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Kehrseite der Party

Während andere feiern: So arbeiten Rettungssanitäter an der Fasnet

Sigmaringen / Lesedauer: 4 min

Die Malteser erleben zunächst einen ruhigen Dienst. Doch dann folgt ein Einsatz, der es in sich hat.
Veröffentlicht:09.02.2024, 17:07

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In der Rettungswache der Malteser zeigt sich an diesem Auselige ein kurioses Bild. Während draußen die Narren ausgelassen feiern und die Stadt in den Ausnahmezustand versetzen, bekommen Marius Kling und Dominik Maier von all dem Trubel nur wenig mit. Doch das wird sich im Laufe des Tages noch ändern.

Zunächst haben sie aber Zeit, ihrer Tagesaufgabe nachzukommen. Donnerstag ist „Desi“-Tag, sagt Maier. Das heißt, der Rettungswagen wird von vorne bis hinten desinfiziert. Im Hintergrund läuft der Soundtrack des Superheldenfilms „Guardians of the Galaxy“, in dem viele Songs aus den 80er-Jahren vorkommen. Nach knapp einer Stunde ist die Arbeit erledigt.

Erster Einsatz erfolgt zur Mittagspause

Mittlerweile ist es kurz vor 12 Uhr. Noch immer ist kein Notfall eingegangen. Maier und Kling planen das Mittagessen. Die Wahl fällt auf Pizza Sucuk. Doch noch während sie auf ihr Essen warten, erreicht sie der erste Alarm. Es ist das Fasnetsklischee: Ein Jugendlicher hat zu tief ins Glas geschaut und ist nicht mehr ansprechbar.

Die Pizza ist jetzt fertig, doch es hilft nichts: Sie muss fürs erste warten. Kling setzt sich hinters Lenkrad, Maier auf den Beifahrersitz. Der 23-Jährige hat heute den Hut auf, es sind seine letzten Monate in der Ausbildung zum Notfallsanitäter. Er muss sich heute beweisen: Ansprache des Patienten, Versorgung und Dokumentation - all das ist heute seine Aufgabe. Je nach Einsatz fällt etwas anderes an.

Den Einsatzort lädt die Rettungsleitstelle direkt auf das Navigationsgerät. Es handelt sich um einen kleinen Wald, den die Malteser innerhalb einer Viertelstunde erreichen. Dort angekommen, erläutern ihnen Jugendliche aufgeregt, wo sich der betrunkene 16-Jährige aufhält. Kling und Maier folgen der bunt kostümierten Gruppe durch ein kleines Waldstück und entdecken den Betrunkenen auf einer Bank liegend.

Wer schreibt, der bleibt.

Marius Kling über das Protokollieren

Sein orangefarbenes Kostüm ist mit diversen Flecken besprenkelt. Um den Jugendlichen ist es aber nicht besser gestellt. Selbst als Maier ihn mehrmals laut anspricht, zeigt er keine Reaktion. Erst als der Malteser ihm mit dem Daumen in den Oberkörper drückt und so einen Schmerzreiz auslöst, reagiert er. Viel ist aus ihm allerdings nicht herauszubekommen.

Die Jugendlichen, die den Notruf gewählt haben, erzählen, dass sie ihn nur durch Zufall entdeckt haben. Seine Freunde hätten ihn wohl auf der Bank liegen lassen. „Was sind das für Freunde“, sagt eine von ihnen fassungslos. Langsam kommt der Betrunkene zu sich, allerdings macht er keine Anstalten, sich helfen zu lassen.

Wenn sich Patienten unkooperativ, respektlos und aggressiv verhalten, wählt Kling ein klare und direkte Anrede, erklärt der Notfallsanitäter seine Herangehensweise. „Bei manchen funktioniert das, bei manchen nicht.“

16-jähriger Patient ist stark alkoholisiert 

Mithilfe der Jugendlichen tragen die beiden Rettungssanitäter den Patienten zum Rettungswagen, wo sie ihn auf eine Patiententrage hieven. Im Rettungswagen checkt Maier ihn durch. Er ist mit 34,6 Grad Körpertemperatur leicht unterkühlt, seine Hände sind kalt. Die restlichen Werte sind stabil.

Allerdings kann Maier nicht ausschließen, dass der 16-Jährige neben Alkohol auch andere Drogen konsumiert hat. Deswegen entscheiden sich die Malteser dafür, ihn in die nächstgelegene Kinderklinik zu bringen. Diese ist etwa eine Stunde entfernt. Im Kreis Sigmaringen existiert keine solche Einrichtung. Kling fährt, Maier bleibt beim Patienten und füllt das digitalen Einsatzprotokoll aus.

Solche Dokumentation seien sehr wichtig geworden, sagt Kling. In den vergangenen Jahren hätten Patienten immer wieder Rettungskräfte verklagt. Wer dann nicht auf sein Protokoll verweisen könne, stehe vor großen Problemen. „Deswegen gilt das Motto ,Wer schreibt, der bleibt’“, sagt der 26-Jährige.

Patient geht es am Krankenhaus wieder besser

Als die Malteser in der Kinderklinik ankommen, zeigt sich der Jugendlich plötzlich wieder munter. Die Infusion und ein wenig Schlaf haben scheinbar Wunder gewirkt. Auch wenn es dem Patienten nun scheinbar wieder besser geht: Dass die Jugendlichen den Notruf gerufen haben, sei richtig und wichtig gewesen, betont Kling.

Die Sanitäter bringen den Patienten in ein großes Aufnahmezimmer, in dem er direkt von den Ärzten in Empfang genommen wird. Maier unterrichtet sie in Kürze über den Zustand des Patienten und die Hintergründe des Einsatzes. Danach geht es für die beiden wieder zurück nach Sigmaringen.

Kurz vor 16 Uhr haben sie endlich Zeit zum Mittagessen. Die Pizzen sind natürlich längst kalt. Maier stört das nicht, Kling wärmt seine Pizza in der Mikrowelle auf.

Bei dem zurückliegenden Einsatz bestand zu keinem Zeitpunkt Lebensgefahr, das ist jedoch nicht immer der Fall. Für den Malteser liegt genau darin der Reiz: „Wenn man sich überlegt, dass man hin und wieder Leben retten kann und den Menschen tatsächlich geholfen hat, dann ist es das, was den Job so einzigartig macht.“


Nach dem Einsatz rückten Kling und Maier bis zu ihrem Feierabend um 19 Uhr noch zwei weitere Male aus. Ihr Vorgesetzter, Stefan Flohr, fasst den Arbeitstag auf Anfrage wie folgt zusammen: „Es war ein normaler Auseliger mit relativ wenigen Einsätzen.“ Einsätze wie der geschilderte seien zur Fasnetzeit typisch. „Stark alkoholisierte Patienten gehören hier zum Tagesgeschäft“, so der Leiter der Sigmaringer Rettungswache.