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Blick durchs Schlüsselloch

So lebt eine elfköpfige Patchwork-Familie unter einem Dach

Sigmaringen / Lesedauer: 4 min

Großeltern, Eltern und sieben Kinder – wie gelingt das Zusammenleben auf 110 Quadratmetern? Wir haben hinter die Kulissen geschaut. 
Veröffentlicht:05.09.2023, 17:00

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Über den Hof wabert die Mittagshitze, im Schatten der Bäume liegen Hammer und Säge neben einer halbfertigen Bretterbude, Sandkasten und Holzhaus sind verlassen. Es ist ungewöhnlich still auf dem Böhlerhof, nur aus den oberen Fenstern klingt Geschirrgeklapper. Die Eingangstür am Ende der großen Treppe steht einladend offen: Zeit für einen „Blick durchs Schlüsselloch“, den die Böhlers gerne geben. Offen, ehrlich, ungeschönt und — wenn es gerade passt — auch bei Nudeln, Soße und Salat.

Die zwei großen Kinder sind auf Achse

Dem Stimmgewirr und einem Flur voll mehr oder weniger aufgereihter Schuhpaare folgend, sind neun der insgesamt elf Bewohner beim gemeinsamen Mittagessen am großen Küchentisch anzutreffen: Großeltern, Eltern sowie fünf der insgesamt sieben Kinder. Die zwei „Großen“ fehlen, sie sind im Urlaub beziehungsweise auf der Arbeit.

Jeder soll sagen können, was passt und was nicht.

Silke Böhler

Die Familie von Silke und Albrecht Böhler ist eine große Patchworkfamilie. Zu ihr gehören mittlerweile sieben Kinder beziehungsweise junge Erwachsene im Alter zwischen fünf und 20 Jahren. Eine Herausforderung, nicht nur in puncto Wohnraum. Dieser ist im Gegensatz zum großzügigen Außenbereich des Böhlerhofs doch sehr begrenzt.

Doppelstockbetten sind besonders für kleine Räume immer noch die beste Option und reichen durchaus auch für vier Kinder.
Doppelstockbetten sind besonders für kleine Räume immer noch die beste Option und reichen durchaus auch für vier Kinder. (Foto: Peggy Meyer)

Das Haus, gebaut in den 1960er–Jahren, wurde von der Grundfläche her nie erweitert. Vor neun Jahren, als Silke Böhler mit ihren beiden Kindern aus erster Ehe auf dem Böhlerhof einzog, wurde begonnen, das Obergeschoss auszubauen. Selbst ein Büroraum musste weichen und wurde Kinderzimmer Nummer drei, als innerhalb weniger Jahre die drei gemeinsamen Kinder Alexander, Andreas und Antonia zur Welt kamen.

Drei Zimmer für fünf Kinder

110 Quadratmeter für eine siebenköpfige Familie, drei Zimmer für fünf Kinder — in der heutigen Zeit für viele undenkbar. Doch Böhlers haben sich mit den Gegebenheiten arrangiert. Mehr noch, Anfang April holten sie zwei weitere Kinder auf den Böhlerhof: die elfjährige Felicia und ihren ein Jahr jüngeren Bruder Amadeo, die Kinder aus Albrecht Böhlers erster Beziehung.

Aufgewachsen in Frankreich, sprachen Felicia und Amadeo bis zum Umzug keinerlei deutsch. Mittlerweile scheint das kaum noch ein Problem darzustellen, beide antworten selbstbewusst und fügen sich mit Temperament in die Familie ein. Gefällt es ihnen, plötzlich so viele Geschwister zu haben? „Jaaa!“, rufen beide mit einem breiten Grinsen. Und auch Alexander (8), Andreas (7) und die fünfjährige Antonia freuen sich über ihre größeren Geschwister.

Die ältesten Kinder ziehen in die Einliegerwohnung um

Die beiden ältesten, Cedrik (20) und Marcia (17), haben für den „Familienzuwachs“ ihr gemeinsames Zimmer geräumt und sind in die Einliegerwohnung im Keller gezogen. „Freiwillig“, betonen die Böhlers. Das sei ihnen sehr wichtig. „Jeder soll sagen können, was passt und was nicht“, sagt Silke Böhler. Dafür halten sie auch nach wie vor ihre Familienkonferenz ab, „nicht mehr so oft wie früher, aber regelmäßig“. Wichtig sei auch das gemeinsame Mittagessen.

Klare Regeln und Pflichten

Für das Zusammenleben gibt es klare Regeln und Pflichten. Beispielsweise einen Küchenplan und Aufgaben, für die jeder verantwortlich ist oder mithelfen kann. „Ich gieße die Tomaten“, schnellt der Finger von Amadeo hoch. Unten bleibt sein Finger jedoch bei der Frage, wer sein Zimmer zeigen möchte. „Ist nicht aufgeräumt“, lachen er und Felicia.

Es ist gerade noch so auszuhalten.

Karl Böhler

Das Zimmer von Andreas und Alexander ist klein, es werden Fläche und Höhe genutzt. Ein Schreibtisch und ein Doppelstockbett finden Platz, eine Treppe führt unters Spitzdach, wo Kisten mit Spielsachen warten. Auch Antonia zeigt stolz ihren Schreibtisch unter ihrem Hochbett, ihr kleines Sofa und die Spielküche.

Das ist das Besondere an einem Bauernhof: Nicht nur für die Kinder sind die Tiere und die Natur ein wahres Paradies.
Das ist das Besondere an einem Bauernhof: Nicht nur für die Kinder sind die Tiere und die Natur ein wahres Paradies. (Foto: Peggy Meyer)

Die Kinder fühlen sich wohl, sie würden nirgendwo anders wohnen wollen. Vielleicht in der Stadt? „Nein, bäh“, rufen sie spontan und Silke Böhler sagt: „Wir haben hier so viel Platz, zumindest draußen.“ Der Hof bietet Möglichkeiten zum Spielen, Toben und Verstecken. Hinter dem Haus erstreckt sich viel Land, unter anderem genutzt von der Solidarischen Landwirtschaft (SoLawi). Und nachdem der Gugelhupf mit Zucchini (natürlich Selbstanbau) verspeist ist, springen die Kinder nach draußen. Sie wollen an ihrem Häuschen weiterwerkeln.

Das sagen Oma und Opa

Und wie verhält es sich mit Oma und Opa, mit Karl Böhler, dem Urgestein auf dem Böhlerhof? „Es ist gerade noch so auszuhalten“, schmunzelt er geduldig in die Runde und alle lachen. Er und seine Frau sind gern für die Kinder da, sie können sich aber auch jederzeit in ihre Wohnung im Erdgeschoss zurückziehen. „Das wünschte ich mir manchmal auch“, sagt Silke Böhler leise, bevor Antonia wieder ihren Schoß erobert.