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Klinik in der Krise

Fünf Gründe, warum das Krankenhaus in Schieflage geraten ist

Sigmaringen / Lesedauer: 4 min

130 geplante Kündigungen, 14 Millionen Euro Verlust. Das Krankenhaus Sigmaringen befindet sich in einer schwere Krise. Wie konnte es soweit kommen?
Veröffentlicht:30.11.2023, 17:00

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Bis zu 130 Mitarbeiter sollen im Krankenhaus Sigmaringen ihre Jobs verlieren, weil die Zahl der Patienten sinkt und die Verluste in diesem Jahr auf 14 Millionen Euro ansteigen werden. Die Kliniken-GmbH befindet sich in einer schweren Krise. „Die Motivation ist unterhalb der Talsohle“, so der Stimmungsbericht einer Krankenschwester. Einige Mitglieder der Belegschaft gehen sogar so weit und sagen, dass die Klinik um ihre Zukunft bangen muss.

Doch wie konnte es so weit kommen - abgesehen von der generellen Schieflage, in der sich Krankenhäuser in Deutschland befinden, die wir in unserer Analyse ausklammern? Eine Ursachenforschung in fünf Schritten.

1. Das medizinische Niveau fällt ab

„Wenn wir so weitermachen, wird das Sigmaringer Krankenhaus nur noch ein Haus der Grundversorgung sein“, schreibt ein Kenner des Krankenhauses in einem Brief. Der Autor sieht Leistungen in den Zentren Onkologie, Gefäßchirurgie, Strahlentherapie oder Urologie, die über die eines Grundversorgers hinausgehen, in Gefahr. Zuletzt soll es in der Ärzteschaft mehrere Kündigungen gegeben haben. Offiziell bestätigt wird lediglich der Weggang von Oberärztin Gabriele Käfer aus der Onkologie.

Für Krebspatienten aus dem Kreis Sigmaringen würden die Wege extrem weit, wenn die Strahlentherapie ihre Dienste einschränken würde. Wegen der Insellage des Landkreises und der weiten Wege in größere Städte wie Tübingen, Reutlingen, Ulm oder Ravensburg sollte Sigmaringen versuchen, die medizinischen Standards zu halten.

2. Die Crux mit den Servicekräften

Wer übernimmt ihre Arbeit, wenn die Stellen vieler Servicekräfte gestrichen werden? Auf diese Frage gibt die Krankenhaus-Leitung keine schlüssige Antwort. Einen Fragenkatalog unserer Zeitung lässt sie weitgehend unbeantwortet. Mitarbeiter nennen es „blauäugig“, dass ein Abbau der Stellen von Servicekräften die Patienten nicht bemerken würden. Wer übernimmt Dienstleistungen wie die Lieferung von Medikamenten und Essen? Wer ist für den Bettentransport vom und zum OP zuständig?

Das Pflegepersonal geht davon aus, dass es diese Tätigkeiten zum Großteil übernehmen muss. In der Folge würde sich die Pflege verschlechtern. Konsequenz: Wieder einmal wären die Patienten die Leidtragenden. Der SPD-Kommunalpolitiker Martin Huthmacher, der dem Aufsichtsrat des Krankenhauses angehört, weist auf die stark rückläufige Zahl der Patienten hin, die in Sigmaringen behandelt werden.

Es sei deshalb zumutbar, wenn Pflegekräfte diese Arbeiten teilweise übernehmen. „Wir haben zu wenig Umsatz und müssen deshalb den Aufwand reduzieren, um Kosten zu sparen.“

3. Die Motivation der Belegschaft sinkt

Die Landrätin formulierte kürzlich die Erwartungshaltung, dass die Belegschaft den Karren gemeinsam aus dem Dreck ziehen müsse, um das Krankenhaus aus der Verlustzone zu holen. Doch von einem positiven Arbeitsklima kann keine Rede sein. Das Gegenteil ist der Fall. „Die Motivation ist unterhalb der Talsohle“, sagt eine Krankenschwester. Ein Patient spricht von einer „verdammt schlechten Stimmung. Viele Mitarbeiter sind total unzufrieden“.

Wir dürfen unser Krankenhaus nicht schlechtreden..

Martin Huthmacher

Der nicht nur auf die Servicekräfte beschränkte Personalabbau dürfte weiter auf die Stimmung drücken: In den Operationssälen sollen Stellen gestrichen werden, obwohl sie erst kürzlich eröffnet wurden. Ein Personalabbau in der Zentralen Notaufnahme steht ebenfalls im Raum. Auf Nachfrage schließt das Krankenhaus die Stellenstreichung nur für den Empfangsbereich der Notaufnahme aus.

Aufsichtsrat Huthmacher fordert trotz allem eine Kehrtwende in der Kommunikation: „Wir dürfen unser Krankenhaus nicht schlechtreden. Es ist Herkulesaufgabe, die vor uns liegt, und der Kreistag wird hinter der Sanierung stehen müssen.“

4. Die aufgeblähte Verwaltung

Während vor dem Einstieg der Stiftung Rehabilitation Heidelberg (SRH) der frühere Geschäftsführer Willi Römpp penibel auf kurze Wege und eine schlanke Verwaltung achtete, bauten die neuen Eigentümer in diesem Bereich Stellen auf. Für die einzelnen Abteilungen Facility, Technik, Küche, Bau gibt es Leitungskräfte, die vor dem SRH-Einstieg nicht erforderlich schienen.

Ein Krankenhaus-Insider, der anonym bleiben möchte, geht von mindestens einer Verdopplung des Personals in der Verwaltung aus. Beispiel Marketing und Öffentlichkeitsarbeit: Eine Mitarbeiterin der Personalabteilung übernahm diese Tätigkeiten früher stundenweise, zwischenzeitlich gibt es mehrere Mitarbeiterinnen für diesen Bereich. Selbst an der kaufmännischen Spitze des Krankenhauses ist seit knapp drei Jahren ein Duo tätig: Geschäftsführer Jan-Ove Faust und sein kaufmännischer Direktor Jochen Wolf.

Dem dreiköpfigen Sanierungsteam gehört das kaufmännische Spitzenpersonal übrigens nicht an.

5. Nach dem Verkauf: Der Einfluss des Landkreises schwindet

Man kann es drehen und wenden wie man will. Die SRH bestimmt, welche Musik im Krankenhaus gespielt wird. 58,45 Prozent der Anteile hält der Mehrheitsgesellschafter, der Landkreis kann mit seinen 41,55 Prozent überstimmt werden. „Formal ist das richtig, in der Praxis werden wir aber absolut gehört. Wir sind das Sprachrohr der Bevölkerung und geben unsere Einschätzung mit deutlichen Worten weiter“, sagt Aufsichtsrat Huthmacher über den Stellenwert des Landkreises.

Das Sanierungskonzept, das jetzt umgesetzt wird, trägt der Landkreis als Gesellschafter mit. Zwar ist Stefanie Bürkle auf dem Papier Aufsichtsratsvorsitzende der Kliniken-GmbH, doch ihr Einfluss darf nicht überschätzt werden.

Unter den Mitarbeitern wird Kritik an ihr laut, weil sie von der Landrätin mehr Präsenz erwarten. Bei den Betriebsversammlungen hätten sie sich von ihr ein Statement gewünscht. Die Mitarbeiter, mit denen unsere Redaktion in Kontakt steht, haben nicht in den Eindruck, dass sich Bürkle für ihre Ansichten interessiert.