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Musterung

Fälscher "rekrutieren" für Afghanistan

Gammertingen / Lesedauer: 3 min

Fälscher "rekrutieren" für Afghanistan
Veröffentlicht:06.08.2010, 18:50

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Anti-Bundeswehr-Aktivisten haben in Gammertingen mit einem gefälschten amtlichen Schreiben für Verwirrung und Aufregung gesorgt. Der Brief fordert Gammertinger Bürger auf, sich zur Musterung zu melden, um elf gefallene Bundeswehrsoldaten in Afghanistan zu ersetzen.

Hintergrund der Aktion ist die Übernahme einer Patenschaft für eine Sigmaringer Bundeswehrkompanie durch die Stadt Gammertingen, die von pazifistischen Kreisen als Förderung des Militarismus und Unterstützung des Krieges in Afghanistan bezeichnet wurde (die SZ berichtete).

In den Briefkästen zahlreicher Privatpersonen und Firmen lag am Donnerstagmorgen ein Brief, der den Eindruck eines amtlichen Schreibens der Stadt Gammertingen erweckte. Der oder die Verfasser des Schreibens hatten den Briefkopf der Stadt Gammertingen verwendet und die gescannte Unterschrift von Bürgermeister Holger Jerg unter den Text gesetzt.

Dem Schreiben zufolge sollen sich Gammertinger Bürger im Rathaus der Stadt zur Musterung einfinden, um diese Einheit personell zu unterstützen: „Die elf Tauglichsten der Gemusterten werden unverzüglich zu einer Schnellausbildung in die Sigmaringer Kaserne einberufen und Anfang des Jahres 2011 nach Afghanistan aufbrechen.“ Der Brief endet mit der Androhung „polizeilicher Maßnahmen“, sofern man „dieser Anordnung innerhalb von 14 Tagen nicht unaufgefordert nachkommt.“

Die Stadt Gammertingen ist, wie zahlreiche andere Gemeinden in Deutschland, eine Patenschaft mit einer Bundeswehreinheit eingegangen. Hierzu gab es in den zurückliegenden Wochen in „offenen Briefen“, im Internet und im Amtsblatt der Stadt Gammertingen kontroverse Diskussionsbeiträge.

Urkundenfälschung

Bürgermeister Jerg hat nach Bekanntwerden des Schreibens noch am Donnerstag Strafanzeige wegen Amtsanmaßung und Urkundenfälschung gegen Unbekannt erstattet. Die Polizei in Gammertingen hat entsprechende Ermittlungen eingeleitet. Wer konkrete Hinweise zu den Verfassern oder Verteilern der gefälschten Schreiben geben kann, wird gebeten, sich mit der Polizei in Gammertingen unter Tel. (07574) 921687 in Verbindung zu setzen.

In einer Medien- und Internetkampagne rufen die Verantwortlichen des Lebenshaus Schwäbische Alb bereits seit einiger Zeit zu einer Unterschriftenaktion gegen die Fortführung dieser Patenschaft auf. Auch die Teilnahme von Soldaten der Patenkompanie, deren Familienangehörigen und Kindern an gemeindlichen Veranstaltungen, beispielsweise beim Gammertinger Stadtlauf, stehen in der Kritik durch das Lebenshaus; so wurde beispielsweise in einem Protestbrief an den Bataillionskommandeur das Mitwirken von Kindern eines Feldwebels am Stadtlauf im T-Shirt der Bundeswehreinheit als mögliche Verquickung „ Bundeswehr und Kindersoldaten“ gebrandmarkt.

Die Stadtverwaltung Gammertingen betont in einer Stellungnahme an die Presse, das Ansehen der Stadt und seiner Verantwortlichen werde durch den gefälschten Brief beschädigt. „Den Tätern geht es hierbei nicht mehr um eine einer Demokratie würdigen Meinungsäußerung, sondern vielmehr darum, kriminell zu handeln“, heißt es in dem Pressestatement der Stadt Gammertingen.

Viele Bürger haben sich im Laufe des Donnerstags empört an das Rathaus und die Polizei gewandt und die gefälschten Schriftstücke zur Spurensicherung abgeliefert. Für weitere sachdienliche Hinweise zu den Urhebern und den in der Nacht zum Donnerstag tätigen Austrägern dieser Schreiben hat die Stadt Gammertingen eine Belohnung in Höhe von 500 Euro ausgeschrieben.