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Wahl-Grafiken aus Sigmaringen & Saulgau

Diese Menschen zeigten den Nazis die kalte Schulter

Sigmaringen / Lesedauer: 7 min

Die NSDAP feiert 1933 große Erfolge. Bei der letzten halbwegs freien Reichstagswahl am 5. März behält aber eine andere Partei die Mehrheit in Sigmaringen.
Veröffentlicht:10.02.2024, 17:00

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Die Sorge vor einem Rechtsruck ist in der Bundesrepublik Deutschland dieser Tage so groß wie nie. Die AfD als parlamentarischer Arm der rechtsextremistischen Bewegung erzielt hohe Umfragewerte, radikale Phantasten wähnen die Zeit für eine „Remigration“ von Ausländern nach Nordafrika für gekommen. Hunderttausende Menschen demonstrieren gegen diese menschenverachtenden Pläne und stehen für die Demokratie ein.

Eine Demokratie, die es in Deutschland während der Zeit der Weimarer Republik (1918 bis 1933) schon einmal gab, die sich aber nicht halten konnte, weil sie von zu wenigen Menschen verteidigt wurde - gegen Adolf Hitler und dessen nationalsozialistische Bewegung, die sich innerhalb von wenigen Monaten im Jahr 1932 zu einer Massenbewegung entwickeln konnte und durfte.

Hitler heute wirklich nicht mehr möglich?

Das Jahr 1933 wurde schließlich zum Schicksalsjahr der deutschen Nation. Heute beruhigen sich viele Menschen damit, ein Phänomen wie Adolf Hitler sei in Zeiten von unabhängigen Medien, einer stabilen wirtschaftlichen Lage und einem in Deutschland weit verbreiteten Pazifismus nicht mehr möglich.

Doch selbst in der „alten Zeit“, zur Jahreswende 1932/33, wenige Wochen vor Hitlers Machtübernahme, erschien den wenigsten Beobachtern eine Machtübernahme des Bierkeller-Agitators Adolf Hitler für realistisch. Ihm wurde wenig bis nichts zugetraut, auch wenn die Zahl der Mahner größer wurde.

Die Ursachen für Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933 - an diesem Tag wurde er von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt - sind komplex und können hier nicht Thema sein.

Stattdessen soll auch angesichts der vielen für die Demokratie wichtigen Wahlen im Jahr 2024 (Kommunalwahl, Europawahl, drei Landtagswahlen in den neuen Bundesländern) ein Blick zurück geworfen werden auf die Reichstagswahl am 5. März 1933, als auch die Sigmaringer und Saulgauer ein letztes Mal aufgefordert waren, ein Reichs-Parlament zu wählen - freilich nur, um Hitler nach dessen Plänen die Möglichkeit zu geben, den Parlamentarismus anschließend mittels einer absoluten Mehrheit für die NSDAP abzuschaffen.

Die Sigmaringer Zeitung positioniert sich

Wie stark aber war der Nationalsozialismus in Württemberg-Hohenzollern bereits verwurzelt? Wie stark wirkte der Katholizismus mit seinem im Konflikt mit den Nazis stehenden parlamentarischen Arm, dem „Zentrum“, noch auf die hiesige Bevölkerung ein?

Antworten darauf geben nicht nur die Ergebnisse der Reichstagswahl in Württemberg-Hohenzollern, sondern auch die Sigmaringer Ausgabe der Hohenzollerischen Volkszeitung in diesen Wochen.

Im Archiv der „Schwäbischen Zeitung“ in Sigmaringen liegt auch die Ausgabe der „Hohenzollerischen Volkszeitung“ vom 6. März 1933, in der über die Reichstagswahl berichtet wurde.
Im Archiv der „Schwäbischen Zeitung“ in Sigmaringen liegt auch die Ausgabe der „Hohenzollerischen Volkszeitung“ vom 6. März 1933, in der über die Reichstagswahl berichtet wurde. (Foto: Patrick Laabs)

Eine der ersten Amtshandlungen der Hitler-Regierung war es, den Reichspräsidenten Hindenburg dazu zu veranlassen, den Reichstag aufzulösen. Die Nazis hatten keine Mehrheit im Parlament, das sollte sich nach ihren Plänen tunlichst ändern.

Die Hohenzollerische Volkszeitung zitierte Hindenburg am 2. Februar 1933: „Nachdem sich die Bildung einer arbeitsfähigen Mehrheit als nicht möglich herausgestellt hat, löse ich [...] den Reichstag auf, damit das deutsche Volk durch Wahl eines neuen Reichstags zu der Neubildung der Regierung des nationalen Zusammenschlusses Stellung nimmt.“

Zentrum wehrt sich gegen Vorwürfe

Die Redaktion kommentierte unter dem Titel „Ein unverständlicher Beschluss“: „Nach Taten verlangt das Volk, aber nicht darnach, jetzt bereits wieder sein Votum in die Waagschale zu legen, ehe Leistungen vorliegen, die ein Urteil ermöglichen.“

Die Hohenzollerische Volkszeitung machte aus ihrer Skepsis den neuen Machthabern gegenüber keinen Hehl, und erklärte sich in den kommenden Wochen solidarisch mit dem „Zentrum“, deren Politiker um den Reichs-Vorsitzenden Ludwig Kaas und den ehemaligen Reichskanzler Heinrich Brüning die Notwendigkeit einer Neuwahl kritisierten. Sie seien schließlich gar nicht gefragt worden, ob sie an einer Hitler-Regierung partizipieren wollen.

Der Zentrums-Turm in Sigmaringen hat standgehalten.

Hohenzollerische Volkszeitung, 6. März 1933

Die katholischen Zeitungen in Deutschland agitierten im Februar gegen die Hitler-Regierung, was die neuen Machthaber um Reichskommissar Hermann Göring dazu veranlasste, auf Verbote dieser Zeitungen hinzuwirken. So wurde auch dem Regierungspräsidenten Brand in Sigmaringen, ein Zentrums-Mann, nahegelegt, die Hohenzollerische Volkszeitung mindestens für drei Tage einzustellen.

Doch Brand hielt sich nicht daran - mit der Konsequenz, dass er daraufhin von seinem Amt abgesetzt und in den Vorruhestand geschickt wurde. Die Nazis ließen die Muskeln spielen. In mehreren Artikeln kritisierten die Sigmaringer Redakteure die Entscheidung und erläuterten, wie schmerzhaft der Verlust von Brand für die heimische Bevölkerung sei.

Nazis holen fünf Millionen Wähler mehr ab

Am Vortag der Reichstagswahl vom 5. März 1933 wandte sich die Hohenzollerische Volkszeitung ganzseitig mit mahnenden Worten an ihre Leser. Der 5. März 1933 sei ein „Schicksalstag“ für Deutschland. Es wurde deutlich gemacht, dass die Sigmaringer ihr Kreuz beim „Zentrum“ machen müssten: „Das Zentrum ist schuldlos an dieser sinnlosen und zwecklosen Aufpeitschung unseres Volkes, an dieser erneuten Störung jeder wirtschaftlichen Erholung.“ Den Deutschen drohe eine „Parteiherrschaft schlimmster Art“.


Die Reichstagswahl erbrachte für die Nationalsozialisten auf Reichsebene zwar einen großen Sieg; im Vergleich zur Wahl vier Monate vorher im November 1932 mobilisierte sie fünf Millionen Wähler mehr (insgesamt mehr als 17 Millionen) und erreichte 43,9 statt 33,1 Prozent der Stimmen.

Aber: Reichskanzler Adolf Hitler hatte sich die absolute Mehrheit erhofft, und sie war von vielen Beobachtern auch erwartet worden. Die Kommunisten waren als Partei bereits verboten und wurden gnadenlos verfolgt, auch zahlreiche SPD-Mitglieder waren bereits in „Schutzhaft“, die paramilitärischen Organisationen hatten Deutschland bereits mit Terror überzogen, SA-Männer standen vor Wahlbüros.

Vor diesem Hintergrund war bemerkenswert, dass SPD (18,3 Prozent, minus 2,1 Prozent), Kommunisten (12,3 Prozent, minus 4,6 Prozent) und Zentrum (14,0 Prozent, minus 1,0 Prozent) ihre Stammwähler einigermaßen halten konnten. Was auf Reichsebene galt, galt noch sehr viel stärker für den Wahlkreis Württemberg-Hohenzollern.

Sozialdemokraten verloren in der Stadt leicht

Die Nazis waren überall im Reich vor allem Nutznießer einer erheblich gestiegenen Wahlbeteiligung. Rund 1,83 Millionen Menschen waren in Württemberg-Hohenzollern zur Wahl aufgerufen, die Wahlbeteiligung lag bei annähernd 87 Prozent - vier Monate vorher waren es lediglich 72 Prozent gewesen.

Das „Zentrum“ konnte seine Zustimmung sogar von 268.765 auf 279.627 Wählern erhöhen, die SPD profitierte vom Nazi-Terror gegen die Kommunisten und erhielt 231.674 Stimmen im Vergleich zu 200.142 Stimmen im November. Die Nazis erhöhten ihren Stimmenanteil von 344.840 auf 661.631.


Und wie sah es in Sigmaringen und Saulgau aus? In der Hohenzollernstadt waren 3572 Männer und Frauen zur Wahl aufgerufen. Die Nazis erhielten hier von 3298 gültigen Stimmen 1038 Stimmen und verdoppelten damit ihre Zahl binnen vier Monaten (502 Stimmen im November).

Die SPD verlor leicht an Zustimmung (129 statt 168), die Kommunisten verloren stärker (52 statt 101). Die Katholiken hielten zu ihrem parlamentarischen Arm; das „Zentrum“ holte 1723 Stimmen im Vergleich zu 1710 Stimmen vier Monate zuvor - und damit 52,24 Prozent. Jeder zweite Sigmaringer stand also zur katholischen Partei, nicht einmal jeder dritte wählte Hitler.

Arbeiter in Ebingen wählen ganz anders

Ein ähnliches Bild bot sich in Saulgau, auch wenn die Nazis hier stärker hinzugewannen. Hier waren 3467 Menschen stimmberechtigt, die vier größten Parteien schnitten wie folgt ab: Zentrum (1610 Stimmen im Vergleich zu 1605), NSDAP (1183 zu 704), SPD (143 zu 124) und Kommunisten (198 zu 275).


Ein gänzlich anderes Bild bot sich aber in der nur rund 20 Kilometer entfernten Arbeiterstadt Ebingen. Hier erzielten die Sozialdemokraten (1474 Stimmen) und die Kommunisten (1526 Stimmen) zusammen mehr Stimmen als die Nationalsozialisten (2735). Das Zentrum wurde hier mit 961 Stimmen nur viertstärkste Kraft.

Es braucht weitere lokale Studien

Die Sigmaringer Redakteure der „Hohenzollerischen Volkszeitung“ werteten das Sigmaringer Ergebnis in ihrer Wahlanalyse vom Tag nach der Reichstagswahl als ein „sehr gutes“. Trotz des „allgemeinen Ansturms auf die Zentrumsoptionen“ habe „der Zentrums-Turm in Sigmaringen standgehalten“.

Bei der Wahl zeigte sich, dass der Einfluss der extrem zentrumsnahen „Hohenzollerischen Volkszeitung“ auf die Bürger gewaltig war. Es ist in der historischen Forschung zwischenzeitlich unstrittig, dass überall dort, wo sich Printmedien weniger anfällig für Nazi-Positionen zeigten, auch die Bürger weniger anfällig waren - auch wenn es zur Untermauerung noch vieler lokaler Studien bedarf.

Am 5. Juli Auflösung für immer

Die politische Lage im Reich veränderte sich in den folgenden Monaten rasch. Nur 18 Tage nach der Reichstagswahl ließen die Nazis ihr Ermächtigungsgesetz folgen, mit dem sie den Parlamentarismus faktisch abschafften. Die Parteien lösten sich in der Folge allmählich auf, teils auf Druck, teils mehr oder weniger freiwillig. Am 5. Juli löste sich auch das Zentrum schließlich selbst auf.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es zwar vereinzelt Versuche, das alte, rein katholische Zentrum wiederzugründen, doch hatte sich eher die Überzeugung durchgesetzt, dass eine überkonfessionelle, christliche Partei bessere Perspektiven habe. Entsprechend setzte sich die CDU durch.