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Zeitzeugenberichte als Grundlage

Theaterstück führt Folgen des Terrors vor Augen

Bad Saulgau / Lesedauer: 4 min

Schüler entwickeln aus den Berichten von Zeitzeugen Szenen über den Zweiten Weltkrieg. Warum dabei schon Tränen geflossen sind und wann die Premiere stattfindet.
Veröffentlicht:08.05.2023, 05:00

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Vor zwei Jahren haben die in Holland lebende Bad Saulgauerin Conny Scheck sowie Stadtarchivarin Mary Gelder ein Projekt angestoßen, das sich an Seniorinnen und Senioren aus Bad Saulgau und Umgebung wandte, die noch den Zweiten Weltkrieg erlebt hatten. Sie baten die Zeitzeugen darum, ihre Erinnerungen zu erzählen und aufzuschreiben. Diese ganz persönlichen Erlebnisse und Schicksale sollten zu einem Buch zusammengefasst werden, um sie für die Nachwelt zu bewahren.

Warum zu den Büchern noch ein Theaterstück?

War man ursprünglich von einem einzigen Band ausgegangen, so entwickelte sich das Projekt infolge der überwältigenden Resonanz zu einer 888 Seiten starken Trilogie. Parallel dazu stiegen die Kosten, und nicht wenige Beobachter des Projekts prophezeiten dessen Scheitern. Doch dank vieler Spenden und einer zugesagten Finanzspritze des Leader–Programms, das Aktionen im ländlichen Raum unterstützt, steht auch das letzte der drei Bücher vor der Fertigstellung.

Vorgaben von Leader

Da Leader die Förderung des Projekts mit bestimmten Vorgaben verknüpft, haben die Mitglieder des Arbeitskreises SLG — Spuren lebendig gemacht — verschiedene Ideen zu deren Umsetzung erarbeitet. Dazu gehört die Entwicklung eines Theaterstücks, das eindringlich für den Frieden wirbt. Indem es Geschehnisse aus den Zeugenberichten aufgreift, führt es dem Publikum, ebenso wie den Schauspielerinnen und Schauspielern, die Folgen von Terror und Gewalt hautnah vor Augen.

Diese Schulen sind dabei

Die Inszenierung liegt in den Händen von Michael Skuppin. Der erfahrene Regisseur und Dramaturg großer Open–Air–Aufführungen hat ein Konzept vorgelegt, wie Bad Saulgauer Schulen, darunter die Hummelschule, der Schulverbund, das Gymnasium, die Jugendkunstschule und die Film–AG des Schülerforschungszentrum bei der Erarbeitung des Stücks zusammenwirken können. Dabei war es Skuppin wichtig, dass die jeweiligen Theatergruppen sich für ganz bestimmte Szenen und Bilder aus den „Geschichten hinter der Geschichte“ entschieden haben.

So gehen die Gruppen vor

Vorschläge, die dem Alter der Mitwirkenden entsprechen, hatte Skuppin bereits im vergangenen Herbst überbracht. Seither geht es für die Schüler darum, in die Gefühlswelt der Menschen aus den Geschichten einzutauchen, daraus spontan kurze Texte zu entwickeln und das Ganze szenisch umzusetzen. Inzwischen gelingt die Identifikation mit der Rolle so intensiv, dass Tränen bereits flossen.

Szenen kommen mit wenig Text aus

Ein Skript mit vorgegeben Texten, die auswendig gelernt werden müssten, gibt es nicht. Skuppin wünscht sich, dass die Theatergruppen eigene starke Bilder kreieren, die für sich sprechen und mit einem Minimum an Text auskommen. Auf diese Weise entstehen viele kurze Szenen, die sich schließlich zu einem grandiosen Bilderbogen addieren. Dabei spielt das Bühnenbild eine gewichtige Rolle. Herkömmliche Kulissen sind Fehlanzeige, an deren Stelle kommen Videos und Filme zum Einsatz. Zur Herstellung eines solchen „Hintergrundbebilderungsdrehbuchs“ hat sich die Film–AG des Schülerforschungszentrums bereiterklärt.

Mütter setzen sich an Nähmaschinen

Die Theatergruppen entscheiden auch über die Art und die Beschaffung der Kostüme, die der damaligen Zeit entsprechen, etwa Lederhosen für die Buben, Hängekleidchen und Schürzen für die Mädchen. Manche Mütter sitzen bereits an der Nähmaschine und fertigen Fehlendes, das nicht aus irgend einem Fundus auftaucht.

Stoffbälle für Völkerball

Als wichtige Nebenprodukte sind beispielsweise originalgroße Stoffbälle entstanden, mit denen Kinderspiele wie Völkerball ohne Verletzungsfolgen über die Bühne gehen. Typische Haartrachten sind ebenfalls ein Thema. Gerne üben die Mädchen einer Kindergruppe, wie man sich gegenseitig Zöpfchen flicht oder „Rattenschwänzle“ bindet.

Viele Bilder werden zu großem Ganzen

Nachdem die Buchvorstellung und die Aufführung des Theaterstücks auf den 25. Mai terminiert sind, hat Michael Skuppin erreicht, dass die Bühne der Stadthalle den einzelnen Gruppen über die ganze vorhergehende Woche zur Verfügung steht. Dann liegt ein letzter großer Kraftakt vor allen Beteiligten. Jetzt gilt es, die einzelnen Bilder zu einem umfassenden Ganzen zusammenzuschweißen. Gänsehautfeeling darf schon jetzt erwartet werden. Dazu tiefes Einfühlen in die Situation von Menschen, die Gewalt erfahren und aktuell in Kriegsgebieten leben. Und Dankbarkeit für bald 80 Jahre, die unsere Land ohne Krieg erlebt hat.

Die Termine

Die Vorstellung der Buchtrilogie „Aus dem Grau der Kriegszeit — Geschichten hinter der Geschichte“ findet am Donnerstag, 25. Mai, um 17.30 Uhr in der Stadthalle Bad Saulgau statt. Um 19 Uhr beginnt am gleichen Ort die Theateraufführung der Bad Saulgauer Schulen. Die Ausstellung „Kunst trifft Geschichten“ wird in der Holzmühle am Freitag, 26. Mai, um 18 Uhr eröffnet und dauert bis zum Sonntag, 28. Mai.