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Erinnerungen 

Die vergessene Geschichte zweier Sigmaringer Gaststätten

Sigmaringen / Lesedauer: 6 min

Beide Gebäude stehen noch heute, doch Bier wird schon seit Jahrzehnten nicht mehr ausgeschenkt. Eine Erinnerung an alte Zeiten, als diese Kneipen ihren Stadtteil prägten.
Veröffentlicht:30.10.2023, 17:00

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„Pfauen“ und „Freiheit“: So manch älterer Sigmaringer wird sich noch an diese Wirtschaften erinnern, ob aus eigener Anschauung oder vom Hörensagen. Beiden gemein ist, dass sie im 20. Jahrhundert einen guten Ruf hatten und in ihrem jeweiligen Stadtteil fest verankert waren.

Heute gibt es sie nicht mehr, ihre ehemalige Bedeutung ist in Vergessenheit geraten. Es wird Zeit, sich an beide zu erinnern.

Die Geschichte des „Pfauen“ im Hanfertal:

Im Sigmaringer Stadtteil Hanfertal gab es spätestens ab 1870 die Wirtschaft „zum Pfauen“. Das Gebäude mit Stall und Scheune an der B32 gegenüber der heutigen Jet-Tankstelle wurde bereits im Jahr 1811 gebaut, unklar ist allerdings, seit wann hier eine Wirtschaft betrieben wurde.

Wie unsere Eltern erzählt haben, sind an Markttagen oder anderen Anlässen nicht selten zehn bis 15 Fuhrwerke von Bingen, Hitzkofen oder Egelfingen gezählt worden.

Alfred Zimmermann

Der Sigmaringer Heimatkundler Franz Keller hatte sich im Jahr 1947 mit den damaligen Besitzern der Wirtschaft, Alfred Zimmermann und seiner Schwester Anna Schön, über den „Pfauen“ unterhalten. Diese Aufzeichnungen liegen im Sigmaringer Staatsarchiv.

Fünf Kühe und ein Schwein

Zimmermann berichtete von zahlreichen Besitzerwechseln um die Jahrhundertwende. Im Jahr 1911 geriet der „Pfauen“ in Brand, anschließend wurde er wieder aufgebaut. Alfred Zimmermann betrieb neben der Wirtschaft auch sieben Hektar Feld, er hatte fünf Kühe und ein Schwein.

Seit rund 60 Jahren gibt es in dem heute roten ehemaligen „Pfauen“-Gebäude kein Bier mehr. Heute haben sich in dem Bereich auch zwei Tankstellen angesiedelt.
Seit rund 60 Jahren gibt es in dem heute roten ehemaligen „Pfauen“-Gebäude kein Bier mehr. Heute haben sich in dem Bereich auch zwei Tankstellen angesiedelt. (Foto: Patrick Laabs)

Der „Pfauen“ hatte bis zum Ersten Weltkrieg für den Fuhrwerksverkehr große Bedeutung, schließlich sei er auf der Strecke Langenenslingen ‐ Sigmaringen die erste oder letzte Einkehrmöglichkeit gewesen.

„Wie unsere Eltern erzählt haben, sind an Markttagen oder anderen Anlässen nicht selten zehn bis 15 Fuhrwerke von Bingen, Hitzkofen oder Egelfingen gezählt worden“, sagte Zimmermann.

Handwerker bauen Häuser ‐ und trinken Bier

Der durchschnittliche Bierverbrauch habe vor dem Ersten Weltkrieg bei 3000 Litern gelegen, der von Schnaps bei 100 Litern. Zwischen 1924 und 1938 seien monatlich sogar mehr als 5000 Liter Bier über den Tresen gegangen.

In diesen Jahren wurde nicht nur das Fideliskonvikt neu gebaut, sondern generell herrschte im Hanfertal und am Schönenberg rege Bautätigkeit. Mehr als 25 Häuser seien binnen kurzer Zeit gebaut worden, weshalb sich viele Handwerker im „Pfauen“ verirrten, hatte Zimmermann damals gesagt.

Auch in den Jahren des Zweiten Weltkriegs riss der Andrang nicht ab, da im Konvikt ein Lazarett eingerichtet worden war. Die Franzosen schlossen den „Pfauen“ nach Kriegsende für anderthalb Jahre, im Herbst 1946 durfte Zimmermann wieder eröffnen.

Die Hanfertäler Eulenzunft hielt ihren Hausball im „Pfauen“ ab, nach den Aufzeichnungen Kellers bauten sie im Vorkriegsjahr 1938 für den Fastnachtsumzug einen Festwagen mit dem Motto „Freistadt Hanfertal“.

Tochter Herta macht’s weiter

Unklar ist heute, wie lange der „Pfauen“ noch als Wirtschaft betrieben worden ist ‐ er ist komplett in Vergessenheit geraten. Immerhin eine Annäherung kann die Sigmaringerin Loni Sauter liefern, deren Großmutter eine Schwester von Alfred Zimmermann gewesen ist.

Sie hat nach eigenen Recherchen im Verwandtenkreis herausgefunden, dass Alfred Zimmermann später eine Tochter namens Herta hatte, die die Wirtschaft möglicherweise noch bis Mitte der 1960er-Jahre weitergeführt hatte. Anschließend war sie nach Laiz verzogen.

Früher war es ein Parkettfachbetrieb

Der „Pfauen“ steht noch heute. In ihm hat die Familie Fritz Ende der 1990er-Jahre ihren Parkettfachbetrieb „benno fritz“ eingerichtet. „Ich stehe quasi gerade in der alten Küche des Pfauen“, sagt Nadine Berner geb.

Fritz, als sie von der „Schwäbischen Zeitung“ angerufen wird. Ihre Eltern haben den „Pfauen“ vor rund 25 Jahren komplett umgebaut. Neben dem „Pfauen“ stehen zwei weitere alte Häuser, die zum „Pfauen“-Komplex gehörten und in denen heute Wohnungen untergebracht sind.

Die Geschichte der „Freiheit“ am Brunnenberg:

Im Sigmaringer Stadtteil „Brunnenberg“ steht noch heute in der Brunnenbergstraße 13 das Gebäude, das einst als „Wirtschaft der Freiheit“ bekannt war.

Johann Freiheit baute die Wirtschaft „Freiheit“ am Brunnenberg gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus Schutt und Asche wieder auf.
Johann Freiheit baute die Wirtschaft „Freiheit“ am Brunnenberg gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus Schutt und Asche wieder auf. (Foto: Patrick Laabs)

Wie beim „Pfauen“ erinnert auch bei der „Freiheit“ nichts an ihre Kneipen-Historie. Der Sigmaringer Heimatkundler Franz Keller jedoch hat auch hier einige Anekdoten für die Nachwelt zusammengetragen.

Im Jahr 1947 unterhielt er sich mit Fidelis Freiheit, dem damaligen Inhaber der Wirtschaft. Dessen Großvater Johann Freiheit sei um 1860 herum von Neufra nach Sigmaringen gezogen und habe die „Freiheit“ eröffnet.

1893 habe er die Wirtschaft seinem Sohn, auch Johann, übergeben, der die Wirtschaft 44 Jahre lang bis ins Jahr 1937 betrieb. Dann sei der Betrieb an ihn selbst übergegangen. Fidelis Freiheit war 1897 geboren und seit 1938 verheiratet.

Gewürzhandel hat im Krieg keine Chance

Auch die „Freiheit“ brannte einmal nieder, und zwar im Jahr 1895. Johann Freiheit junior schritt im gleichen Jahr zum Wiederaufbau. Im Neubau wurde neben der Wirtschaft auch ein Spezereihandel betrieben, ein heute nicht mehr geläufiges Wort für einen Handel mit Kolonialwaren/Gewürzen.

Dieser Handel kam nach Fidelis Freiheit allerdings im Zweiten Weltkrieg aufgrund der Warenknappheit nahezu völlig zum Erliegen. Die „Freiheit“ hatte während des gesamten Hitler-Krieges geöffnet, allerdings sei das Bier während dieser Zeit arg kontingentiert gewesen, erzählte Fidel Freiheit.

Nachfahren eröffnen den Jägerhof

Fidel Freiheit hielt die Wirtschaft bis etwa 1970 am Laufen, auch danach sei sie noch als Wirtschaft verpachtet gewesen, erzählt der Enkel von Fidelis Freiheit, Andreas Zeller, der heute das Hotel Jägerhof in unmittelbarer Nähe zur alten Wirtschaft der Vorfahren betreibt.

Seine Mutter Berta, einzige Tochter von Fidelis Freiheit, hatte die Wirtschaft mit ihrem Mann Hans-Peter Zeller nicht mehr weitergeführt, stattdessen Anfang der 1980er-Jahre das Hotel Jägerhof aufgebaut.

Andreas Zeller richtete als gelernter Büchsenmachermeister im Jahr 1993 ein Waffengeschäft in der „Freiheit“ ein, das heute im Jägerhof ansässig ist. In der Brunnenbergstraße 13 wohnt heute Rechtsanwalt Markus Zeller, Bruder von Andreas Zeller.