StartseiteRegionalRegion SigmaringenKettenackerAngst vor Windrädern: Albdorf bläst wieder zum Angriff

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Angst vor Windrädern: Albdorf bläst wieder zum Angriff

Kettenacker / Lesedauer: 5 min

Im Landkreis sind 50 weitere Windräder geplant. Das Bündnis „Rettet die Alb“ befürchtet, dass Ortschaften eingekesselt werden und will gegen die Räder vorgehen.
Veröffentlicht:21.10.2023, 17:00

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Windkraft ist in Kettenacker ein brisantes Thema. Vor einigen Jahren hat sich die Teilgemeinde von Gammertingen erfolgreich gegen den Bau von Windrädern gewehrt. Jetzt ist vor allem das Bündnis „Rettet die Alb“ bereit, die nächste Runde im Kampf gegen den Bau von Windrädern einzuläuten.

Bürgermeister Andreas Schmidt ist in den Ortschaftsrat gekommen, um seinen Vortrag zum Sachstandsbericht des Regionalverbunds Bodensee-Oberschwaben, den er bereits in der Gemeinderatssitzung Ende Juli gehalten hat, auch in Kettenacker vorzustellen. Neben dem Ortschaftsrat sind auch etwa 20 Bürgerinnen und Bürger erschienen. Dass es viel Redebedarf, Fragen und Befürchtungen gibt, wurde während Schmidts Vortrag deutlich.

Etwa 50 weitere Windkraftanlagen sind im Landkreis geplant

Aktuell gibt es im Landkreis Sigmaringen elf in Betrieb genommene Windkraftanlagen. Darüber hinaus haben der Landkreis vor einigen Monaten acht weitere Anlagen in der Gemeinde Bingen genehmigt. Kurz vor dem Abschluss steht ein Genehmigungsverfahren für vier weitere Windräder in Pfullendorf-Denkingen, lässt Adrian Schiefer, Dezernent für Bau und Umwelt, vom Landratsamt mitteilen.


Es konkretisieren sich die Pläne für ein Projekt für Inneringen mit vier Windrädern und die Erweiterung des Windparks Veringenstadt mit zwei Windrädern. Noch für dieses Jahr beziehungsweise Anfang 2024 wurden dem Landratsamt weitere Projektanträge angekündigt. Recht konkret sind dabei Pläne für den Bereich Meßkirch/Leibertingen, so Schiefer. Wie viele Anlagen beantragt werden sollen, wird derzeit noch abgestimmt.

Überdies bemühen sich verschiedene Projektträger um weitere Windkraft-Vorhaben im Kreisgebiet. Die Anlagen sollen vorrangig in den Bereichen entstehen, in denen der Regionalverband Bodensee-Oberschwaben entsprechende Potenzialflächen ausweisen will ‐ also in den Regionen Gammertingen, Hettingen, Bad Saulgau und Ostrach.

Wir gehen davon aus, dass daraus erwachsend in den Jahren 2023 bis 2026 konkrete Anträge für rund 50 weitere Anlagen im Landkreis Sigmaringen hervorgehen werden.

Landratsamt

Konkrete Standorte können sich im Laufe des Antragverfahrens aber immer noch ändern, ebenso die Anzahl der konkret geplanten Windenergieanlagen. „Wir gehen davon aus, dass daraus erwachsend in den Jahren 2023 bis 2026 konkrete Anträge für rund 50 weitere Anlagen im Landkreis Sigmaringen hervorgehen werden“, schreibt das Landratsamt. Nach Erteilung der Genehmigung müssen die Projektierer in der Regel innerhalb von drei Jahre mit dem Bau der Anlagen beginnen.

So betrifft die Planung die Albgemeinden

Im nördlichen Landkreis sieht der Regionalverband viel Potenzial für mögliche Windkraftanlagen, sagte Schmidt im Rat. Die Suchräume umfassen aktuell etwa 30 Prozent der Gemeindefläche. „Es wurde aber noch nicht alles untersucht“, sagte er.


Einige Flächen werden aufgrund der Tiefflugzone der Bundeswehr wegfallen, auch die Richtfunkstrecke der Polizei muss noch berücksichtigt werden. Neben Gammertingen fallen auch Neufra, Hettingen und Veringenstadt in die Suchräume. „Es ist klar, dass wir einen überproportionalen Beitrag leisten sollen“, sagte Schmidt.

In Gesprächen mit den Regionalplanern habe der Gemeindeverwaltungsverband darauf hingewiesen, dass die Kommunen mit der Verteilung der Suchraumflächen nicht glücklich seien. Die Dichte der Suchräume ist besonders stark ersichtlich, wenn neben der Planung des Regionalverbands Bodensee-Oberschwaben die Flächen der angrenzenden Verbände Donau-Iller sowie Neckar-Alb berücksichtigt werden.

„Verstehe ich das richtig, dass wir von Windrädern eingekreist werden?“, fragte ein Bürger nach. Die Regionalverbände, so Schmidt, hätten sich darauf geeinigt, wenn möglich Flächen für Windräder an den Verbandsgrenzen zu konzentrieren, wenn sich diese dafür eignen.

Die Kommunen gehen dem Konflikt aus dem Weg.

Matthias Gulde

„Eigentlich ist das ein Widerspruch“, sagte Ortsvorsteher Matthias Gulde. „Bloß weit weg, nur nicht bei uns. Die Kommunen gehen dem Konflikt aus dem Weg.“ Schmidt hat von Verbandsdirektor Wolfgang Heine erfahren, dass keine Ortschaft von Windrädern eingekreist werden soll.

Wie genau das umgesetzt werden soll, sei aber noch nicht klar. „Das wird wohl eine juristische Definition sein, vor allem wie dicht die Windräder an einem Ort sein müssen, damit das gilt“, sagte er.

Kettenacker Bürger wollen aktiv gegen die Windradplanung vorgehen

Noch vor dem 10. Januar, wenn in Sigmaringen die Regionalplanung der Öffentlichkeit präsentiert wird, wollen sich die Kettenacker Bürger an den Verband wenden, um Daten und Gutachten zur Population des Rotmilans, Grundwasser und Bodenanalysen einzureichen.

Diese sollen zeigen, dass sich die Alb nicht als Standort für Windräder eignet. Gulde schlug deshalb vor, dass die Bürger Informationen zusammentragen sollen, die Bürgermeister Schmidt an den Verband weiterreichen soll. „Wir sind rundum betroffen, deshalb müssen wir die Pläne zu einem allgemeinem Thema machen. Wir müssen die Masse hinter uns kriegen, denn es betrifft uns alle. Nicht nur Kettenacker, auch Gammertingen soll sich einbringen“, so Gulde.

„Wir müssen schauen, welche substanziellen Gründe wir hier haben, um gegen die Planung vorzugehen“, sagte Schmidt. Viele Handlungsspielräume in der Planung habe die Gemeinde nicht. Schmidt versucht aber, Verbandsdirektor Wolfgang Heine noch vor der Veröffentlichung der Regionalplanung für ein Gespräch auf die Alb zu holen.

Das sind die rechtlichen Vorgaben

Rechtliche Grundlage für die Regionalplanung sind mehrere Gesetze: das Erneuerbare Energie Gesetz, Wind-an-Land-Gesetz und das Klimaschutzgesetz. Jeder Regionalverband in Baden-Württemberg muss bis 2025 1,8 Prozent seiner Fläche für Windkraft und 0,2 Prozent für Freiflächen-PV-Anlagen bereitstellen.

Dafür wurden in einem ersten Schritt Suchraumkarten erstellt, in denen potenziell geeignete Flächen markiert sind. Bereits hier mussten bei der Auswahl mehrere Kriterien erfüllt werden. So wurden unter anderem Siedlungs- und Naturschutzgebiete ausgeschlossen.

2024 sollen Entwürfe für Vorranggebiete für Windkraftanlagen und Vorbehaltsgebiete für Freiflächen-PV entstehen. Zu diesem Zeitpunkt können Kommunen, aber auch Organisationen oder Privatpersonen Einspruch gegen die Planung einreichen. 2025 sollen dann Beschlüsse fallen.

Die ausgezeichneten Vorbehaltsgebiete für Freiflächen-PV-Anlagen sind für eine Kommune nicht rechtlich bindend im Vergleich zu den Windkraftflächen. Kann der Regionalverband 2025 keine 1,8 Prozent für Windräder stellen, könnten theoretisch überall Windräder gebaut werden.