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Arbeit mit Worten

Diese Frau startet Mitte 50 noch in eine neue Karriere

Hausen im Tal / Lesedauer: 3 min

Susanne Lermer erkrankte an Brustkrebs. Das ließ sie vieles überdenken – auch ihren Job. Jetzt hat sie einen, der sowohl mit Hochzeiten als auch Trauer zu tun hat. 
Veröffentlicht:15.05.2023, 17:00

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Es war genug: Viele Jahre hat Susanne Lermer im Hintergrund gestanden, als Frau eines Firmenchefs und Mutter. Dann erkrankte sie an Brustkrebs, das Paar trennte sich schließlich und Lermer musste sich mehr mit sich selbst beschäftigen.

Das Ergebnis: Die 56–Jährige ließ sich als Trauerrednerin ausbilden, bietet inzwischen mit ihrem Lebensgefährten Andi Musen als „Silbenband“ auch freie Trauungen an. „Ich war so lange Backstage, habe alles gegeben und nichts davon gesehen. Jetzt gehe ich aus meiner Komfortzone raus“, sagt sie.

Erkrankung ändert Sicht aufs Leben

Auf die Idee gekommen sei sie durch ihren Lebensgefährten. „Er hat eine starke Präsenz und bietet das auch schon an“, erzählt sie. Für ihn sei sie auf eine Ausbildung gestoßen und habe schließlich selbst Blut geleckt, nachdem sie das Fabrikle im Donautal, die frühere Halle der Firma ihres Mannes, immer wieder für Hochzeiten vermietet.

Darüber hinaus habe auch die Krebserkrankung ihre Denkweise verändert und den Weg in Richtung neue Karriere geebnet. „Ich will mich nicht mehr mit Äußerlichkeiten beschäftigen, sondern wesentlicher, feinsinniger sein und mehr auf der emotionalen Ebene agieren“, sagt sie.

Das unterscheidet Trau– und Trauerrede

Die erste Rede bei einer solchen Feier hielt sie im August vergangenes Jahr bei einer Hochzeit im Fabrikle, damals noch kostenlos, um Übung zu bekommen. Es folgten weitere, auch in diesem Jahr sind vier geplant.

Die Menschen wollen, wie sie sind, wahrgenommen werden.

Susanne Lermer

Sie seien auf andere Art anspruchsvoll als Trauerreden: „Die Paare fordern mehr als die Angehörigen von Verstorbenen, das macht mehr Druck“, sagt sie. Auch die Vorbereitung beanspruche mehr Zeit. Was beide Arten der Rede gemein haben: Sie schaffen einen Raum. „Die Menschen wollen, wie sie sind, wahrgenommen werden“, sagt Lermer.

Aufregung bei den ersten Reden

Das für Verstorbene zu tun, ehre sie besonders und erfreue sie auch. Die erste Trauerrede hielt sie für eine Bekannte aus dem Dorf, was ihr viel bedeutet habe. Auch die Beerdigung eines Mannes, der sich das Leben genommen hat, hat Lermer begleitet, sei aufgeregt gewesen, erinnert sie sich.

Doch neben dem Sarg, trotz der 200 Menschen vor sich, habe sie eine tiefe Ruhe gespürt. „Ich fühle mich in diesen Momenten begleitet“, sagt sie. Dabei gehe es ihr nicht darum, den bloßen Lebenslauf herunterzubeten, sondern das Wesen des Verstorbenen zu erfassen, auch mit seinen schlechten oder vielleicht witzigen Eigenschaften und Momenten.

Notizbuch als einziges Utensil

Was sie von ihren Gesprächspartnern erzählt bekommt, schreibt sie in ihr Notizbuch, die einzige Ausrüstung, die sie zu den Vorab–Gesprächen mitnimmt. „Es ist wie ein Schatz“, sagt Lermer, denn darin stehen die Geschichten der Menschen.

Obwohl sie zuvor nie „Schreiberin“ war, falle es ihr leicht, sich morgens im Nachthemd mit einer Kerze hinzusetzen und diese Geschichten in eine Rede zu gießen. „Es steckt darin so viel Leben, Liebe und Tod“, sagt sie, und genau das wolle sie aufgreifen und weitergeben, gerade nach allem, was sie selbst erlebt hat: „Ich habe einen immensen Lebenshunger in mir und eine große Menschenliebe.“

Die wolle sie womöglich bald bei Kinderwillkommensfeiern anbieten — oder bei Scheidungspartys, sagt sie schmunzelnd. Auch das könne gefeiert werden, sofern sich beide Parteien noch gut verstehen. Letztlich, diesen Eindruck vermittelt Lermer, gehe es genau darum: das Leben zu feiern — und mit Worten den passenden Rahmen zu schaffen.