Chemikaliensensibilität

Wenn die Umwelt krank macht

Tuttlingen / Lesedauer: 3 min

Viele leiden unerkannt an Multipler Chemikaliensensibilität – Beschwerden sind zahlreich
Veröffentlicht:22.08.2017, 18:12
Aktualisiert:23.10.2019, 02:00

Von:
Artikel teilen:

Gudrun M. und Daniel S. leiden an Multipler Chemikaliensensibilität. Um sich gegenseitig zu unterstützen, hat sich vor knapp eineinhalb Jahren im Landkreis Tuttlingen die Selbsthilfegruppe „Umwelterkrankte“ gegründet.

Gerötete Augen, Hautprobleme, häufige Kopfschmerzen – so ging es Gudrun M. seit 2010. Sie ging zum Arzt, erst einmal, dann nochmal und nochmal. Aber vergeblich. Eine Diagnose konnte ihr der Arzt nicht stellen. Zwei Jahre später überkam sie beim Geruch von Autoabgasen ein Schwindelgefühl. „Mir brachen richtig die Beine weg“, erinnert sie sich. Kurz befürchtete sie, einen Herzinfarkt zu haben. „Ich hab mir nur gedacht ,Was passiert mit mir?’ Ich war richtig geflasht.“ Als sie dann im Internet nach den Schlagworten „Übelkeit bei Autoabgasen“ suchte, wurde sie schnell fündig. Alle ihre Symptome und Beschwerden passten zu MCS.

Menschen, die daran leiden, reagieren empfindlich auf Gerüche, Duftstoffe und Chemikalien. Und davon gibt es reichlich. Die Auswirkungen sind vielfältig. Kopfschmerzen, Magenprobleme, Hauterkrankungen, gereizte Schleimhäute. Für viele Betroffene wird durch die Krankheit der Alltag zu einer Tortur. Auch für Daniel S. „Alles wird beduftet, auch Müllbeutel. Alles ist künstlich.“ Er selbst kann nur bestimmte, ökologische Produkte benutzen. Legt er sich beispielsweise in ein Bett, dessen Bezug mit „normalem“ Waschmittel gewaschen wurde, kann er nicht schlafen, bekommt Ausschlag.

Doch bei ihm fing alles mit Magenproblemen an. Über vier, fünf Jahre konnte er fast nichts mehr essen. Schließlich wog der mittelgroße, heute 43-Jährige nur noch 58 Kilogramm. „Essen ging irgendwann gar nicht mehr.“ In einer Spezialklinik in Neukirchen wurde dann MCS diagnostiziert.

Eine offizielle Diagnose, die Gudrun M. noch fehlt. Denn MCS könne nur ein Umweltarzt stellen, doch die Kasse zahle das nicht. Das sei ein Problem, mit denen MCS Betroffene oft zu kämpfen hätten, erzählt sie. Ein anderes, dass es oftmals Jahre dauere, bis überhaupt die richtige Diagnose gestellt würde. Stattdessen würden Ärzte gerne behaupten, die Ursache der Beschwerden sei psychischer Natur. Das hat auch Daniel S. immer wieder gehört. Aber: „Ich konnte mich nicht noch mehr entspannen.“

Seine Ehe ist an den Folgen der Krankheit zu Bruch gegangen. Fast hätte er auch seinen Arbeitsplatz bei einer großen Firma in Tuttlingen verloren. Denn den Gerüchen, denen er dort ausgesetzt ist, machen ihn krank. Nur dank einer speziellen Atemschutzmaske kann er heute wieder arbeiten. Würde er damit auf die Straße gehen, wo sich Parfüm, Abgase und andere Gerüche vermischen, er hätte keine Probleme. „Doch wie würde das aussehen?“, fragt er. Einmal sei er mit seiner Familie in den Urlaub geflogen und habe sich vorher extra bei der Fluggesellschaft abgesichert, dass es in Ordnung sei, wenn er die Maske während des Flugs trage. In einen Stadtbus aber würde er damit nicht steigen.

Für Gudrun M. und Daniel S. bedeutet ihre Krankheit nicht nur, dass sie Beschwerden haben, wenn sie neue Klamotten kaufen oder in ein Konzert wollen, wo die Menschen hunderte von Gerüchen vermischen, sondern dass sie dadurch auch in die gesellschaftliche Isolation geraten. „Manchmal habe ich schon überlegt, in den Wald zu ziehen“, sagt Daniel S. „Wir sind einfach zu weit abgekommen von der Natur.“

Die Selbsthilfegruppe:

Name: Selbsthilfegruppe für Umwelterkrankte

Gründungsjahr: April 2016

Treffen: einmal im Monat (Termin nach Absprache)

Wo: Gruppenraum in der Fachstelle für Pflege und Senioren, wo auch die Selbsthilfekontaktstelle angegliedert ist (Gartenstr. 22 in Tuttlingen) oder privat nach Absprache

Mitglieder: aktuell fünf, Neuzugänge jederzeit möglich

Einzugsgebiet: Landkreis Tuttlingen

Kontakt: 0163 / 983 60 50