StartseiteRegionalRegion SigmaringenPfullendorfPfullendorfer Reaktionen zu Sadismus in Kaserne

Diskussionen

Pfullendorfer Reaktionen zu Sadismus in Kaserne

Pfullendorf / Lesedauer: 5 min

Pfullendorfer Reaktionen zu Sadismus in Kaserne
Veröffentlicht:29.01.2017, 20:41

Von:
Artikel teilen:

Berichte über sexuell-sadistische Praktiken, die sich in der Staufer-Kaserne ereignet haben sollen, haben Pfullendorf bundesweite Schlagzeilen beschert. Auch in der Region wird das Thema heftig diskutiert. Die SZ hat Reaktionen eingeholt.

„Das ist unfassbar“, sagt Peter Herrmann , der als Soldat von 1962 bis 1992 in Pfullendorf stationiert war. „So etwas tut einem weh, wenn man selbst dort war.“ Herrmann hat sich intensiv mit der Geschichte Pfullendorfs und der Bundeswehr auseinandergesetzt. Dadurch hat er noch immer eine Verbindung zur Kaserne. „Mit einem Oberstleutnant, der sich ebenfalls für die Geschichte der Bundeswehr in Pfullendorf interessiert, stehe ich regelmäßig in Kontakt“, sagt Herrmann. Mit Kommandeur Oberst Thomas Schmidt, der offenbar bereits versetzt wurde, hätte er demnächst einen Termin gehabt. Doch daraus wird wohl nichts. „Sollten sich die Vorwürfe als wahr herausstellen, fände ich das schockierend“, sagt Peter Herrmann. „Natürlich gab es auch in meiner Bundeswehrzeit mal Schwierigkeiten mit dem einen oder anderen Soldaten“, sagt er. „Aber etwas Vergleichbares zum aktuellen Fall habe ich nie mitbekommen.“ Herrmann betont, dass es sich aus seiner Sicht nicht um ein bundeswehrspezifisches Problem handelt. „Das ist persönliches Versagen“, sagt er. Dass das Image der Bundeswehr, der Kaserne oder der Stadt auf Dauer leidet, befürchtet er nicht. „In zwei bis drei Jahren spricht darüber niemand mehr.“

Auch Heinz Kühnlenz , der 28 Jahre lang in der Pfullendorfer Kaserne stationiert war, sieht in den aktuellen Vorwürfen „kein Bundeswehrproblem“. „So etwas hängt immer von einzelnen Personen ab“, sagt Kühnlenz. „Deshalb darf man kein Pauschal-Urteil fällen.“ Aus seiner Sicht wird das Thema zu stark aufgebauscht. „Man hat ja schon oft erlebt, dass etwas nicht so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird“, sagt Kühnlenz. „Außerdem gibt es bislang nur Vermutungen. Noch steht nichts hundertprozentig fest.“ Der Pfullendorfer betont, dass er von Kommandeur Thomas Schmidt , der die Führung des Ausbildungszentrums „spezielle Operationen“ 2013 übernahm, stets einen guten Eindruck hatte. „Ihn habe ich als einen sympathischen Menschen kennengelernt“, sagt Kühnlenz. „Und ich habe in meiner Bundeswehrzeit auch viele unsympathische getroffen.“

Bürgermeister Thomas Kugler mahnt zur Besonnenheit. „Solange keine Ergebnisse vorliegen, kann ich mir auch kein eigenes Bild machen“, sagt er. Zudem sei die Angelegenheit in erster Linie eine Sache der Bundeswehr. Gute Werbung für Pfullendorf seien die Schlagzeilen der vergangenen Tage selbstverständlich aber trotzdem nicht. „Die Bundeswehr muss die Vorfälle jetzt intern aufarbeiten und dann werden die Verantwortlichen entsprechend behandelt werden“, sagt Kugler. „Sollten sich die Behauptungen als wahr herausstellen, gibt es auch nichts zu verharmlosen.“

Der Herdwanger kam 1987 zur Bundeswehr und war von 1997 bis 2001 in Pfullendorf stationiert. Heute ist er Vorsitzender der Reservistenkameradschaft Oberer Linzgau. „Der sogenannte Skandal ist in meinen Augen eigentlich ein negatives Kuriosum. Man hat da mehrere Sachen zusammengewürfelt, die objektiv betrachtet nichts miteinander zu tun haben“, sagt er. Sogenannte Aufnahmerituale bei Mannschaftsdienstgraden, bei denen längergediente Rekruten über die Stränge schlagen, habe es schon immer gegeben. „Unterm Strich ist dabei aber wohl niemand zu Schaden gekommen und für gewöhnlich wird auch niemand dazu gezwungen, solche Spielchen mitzumachen“, sagt Kammerer. Falsche Scham oder Albernheit vor eingebildeten Intimsphären seien bei der Ausbildung von Soldaten zu Notfallsanitätern mehr als fehl am Platz. Vom weiblichen Leutnant, der sich im Oktober 2016 an den Wehrbeauftragten wandte, hätte er erwartet, dass er sich dem Ausbildungsleiter mitteilt und sich der Diskussion stellt, „anstatt damit gleich zum Wehrbeauftragten oder zur Ministerin zu rennen“. „Für mich bleibt die Hoffnung, dass die höhere Führung merkt, dass die Pfullendorfer Bevölkerung hinter ihren Soldaten steht“, sagt Frieder Kammerer. „Den verdienten Oberst Schmidt, der Beeindruckendes geleistet hat und für seine Männer jederzeit gradesteht, in die Wüste zu schicken, ist an Kurzsichtigkeit und Undankbarkeit kaum zu überbieten.“ Der „Pfullendorf-Skandal“ sei vielmehr ein „Von-der-Leyen-Skandal“.

„Man weiß, dass es bei der Bundeswehr anders zugeht, aber in dieser Dimension hätte ich so etwas nicht erwartet“, sagt Thomas Jacob , Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler im Gemeinderat. Jacob verweist darauf, dass bereits einige exakte Aussagen zu den Vorfällen vorliegen. „So etwas saugt sich niemand aus den Fingern“, sagt der Fraktionschef. „Und wenn man sich ansieht, welche Konsequenzen jetzt schon gezogen wurden, dann liegt die Vermutung nahe, dass auch etwas dahinter steckt.“ Mitte der 80er-Jahre hatte Jacob als Wehrpflichtiger selbst der Bundeswehr angehört. „Natürlich gab es auch damals irgendwelche Aufnahmerituale“, sagt er. „Aber das war meilenweit von dem entfernt, was sich jetzt ereignet haben soll.“ Thomas Jacob befürchtet, dass von den negativen Schlagzeilen durchaus etwas am Bundeswehrstandort Pfullendorf hängen bleiben wird. „Man sollte aus meiner Sicht auch nicht damit anfangen, die Vorwürfe zu relativieren“, sagt er.

Roland Brucker , Vorsitzender der CDU-Fraktion im Gemeinderat, hat der Bundeswehr zwar auch zwei Jahre lang angehört, aber von Vorfällen wie den aktuellen nie etwas mitbekommen. Die sachliche Aufarbeitung der Vorwürfe müsse nun im Vordergrund stehen. „Ich bin kein Fan von Mutmaßungen“, sagt Brucker. „Wir sollten jetzt erst einmal abwarten, was sich am Ende in welchem Umfang bewahrheitet.“ Er hoffe, dass sich die deutschlandweite Berichterstattung der vergangenen Tage langsam wieder beruhige. „Ich habe die Hoffnung, dass Pfullendorf jetzt nicht ein Jahr lang täglich in den Nachrichten auftaucht.“