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Bad Saulgau

Den „Geschichten hinter der Geschichte“ einen Ort geben

Bad Saulgau / Lesedauer: 3 min

Der aktuell in den Medien vielfach thematisierte Begriff Erinnerungskultur befasst sich mit Geschehnissen vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Seit Conny Scheck das Projekt „Geschichten hinter der Geschichte“ angestoßen und Zeitzeugen aus dem Raum Bad Saulgau um ihre Kriegserinnerungen gebeten hat, ist das Thema auch in der Stadt angekommen.
Veröffentlicht:21.06.2023, 14:54

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Der aktuell in den Medien vielfach thematisierte Begriff Erinnerungskultur befasst sich mit Geschehnissen vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Seit Conny Scheck das Projekt „Geschichten hinter der Geschichte“ angestoßen und Zeitzeugen aus dem Raum Bad Saulgau um ihre Kriegserinnerungen gebeten hat, ist das Thema auch in der Stadt angekommen. Zu der 888–seitigen Buchtrilogie, einem daraus entstandenen Theaterstück und einer entsprechenden Kunstausstellung gesellt sich jetzt ein Stadtspaziergang, der zu markanten Orten aus Bad Saulgaus NS–Vergangenheit führt. Konzipiert hat ihn der unter anderem als Stadtbarde bekannte Michael Skuppin in Zusammenarbeit mit Archivarin Mary Gelder.

Den Auftakt machte das Bild des Malers Otto Dix in der Johanneskirche. Es zeigt zwei Schergen — einer davon mit Schildmütze im Stile Hitlers — die mit hassverzerrten Gesichtern auf einen blutverschmierten Christus einprügeln. Den nächsten Halt gab es nach wenigen Schritten auf dem Marktplatz. Wo sich heute Menschen in Cafés treffen, führte einst die Bundesstraße 32 am 1977 abgebrochenen Rathaus vorbei. Mit dem früheren Café Eberhard sowie dem Eckhaus Kirchplatz / Hauptstraße oder der frühere Mälzerei Bilgram verbinden sich Schicksale entrechteter jüdischer Bürger. Das 1656 als Schule erbaute Fachwerkhaus Ecke Bach-/Kasernenstraße ist als das „Braune Haus“ bekannt und war als Gerichtsort gefürchtet. Dorthin wurde auch Hildegard Ströbele zitiert, eine Frau, die den Sarg des am Haidener Stöckle erschossenen amerikanischen Piloten mit Rosen schmückte „wie es eine Mutter getan hätte“. Ihr Vergehen: Sie wurde wegen Sympathisierung mit dem Feind angeklagt.

Die oft willkürlich verhängten Strafen mussten die Betroffenen im Gefängnis an der Kaiserstraße absitzen. Während der Besatzungszeit wurde ein halbes Dutzend junger Burschen dort eingesperrt, die als Geiseln dienten. Hätte die Bevölkerung sich nicht an die von der französischen Kommandantur ausgegebenen Verhaltensregeln gehalten, so wären die Jungen erschossen worden. Der Saulgauer Bahnhof war einerseits Schauplatz der Ankunft von Umsiedlern aus der rumänischen Bukowina, die das Lager im geräumten Kloster Sießen belegten. Zum andern kamen dort Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene an, die ins Außenlager des KZ Dachau auf dem Gelände der heutigen Firma Claas getrieben wurden. Als bevorzugtes Wohngebiet galt die Schulstraße mit ihren Villen, die nach Kriegsende reihenweise für Mitglieder der französischen Kommandantur requiriert wurden. Traurige Berühmtheit erlangte die Straße durch das Schicksal zweier Buben, die herumliegende Munition untersuchten. Als diese explodierte, wurde einer der Jungen getötet, der andere überlebte schwer verletzt.

Auch der berüchtigte Arzt Dr. Waizenegger besaß dort ein Haus. Er lieferte behinderte Kinder an die Nazis aus und setzte ein Berufsverbot für die „Schwaaz Hebamm“ Sophie Gebhart durch. Sie hatte sich geweigert, behindert geborene Babys zu melden, was ihr Abrutschen ins soziale und finanzielle Abseits zur Folge hatte. Bemerkenswert ist auch die Geschichte des früheren Aufbaugymnasiums, im Volksmund als LOS bekannt. Im 19. Jahrhundert als Lehrerseminar gegründet, wurde es früh zur Aspiranten– und Präparandenschule, die Volksschullehrer ausbildete und schließlich zur nationalsozialistischen Aufbauschule. Dort wollte man Nachwuchs für die SS gewinnen. Überdies gab es einen Luftschutzkeller, an den sich manche Senioren gut erinnern. Noch während der französischen Besatzung wurden die beiden Gebäude als Lazarett für verletzte Soldaten genutzt.