Nachsorgeklinik

Nachsorgeklinik Tannheim atmet auf: Truppenübungsplatz wird nicht erweitert

Villingen-Schwenningen / Lesedauer: 5 min

Bundeswehr wird das nahe gelegene Übungsgelände nun doch nicht erweitern
Veröffentlicht:13.07.2021, 16:35
Aktualisiert:14.07.2021, 10:14

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Die Erleichterung ist riesig. Nachdem die Bundeswehr von den Plänen zur Erweiterung des Standortübungsplatzes abgesehen hat, freut man sich nicht nur in der Nachsorgeklinik Tannheim . Auch in Brigachtal, Tannheim und vielen Umlandgemeinden wird ein erleichtertes Seufzen vernehmbar sein.

Die Region war in Aufruhr, seitdem bekannt geworden war, dass die Bundeswehr den Standortübungsplatz – grob zwischen Donaueschingen, Brigachtal und Tannheim gelegen – maßgeblich erweitern möchte. Die Pläne gruben tiefe Sorgenfalten in die Stirn vieler Verantwortlicher. Einer von ihnen sitzt in der Chefetage der Nachsorgeklinik Tannheim: Roland Wehrle . Als Stiftungsvorstand wandte er sich direkt nach Bekanntwerden der Pläne per Brief an Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer – er war in Sorge um das Wohl der kleinen Patienten der Klinik und ihrer Familien, die doch gerade des ruhigen, geschützten Umfelds der Einrichtung für Erholung und Genesung nach einer schlimmen Krebs-, Mukoviszidose- oder Herzerkrankung so dringend bedürfen.

Vielfach schalteten sich die Politiker der Region in Landes- und Bundesgremien ein. Dabei war es für viele ein schwieriger Prozess, die Waage zu halten zwischen der Notwendigkeit solcher Einrichtungen und den Übungsmöglichkeiten für die Soldaten. Die Sicherheit des Landes auf der einen, das Eintreten für sensible Einrichtungen wie der Nachsorgeklinik auf der anderen Seite.

Trotzdem: Die Debatte wurde in der Region mit Herzblut geführt. Die Klinik-Chefs wirbelten nach Kräften in ihrem Interesse gegen die Bundeswehrpläne, machten Öffentlichkeitsarbeit und luden beispielsweise sogar den Generalinspekteur der Bundeswehr, Eberhard Zorn, zu einem dreistündigen Rundgang durch die Nachsorgeklinik ein, um ihn zu sensibilisieren. Fast alle Gremien der Ortschafts- und Gemeinderäte in Villingen-Schwenningen, Donaueschingen und Brigachtal widmeten sich in stundenlangen Debatten und Fürsprachen dem Thema. Die Deutsche Krebshilfe, der Bundesverband Mukoviszidose, die Deutsche Herzstiftung, alle hielten zusammen. Und das bis hinunter zum kleinen Glied: Von einem Patienten der Tannheimer Nachsorgeklinik war sogar eine Petition gestartet worden gegen die Bundeswehrpläne – das erforderliche Quorum von 50 000 Unterschriften wurde scheinbar spielend erreicht, man landete bei rund 68 000 Menschen, die bis zum Frühjahr mit ihrer Unterschrift ihren deutlichen Protest ausgedrückt hatten.

Ob es der öffentliche Druck und die so deutlich geführte Debatte waren, die dazu führten, dass der CDU-Bundestagsabgeordnete Thorsten Frei am Dienstag nun mit einer positiven Botschaft aufwarten durfte? So oder so, es war die Nachricht des Tages: „Die Bundeswehr verzichtet auf Ausweitung der Übungsflächen im Weißwald und auf dem Ochsenberg.“ Und glaubt man Frei, waren es die Argumente der Region, die Gehör gefunden haben. „Nachdem ich in der letzten Woche noch einmal intensiv mit unserer Bundesverteidigungsministerin über die Pläne der Bundeswehr in der Region gesprochen habe, hat sie mich informiert, dass die Pläne zur Ausweitung des Standortübungsplatzes für die Donaueschinger Jäger nicht weiter verfolgt werden. Weißwald und Ochsenberg werden somit keine neuen Übungsflächen für die Bundeswehr. Damit trägt die Bundeswehr den berechtigten Interessen der Anwohner Rechnung.“

In der Geschäftsführung der Klinik erkennt man sich in dieser Einschätzung wieder und richtet zufrieden einen Blick auf die selbst gestarteten Initiativen, allen voran den Besuch des Generalinspekteurs Zorn. Sie glauben, so Thomas Müller, die eigentliche Entscheidung sei bei Zorns Besuch gefallen. Er habe sich „mit großer Empathie“, so Wehrle, den Kindern zugewandt. „Es war wirklich eine Freude, ihn so zu sehen! Vielleicht, so Wehrle augenzwinkernd, „hat dazu auch beigetragen, dass er vier Wochen vorher selbst Opi geworden ist.“

Momente der Hoffnungslosigkeit, ob der Groß-Institution Bundeswehr, mit der man es plötzlich hat aufnehmen müssen, gab es dennoch zuhauf – zuletzt sogar noch zu Beginn dieser Woche. Die Bundeswehr hatte im Pfaffental nicht nur die modernste, sondern mit 25 Millionen Euro Invest wohl auch eine der teuersten Schießanlagen in Betrieb genommen. Dass das Jägerbataillon Donaueschingen damit in den Fokus rückte, irritierte die sonst zuletzt hoffnungsvollen Klinikchefs dann doch. „Wir hatten richtig Angst“, gibt Wehrle offen zu, schließlich hätten viele, bei denen sie vorsprachen, zwar Verständnis für die Sicht der Klinik geäußert, aber auch den Rückhalt für die Institution betont und Wert auf die Feststellung gelegt, dass es Widerstand wie wohl überall gegen solche Pläne geben würde.

Jetzt aber ist das Thema erst einmal vom Tisch. Die frohe Kunde brachte der CDU-Bundestagsabgeordnete Thorsten Frei per Telefon nach Tannheim. Er freue sich, „dass die vielen guten Argumente aus den angrenzenden Gemeinden und insbesondere von der Nachsorgeklinik Tannheim Gehör gefunden haben“, sagt der Abgeordnete. Annegret Kramp-Karrenbauer habe die Angelegenheit unter Einsetzung des Generalinspekteurs zur Chef-Sache erklärt. „Sie hat für die Haltung der Region im mehrfachen persönlichen Austausch großes Verständnis gezeigt und von Anfang an betont, dass es ein ergebnisoffener Prozess werden wird, in dem alle Argumente für und wider sorgsam abgewogen werden.“

Dialog also zahle sich aus – aber, so Frei, klipp und klar: dazu gehöre auch, „dass es in Zukunft gelingt, dem Donaueschinger Jägerbataillon alternative Übungsmöglichkeiten in relativer Nähe anzubieten. Schließlich leistet die Bundeswehr einen unverzichtbaren Dienst für unser Land und die Sicherheit aller Menschen.“

Auch Villingen-Schwenningens OB Jürgen Roth reihte sich ein in den Jubel: „Eine sehr gute Nachricht zum Wochenanfang für Tannheim und Brigachtal, für die Patienten der Nachsorgeklinik und auch für mich als Oberbürgermeister. Das vielfältige Engagement auf verschiedensten politischen, persönlichen und öffentlichen Wegen für unsere regionalen Interessen hat Früchte getragen. Dafür gilt allen Beteiligten mein herzlicher Dank!“ Nicht minder aber schätze er die Institution Bundeswehr und den Einsatz der Soldaten. „Die Notwendigkeit von Übungsflächen steht deshalb außer Frage, und den Verantwortlichen wünsche ich gutes Gelingen bei der weiteren Standortsuche.“

Die Region also atmet kollektiv auf. Und in den besonders tiefen Seufzer aus Tannheim mischt sich ebenso tiefe Dankbarkeit: „Vielleicht können Sie das noch mit aufnehmen“, sagt Klinik-Geschäftsführer Thomas Müller, „dass wir allen, die uns unterstützt haben, sehr danken!“

Dieser Artikel erschien zuerst im Schwarzwälder Boten.