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100-jähriges Betriebsjubiläum

Reparatur zwischen Bier und Braten: Firmengeschichte beginnt in Gaststätte

Mengen / Lesedauer: 5 min

Total verrückt? Wilhelm Buck gründet seinen Betrieb mitten in der Hyperinflation von 1923. 100 Jahre später hat sein Enkel neben Uhren auch Schmuck und Brillen im Sortiment.
Veröffentlicht:29.11.2023, 11:50

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Brillen, Uhren und Schmuck gemeinsam in einem Ladengeschäft zu verkaufen, das ist im Süden Deutschlands eine gewachsene Tradition. 1923 ließ Wilhelm Buck seinen Uhrmacherreparaturbetrieb in die Handwerksrolle eintragen. Sein Enkel Oliver Buck, der den Betrieb heute gemeinsam mit seiner Frau Carolin führt, nimmt sich auch 100 Jahre später gern die Zeit, eine Uhr selbst zu reparieren.

„Auch, wenn sich in der Branche viel verändert hat, stehen der Servicegedanke und die Zufriedenheit der Kunden bei uns immer noch an erster Stelle“, sagt er.

Reparaturen im Hinterzimmer

Die Firmengeschichte beginnt im Hinterzimmer der Gaststätte „Sternen“, die Bucks Urgroßeltern in der Mengener Hauptstraße betrieben. Hier reparierte Wilhelm Buck, der erst Uhrmacher gelernt und dann die Meisterprüfung abgelegt hatte, die Uhren der Mengener.

Vielleicht hatte er aber auch einfach nichts zu verlieren.

Oliver Buck

„Es gehört eine Menge Mut dazu, mitten in der größten Inflation, die unser Land je gesehen hat, ein eigenes Unternehmen zu gründen“, sagt Oliver Buck heute. „Vielleicht hatte er aber auch einfach nichts zu verlieren.“

Bienenzucht ernährt Familie

Die Entscheidung seines Großvaters fiel im September 1923, als sich Preisverfall und Geldentwertung immer weiter überschlagen. Die Menschen zahlen zu diesem Zeitpunkt bereits etwa 14 Millionen Mark für einen Laib Brot.

Über die genauen Beweggründe seines Großvaters kann Oliver Buck nur spekulieren. „Es war eine harte Zeit“, sagt er. „Direkt nach dem Krieg haben meine Urgroßeltern ausschließlich von der Bienenzucht gelebt, alle mussten erfinderisch sein.“

In den 1960-er Jahren nimmt der Betrieb an Fahrt auf

Der „Sternen“ war ein Treffpunkt im Ort, die Reparaturdienstleistungen wurden ordentlich angenommen, sodass auch Eugen Buck, der Vater von Oliver Buck, eine Uhrmacherausbildung absolvierte. „Unter meinem Vater nahm der Betrieb an Fahrt auf“, sagt Buck.

Ende der 1960er-Jahre sei das Ladengeschäft eröffnet worden, in dem auch Schmuck verkauft wurde. „Den bekam mein Vater von seinem Bruder, der ihn als Großhändler unterstützte.“ Verkauft wurden auch Silberbesteck, Vasen und allerlei Dekogegenstände.

Uhren der deutschen Bundesbahn kommen kistenweise

Eugen Buck stellte zwei weitere Meister ein und bildete Lehrlinge aus. „Kistenweise kamen die Dienstuhren der Mitarbeiter der Bundesbahn zur Revision in Mengen an“, sagt Oliver Buck. Sein Vater wollte das Geschäft noch breiter aufstellen, nahm Brillen ins Programm und wurde selbst Optiker. „Viele Familienbetriebe sind diesen Weg gegangen.“

Akademische Seite des Berufs

Auch Oliver Buck macht zunächst am Bodensee eine Ausbildung als Optiker. Weil seine Interessen über das Handwerkliche hinausgehen und er mehr Einblicke in die technischen und naturwissenschaftlichen Seiten seines Berufs erhalten möchte, studiert er Augenoptik (Optometrie) und darf sich ab 1996 Ingenieur nennen.Später setzt er ein Masterstudium drauf, in dem es vor allem um Augengesundheit geht. Seit 2006 ist er außerdem als Lehrbeauftragter für den Studiengang Optometrie tätig.

„Mich beschäftigt, wie sich unser Beruf in Zukunft weiterentwickeln wird“, sagt er. „Ich bin ein Anhänger des lebenslangen Lernens und glaube, dass zum Aufgabenbereich eines Optikers und Optometristen auch gesundheitliche und medizinische Aspekte gehören.“

Ausgestattet wie ein Augenarzt

Wer eine neue Brille benötigt, kann deshalb im Geschäft von Oliver Buck weit mehr als nur die Seestärke bestimmen lassen. „Wir besitzen Geräte, mit denen wir auch den Augenhintergrund und die Netzhaut betrachten oder Druck messen können“, sagt er. Kunden, die den Nebenraum zum ersten Mal betreten, würden oft überrascht ausrufen: „Sie sind ja ausgestattet wie ein Augenarzt.“

Diagnosen werden nicht gestellt

In seinem Selbstverständnis leistet Buck aber vielmehr mit Basisuntersuchung etwas Vorarbeit für die Augenärzte oder kann ihnen einfache Seetests abnehmen. „Wir stellen keine Diagnosen, können den Kunden aber bei bestimmten Testergebnissen einen Arztbesuch ans Herz legen“, sagt er.

Angesichts der Tatsache, dass es in vielen Regionen an Augenärzten mangele oder lange auf einen Termin gewartet werden müsse, könnten entsprechend ausgebildete Optiker die eine oder andere Lücke schließen.

Carolin Buck betreut Uhren und Schmuck

Den Uhren- und Schmuckbereich betreut seit 2012 seine Frau Carolin. Die Diplomkauffrau sucht Kollektionen aus, kümmert sich um den Einkauf, die Personalplanung und die Buchhaltung. „Wir sind ein gutes Team und ergänzen uns prima“, sagt Oliver Buck. Fast hätte er vergessen zu erzählen, dass er damals bei seinem Vater selbstredend auch die Ausbildung als Uhrmacher gemacht hat. „Wenn ich Zeit dafür finde, repariere ich eine Uhr auch gern mal selbst“, sagt der 54-Jährige.

Der persönliche Kontakt zählt

Natürlich mache die Tendenz der Konsumenten, immer mehr Dinge im Internet zu kaufen, auch ihnen Sorgen, sagt das Paar. „Der wirtschaftliche Druck macht alles nicht leichter“, findet Oliver Buck. „Aber wir versuchen jeden Tag, unsere Kunden glücklich zu machen und sie optimal zu versorgen.“

Das wüssten viele Menschen in der Region zu schätzen. „Außerdem ist es immer etwas ganz anderes, eine Brille selbst aufzusetzen, eine Uhr am Handgelenk auszuprobieren oder die Verarbeitung von Schmuck auf der Haut zu spüren“, ergänzt Carolin Buck. Im Vergleich zu früher würden sich Frauen heute selbst ihren Schmuck kaufen und nicht darauf warten, ihn von ihren Männern geschenkt zu bekommen.

Verstärkung gesucht

Derzeit beschäftigen die beiden acht Mitarbeiter, zu denen Optikerinnen, ein Optometrist und gelernte Einzelhandelskauffrauen gehören.

„In beiden Bereichen könnten wir noch Verstärkung gebrauchen, damit wir an manchen Tagen nicht zu knapp besetzt sind“, sagt Buck. Wer den Betrieb einmal übernehmen wird, wenn die beiden das Rentenalter erreicht haben, darüber haben sie natürlich auch schon gesprochen. „Wir haben keine eigenen Kinder, wünschen uns aber sehr, jemanden zu finden, der das Geschäft in unserem Sinne weiterbetreibt“, sagt Buck. „Da wir aber noch einige Arbeitsjahre vor uns haben, müssen wir uns da jetzt noch keinen Stress machen.“