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Luftangriff

Jungnauer erinnern sich an Luftangriff

Jungnau / Lesedauer: 3 min

Landesbahnkenner Botho Walldorf archiviert das Material zum Ereignis von 1945
Veröffentlicht:23.08.2013, 18:25

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„Er sagte: Bub, wenn nur die Wagen nicht wären, dann wäre mir wohler“, erinnert sich Friedrich Baur aus Jungnau. Es war der 27. Februar 1945, als der kleine Friedrich Baur seinen Opa Kreutzer besuchte, der damals ein sogenannter „Bahnagent“ beim Jungnauer Bahnhof war. „Wir haben vermutet, dass dies Munitionswagen waren“, sagt Toni Piontek bei einem gemeinsamen Treffen mit Friedrich Baur und dem Landesbahnkenner Botho Walldorf im Gasthaus Traube in Jungnau.

Opa Kreutzer schickte aufgrund seines unguten Gefühls seinen Enkel Friedrich am 27. Februar nach Hause. Nach den Erinnerungen von Friedrich Baur standen die Wagen zuvor am Bahnhof Hanfertal, wo es bereits ebenfalls einen Angriff gegeben haben soll. „Dann hat es plötzlich gekracht. Wir sind alle in die Waschküche und dann fiel die Giebelseite meines Elternhauses herab“, sagt Friedrich Baur, der damals ein kleiner Junge war. Was er noch nicht ahnen konnte – es gab einen Luftangriff der einen voll besetzten Zug beim Jungnauer Bahnhof traf.

Aus dem Tagebuch der Bahnbetriebswerkstätte Gammertingen geht hervor, dass hierbei die Personenwagen Nr. 10, 11 und 40 total zerstört wurden. 27 Tote und acht Schwerverletzte gab es zu beklagen. Auch Friedrich Baurs Opa wurde schwer verletzt zum elterlichen Haus gebracht. Bevor sein Opa seinen Verletzungen erlag sagte er zu seinem Enkel Friedrich: „Tu mich immer auf dem Friedhof besuchen.“

„Ich war damals in der ersten Klasse, als der Alarm ging und wir mussten alle in den Schulkeller“, sagt Toni Piontek und erzählt weiter, dass ihre Mutter sie in Tränen abholte. Als Kind habe sie den Flugzeugen zugewinkt – nach dem Fliegerangriff traute sie sich hingegen nicht mehr auf die Straße, vor Angst vor neuen Angriffen. Weil die Telefone nicht mehr funktionierten, mussten die Jungnauer mit den Folgen des Luftangriffs alleine fertig werden. Da die Männer alle im Krieg waren, mussten Kinder und ältere Männer die Toten bergen. Auf Leiterwagen wurden die Toten ins Feuerwehrgerätemagazin zur Identifizierung gebracht. Unter den Toten waren unter anderem Oberschüler aus Gammertingen sowie die Tochter des Bürgermeisters aus Inneringen Narzissa Fritz (1925 bis 1945). An diesem Tag wurde sie nach Sigmaringen geschickt, um Lebensmittelmarken auf dem Kreiswirtschaftsamt zu holen. Sie konnte später nur noch aufgrund ihrer Gürtelschnalle identifiziert werden.

Auch der damalige Lokheizer Sebastian Reichle war unter den Opfern. Sein Sohn Karl (1922 bis 2001), war über 50 Jahre (1936 bis 1986) bei der Landesbahn. Er kam als Lokführer oft mit der Dampflok Nr. 15 an dem Bahnübergang in Jungnau vorbei, wo sein Vater den gewaltsamen Tod gefunden hatte. Anlässlich des 50. Gedenktags des Angriffs enthüllte man am 5. März 1995 beim Bahnübergang einen Gedenkstein.