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Holztür

300 Jahre altes Haus weicht dem Bagger

Gammertingen / Lesedauer: 2 min

Eine Holztür, ein paar Säcke mit Bauschutt, ein riesiger Haufen Steine – mehr ist vom ehemaligen Bauernhaus mit der Nummer 16 an der Lindenstraße nicht mehr zu sehen.
Veröffentlicht:05.03.2018, 17:21

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Eine Holztür, ein paar Säcke mit Bauschutt, ein riesiger Haufen Steine – mehr ist vom ehemaligen Bauernhaus mit der Nummer 16 an der Lindenstraße nicht mehr zu sehen. Mit dem Abbruch des Hauses verliert die Stadt Gammertingen das zweitletzte Gebäude, das nahezu vollständig aus Kalkbruchstein und Fachwerk errichtet worden war. Und dennoch findet eine mehr als 250-jährige Familientradition ihre Fortsetzung.

Mit der Geschichte des Bauernhauses bestens vertraut ist Heimatkundler Botho Walldorf aus Wannweil. Um das Jahr 1750 habe das Gebäude dem Stricker Jakob Stehle gehört, berichtet er. Eine weitere Bewohnerin sei Anna Steinhart gewesen, die von 1894 bis 1978 lebte. Eine Tafel im Bauernhaus erinnerte an ihre erste heilige Kommunion am 7. April 1907 in der Pfarrkirche in Hettingen. „Auch ihr Grabstein und der ihres um 1955 in der Lauchert verunglückten Enkels Eugen Stehle lehnten an einer Wand“, erzählt Botho Walldorf. Ebenfalls erhalten: eine Speistafel des Landwirts Josef Stehle (1916 – 1999), ausgestellt 1927.

Im Staatsarchiv in Sigmaringen befinden sich eine Zeichnung von Josef Bader aus dem Jahr 1930 und eine Schilderung, die an den Betrieb eines Göppelwerks erinnern. „1968 war noch Leben im Viehstall, wo Arbeitspferde, Kühe, Hühner und Enten gehalten wurden“, sagt der Heimatkundler. „Davor befand sich eine große Dunglege mit Güllenpumpe – generationenlang etwas Alltägliches.“ Hinter dem Haus: mehrere Gärten am Bach, die die Nutzung des Geländes als Baugrundstück heute als schwierig erweisen.

„Was es heute in den umliegenden Bauernmuseen anzuschauen gibt, hat es alles auch einmal in Gammertingen gegeben“, sagt Botho Walldorf. Doch seit Josef Stehle 1999 starb, stand der so traditionsreiche Altbau an der Lindenstraße leer – bis sich Nachkomme Tobias Stehle (Jahrgang 1980) ein Herz fasste und die Abrissbagger anrollen ließ. Nicht etwa, um die Familientradition auszulöschen, sondern um sie fortzuführen.

Im Laufe dieses Jahres will Tobias Stehle das ehemalige Bauernhaus durch einen Neubau ersetzen, dort, wo bald auch die Holztür, die Säcke mit Bauschutt und der Haufen mit den Steinen verschwunden sein wird.

„So wird auch die nächste Generation dort ein Stehle sein“, sagt Botho Walldorf. Das Besondere daran sei, dass sich das Bauernhaus fast 300 Jahre lang in Besitz der Familie befunden habe – und das diese Geschichte nun eine Fortsetzung finde. „Das ist etwas Einmaliges.“