und Schafen dauert teils bis in den Dezember hinein – und in diesem Jahr wächst das Gras besonders üppig, wegen des besonders regenreichen Sommers. Am gegenüberliegenden Westhang in Kreenheinstetten ist der Untergrund nahezu identisch: weißer Kalkjura, mit vier bis fünf Zentimetern Bodenauflage – also ein typischer „Kalkmagerrasen“. Ohne die Beweidung, sagt Weber, würde das Areal verbuschen und von Hasel, Weißdorn, Schlehe oder Esche dominiert und zuwachsen. „Am Ende wäre das dann ein Eschenwald“, meint er.

Schafwolle – mehr als nur Ramschware

Seit 2018 sind Carsten Weber und Juliana Ranzmeyer auch in die Wollverwertung eingestiegen. Schafwolle, einst ein wertvolles Produkt, ist mittlerweile beinahe zur Ramschware verkommen. Weber arbeitet zusammen mit Projektpartnern im Naturpark Obere Donau. Produziert werden 22 Millimeter starke Satteldecken aus Wollfilz. Zweimal im Jahr werden die Schafe geschoren. Schwerpunkt seiner Arbeit bleibt aber die Dienstleistung im Naturschutz. „Ohne Landschaftspflege wären artenreiche Trocken- und Magerrasen, Wacholderheiden nicht denkbar“, ist sich Weber sicher. Stellen, an denen der rohe Boden offen liegt, sind nicht zuletzt auch für ganz besondere Arten wichtig. Etwa die Orchideen, die dort besonders gut wachsen. Ebenso wie der violett-lila schillernde Franzen-Enzian. Beide Arten sind Ausdruck einer hohen Biodiversität – also einer großen Artenvielfalt.