StartseiteRegionalRegion SigmaringenSigmaringenAbtreibungen sind im Kreis Sigmaringen nur schwer möglich

Abtreibung

Abtreibungen sind im Kreis Sigmaringen nur schwer möglich

Sigmaringen / Lesedauer: 5 min

Ungewollt schwanger, und jetzt? Für Schwangerschaftsabbrüche machen Ärzte und Kliniken weiterhin keine „Werbung“, und führen sie auch in aller Regel gar nicht durch - oft aus Angst vor Repressalien.
Veröffentlicht:13.08.2022, 16:45

Von:
Artikel teilen:

Es gibt im Leben Extremsituationen, für die es keine Blaupause gibt und in denen man froh ist, Hilfe von anderen Menschen zu bekommen. Dazu gehört für Frauen ganz sicher eine ungewollte Schwangerschaft. Wer für sich entschieden hat, ein Kind nicht austragen, sondern abtreiben zu wollen, leidet.

Die Frauen sind zwar nicht allein. An Hilfen zu kommen, ist allerdings häufig eine große Herausforderung, da das Thema in der Öffentlichkeit noch immer ein Schattendasein führt. Das ist auch im Landkreis Sigmaringen nicht anders. Nur in ganz seltenen Ausnahmefällen machen Ärzte oder Kliniken auf die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs aufmerksam. Was also tun?

Wer ungewollt schwanger wird, und das Kind nicht bekommen möchte, benötigt für einen etwaigen Schwangerschaftsabbruch eine sogenannte Beratungsbescheinigung, die nur Beratungsstellen ausstellen können. „Dabei haben die Länder ein ausreichendes Angebot an Beratungsstellen für die Schwangerschaftsbetreuung sicherzustellen – und das wohnortnah“, sagt Torsten Schillinger , Leiter des Dezernats Soziales, Jugend, Gesundheit und Arbeit im Sigmaringer Landratsamt.

Im Jahresverlauf erreichen uns in etwa 20 bis 30 Anfragen zur Beratung rund um das Thema ungewollte Schwangerschaft.

Torsten Schillinger

In erster Linie unterstütze das Landratsamt zu dem Zweck den Verein „donum vitae – Regionalverband Hohenzollern e.V.“ finanziell. Dieser berate unabhängig von Nationalität und Konfession, so Schillinger.

Leitbild: Ergebnisoffene Unterstützung

Doch das Landratsamt ist auch selbst berechtigt, eine sogenannte Schwangerschaftskonfliktberatung anzubieten. „Im Jahresverlauf erreichen uns in etwa 20 bis 30 Anfragen zur Beratung rund um das Thema ungewollte Schwangerschaft“, sagt der Dezernatsleiter.

Komme es zur Beratung, würden Frauen und mit deren Einverständnis auch deren Partner im Gespräch in ihrer persönlichen Entscheidungsfindung ergebnisoffen unterstützt und begleitet: „Die Beratung erfolgt streng vertraulich und auf Wunsch anonym.“ Auf Wunsch erhalte die Schwangere nach dem Gespräch die für einen Schwangerschaftsabbruch notwendige Beratungsbescheinigung.

Doch mit dem Erwerb des Scheins ist es nicht getan. Noch schwieriger ist es, überhaupt einen Arzt oder eine Klinik zu finden, die aktive Schwangerschaftsabbrüche vornimmt. Das Sigmaringer Kreiskrankenhaus etwa hat dazu eine klare Position: „Wir führen am SRH Krankenhaus Sigmaringen keine solchen Schwangerschaftsabbrüche durch“, sagt Pressesprecherin Barbara Koch.

Dies sei eine Grundsatzentscheidung der Ärzte der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe gewesen, zuvor habe „es einen Diskussionsprozess der Ärzte unter Abwägung von ethischen, moralischen und anderen Aspekten“ gegeben. Sie verweist darauf, dass die einzelnen Argumente im vertraulichen Rahmen der Entscheidungsträger verbleiben sollen. Die Anfragen auf einen Schwangerschaftsabbruch lägen im Sigmaringer Krankenhaus durchschnittlich pro Kalenderjahr im einstelligen Bereich mit bis zu fünf Anfragen, sagt Koch .

Ärztin setzt weiter nicht auf „Werbung“

Die Position der Ärzte im SRH Krankenhaus lässt bereits vermuten, wie sensibel das Thema der Schwangerschaftsabbrüche auch in unserer modernen Gesellschaft noch immer ist. Das bestätigt auch eine Gynäkologin aus der Region, die anonym bleiben möchte. Sie selbst begleitet ungewollt Schwangere bei einem medikamentösen Schwangerschaftsabbruch, nicht aber operativ. „Werbung“ macht sie für diese Behandlung nicht, „und das werde ich auch so beibehalten“, sagt sie – trotz des Wegfalls des Paragraphen 219a aus dem Strafgesetzbuch.

Der Grund ist ganz einfach: „Es mag in einer Stadt anders aussehen, aber hier bei uns auf dem religiös geprägten Land ist es immer noch unklug, offensiv auf Schwangerschaftsabbrüche hinzuweisen“, sagt sie. Der Respekt davor, ins Visier etwa von Demonstranten zu geraten, sei groß.

Grundsätzlich habe sie eine „sehr liberale Meinung“, sie sei in ihrer Einschätzung aber auch ambivalent. So sei es aus ihrer Sicht richtig, „dass es eine Beratungspflicht mit Mindestentscheidungszeit zwischen Beratung und eigentlichem Abbruch gibt, nämlich drei Tage, damit eine reife Entscheidung getroffen werden kann“, sagt die Medizinerin.

Das Problem, das Frauen in der Region keinen Arzt oder keine Klinik fänden, die sie bei ihrem Wunsch nach einem Schwangerschaftsabbruch begleiten, auch operativ, sieht sie als wenig gravierend an: „Es gibt im Umkreis von 50 Kilometern rund um Sigmaringen ganz sicher einige Anlaufstellen“, sagt sie, und ergänzt: „Und eine solche Entfernung ist angesichts einer derart singulären und besonderen Extremsituation schon hinnehmbar.“

Umfrage lässt Situation weniger dramatisch erscheinen

Diese These stützen Zahlen des Sozialministeriums in Stuttgart: Zwar teilt Pressesprecher Pascal Murmann mit, eine Liste von Ärztinnen, Ärzten sowie Krankenhäusern, die in Baden-Württemberg Schwangerschaftsabbrüche nach Konfliktberatung durchführen, gebe es nicht.

„Bei einer Umfrage, die das Sozial- und Gesundheitsministerium im Jahr 2021 gemeinsam mit dem Verband der Gynäkologinnen und Gynäkologen Baden-Württemberg zur Versorgungslage durchgeführt hat, hatten wir einen Rücklauf von circa 50 Prozent der rund 1500 in Baden-Württemberg niedergelassenen Gynäkologinnen und Gynäkologen“, sagt er. Aber: Von denjenigen, die eine Rückmeldung – diese erfolgte jeweils anonymisiert – gegeben hätten, „führen 58 Schwangerschaftsabbrüche nach der Beratungslösung durch, zudem gab es drei weitere Rückmeldungen, dass Praxen jedenfalls bei eigenen Patientinnen Abbrüche vornehmen“, so Murmann.

Bei der Bewertung der Zahlen sei aber zu berücksichtigen, dass es sich hier nicht um eine statistische Erhebung handele, sondern um eine Umfrage, bei der die Teilnahme freiwillig war.

„Bereits auf Basis der positiven Rückmeldungen ist aber ersichtlich, dass grundsätzlich von allen Regionen in Baden-Württemberg aus mehrere Praxen erreichbar sind, an die Frauen sich für einen Schwangerschaftsabbruch wenden können“, stellt Murmann fest. Ergänzt werde die Versorgung in vielen Regionen durch Kliniken, wobei es auch hier keine Listen gebe.

Redakteurin macht Beratungsgespräch

Wie fühlt es sich an, über einen Schwangerschaftsabbruch in einem Beratungsgespräch zu reden? Dieser Frage geht SZ-Redakteurin Anne Laaß nach. Welche Erfahrungen sie macht, lesen Sie in diesem Artikel: