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Diese Polizisten kümmern sich nur um Flüchtlinge

Sigmaringen / Lesedauer: 4 min

Die Polizeiarbeit neben der Landeserstaufnahmestelle ist besonders. Die Beamten übernehmen nur bestimmte Fälle, bei denen eine Uniform dabei oft stört.
Veröffentlicht:11.02.2024, 05:00

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Jeder Autofahrer, der auf das frühere Kasernengelände rollt, passiert ein unscheinbares Backsteingebäude auf der rechten Seite, neben dem meistens mehrere Polizeiautos stehen. Das hat seinen Grund. In dem kleinen Bau befindet sich seit fünf Jahren die sogenannte LEA-Wache. Dabei handelt es sich aber nicht um einen regulären Außenposten des Sigmaringer Polizeireviers, sondern um ein Team, das sich in seiner Ermittlungsarbeit speziell auf Straftaten von Flüchtlingen spezialisiert hat - landesweit einmalig.

Was macht die Wache so besonders?

Die Polizisten sind Teil einer dauerhaft angelegten Ermittlungsgruppe, sagt Daniel Reiser, Leiter des Polizeireviers Sigmaringen. Das bedeutet, dass Streifenpolizisten an das Team übergeben, wenn Flüchtlinge in Delikte involviert sind, denn im Unterschied zu Streifenbeamten dürfen die Mitglieder der LEA-Wache den Fall nicht nur aufnehmen, sondern übernehmen danach auch die Ermittlungsarbeit, fügt Wachenleiter Matthias Zok an.

Das bezieht sich nicht nur auf Vorfälle auf dem Gelände der Landeserstaufnahmestelle (LEA), sondern auch im Stadtgebiet oder unter bestimmten Umständen auch darüber hinaus.

Matthias Zok leitet die Wache in Sigmaringen.
Matthias Zok leitet die Wache in Sigmaringen. (Foto: Mareike Keiper )

Da nur ein kleiner Teil der Bewohner straffällig werde und dadurch in den Kontakt mit den Polizisten komme, erkennen sie auch häufiger Zusammenhänge, auch Wochen später, wenn die Bewohner schon nicht mehr in der LEA leben, sagt Polizeisprecher Oliver Weißflog: „Irgendwann kennt man seine Pappenheimer.“ Außerdem haben sie ein Netzwerk in der LEA aufgebaut.

Mit welchen Delikten haben die Beamten überwiegend zu tun?

Im Fokus haben die Beamten Ausländerrecht, darauf sind sie auch spezialisiert. Aber die meisten Fälle, die sie darüber hinaus bearbeiten, sind laut Zok Diebstähle, oft der schwerere gewerbsmäßige Diebstahl, wenn Menschen also stehlen, um die Beute weiterzuverkaufen. Aber auch Einbrüche und andere Straftaten werden von den Beamten immer wieder behandelt und aufgeklärt.

Arbeit auf engstem Raum: Eigene Büros haben die Polizisten in der LEA-Wache nicht.
Arbeit auf engstem Raum: Eigene Büros haben die Polizisten in der LEA-Wache nicht. (Foto: Mareike Keiper )

Wie sieht der Alltag in der Wache aus?

Im Prinzip, so Zok, ermittelt jeder an seinen eigenen Fällen. Zum Alltag gehören auch Vernehmungen, der Kontakt zu Geschädigten oder das Sichten von Videos. Gibt es einen Einsatz, in den Flüchtlinge involviert sind, rücken die Polizisten aber auch aus. Drei Streifenwagen stehen dafür bereit.

Wenn es um Haftsachen geht, arbeiten die Beamten allerdings aufgrund der umfangreichen Ermittlungen im Team, betont Zok: „Hier wird nie jemand allein gelassen.“ Darüber hinaus sind die Polizisten auch für die Einweisung der Bereitschaftspolizei zuständig, die zur Unterstützung seit etwas mehr als einem Jahr in Sigmaringen eingesetzt wird.

Welche Polizisten arbeiten dort?

Eine feste Teamgröße gibt es nicht, sagt Reiser, denn die Anzahl der eingesetzten Polizisten hänge von der Zahl der Belegungen und der Fälle ab. Um nicht berechenbar zu werden, geht er nicht weiter ins Detail.

Die meisten von ihnen seien vorher im Streifendienst gefahren und wollten sich spezialisieren. Das erfordere drei bis sechs Monate Einarbeitung.

Deshalb könne auch nicht jeder in der Wache eingesetzt werden, sagt Reiser, betont aber, dass alle freiwillig da sind. Das bestätigt Claus-Jürgen Laplace, der seit einem Jahr in der LEA-Wache tätig ist: „Ich war 24 Jahre lang im Streifendienst und wollte meinen Horizont erweitern.“ Sein Fazit: „Es ist sehr, sehr viel Arbeit, aber sie ist abwechslungsreich und macht Spaß.“

Mit welchen Herausforderungen arbeitet das Team?

Da ist einmal die Sprache. Dafür nutzen die Polizisten entweder ein Übersetzungsgerät oder vertrauenswürdige Mitglieder der LEA-Security, die dolmetschen können.

Darüber hinaus arbeiten die Beamten in der Wache auf engstem Raum, Einzelbüros gibt es nicht. „Es ist wichtig, dass sich alle gut verstehen“, so Zok. Außerdem müssen die Polizisten Lärm aushalten, denn die Wände seien dünn und wenn Verdächtige im Gebäude sind, könne es auch mal laut werden. „Manchmal geht es hier zu wie im Bahnhof Zoo“, sagt Zok schmunzelnd.

Direkt neben der Landeserstaufnahmestelle befindet sich die Wache. Die Polizeiautos sind vom Eingang der LEA direkt zu sehen.
Direkt neben der Landeserstaufnahmestelle befindet sich die Wache. Die Polizeiautos sind vom Eingang der LEA direkt zu sehen. (Foto: Mareike Keiper )

Warum tragen die Polizisten keine Uniform?

Dieser Unterschied hat zwei Gründe: Zum einen können LEA-Bewohner so leichter zwischen Streife und Mitgliedern der LEA-Wache unterscheiden, erklärt Zok. „Die Zivilpolizei hat in anderen Ländern einen höheren Stellenwert“, nennt Reiser den zweiten Grund. Im Einsatz tragen die Beamten über der alltäglichen Kleidung aber eine Schutzweste und ihre Waffe, um als Polizisten erkannt zu werden, sagt Zok.