Integration

Kopftuchstreit an Tuttlinger Schule

Tuttlingen / Lesedauer: 4 min

Vater nimmt Tochter aus der Schule, weil Klassenlehrerin ein Kopftuch trägt
Veröffentlicht:27.09.2017, 17:21
Aktualisiert:23.10.2019, 01:00

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Gerade Grundschüler freuen sich, nach den Sommerferien in die Schule zu kommen. Endlich wieder die Freunde treffen, und die Lehrer sind noch richtige Bezugspersonen, zu denen man aufschaut. Für einen Vater lief der Schuljahresbeginn seiner Tochter nicht so wie gedacht: Die neue Klassenlehrerin der Siebenjährigen trug ein Kopftuch. Für ihn ist damit die gebotene religiöse Neutralität an Schulen verletzt.

Daraufhin wandte sich der Vater an die Schulleitung und das Staatliche Schulamt in Konstanz. Schließlich liege durch das Kopftuch „eine Verletzung der Grundrechte“ vor, wie er in einer E-Mail an die Redaktion schreibt. Die Schule habe ihm vielmehr sofort Unterlagen für einen Schulbezirkswechsel vorgelegt: „Die Schulleiterin ging auf unsere Bitte, unsere Tochter mit in eine Parallelklasse zu geben, erst gar nicht ein“, moniert er. Das Schulamt habe in einer Eilentscheidung einem Schulbezirkswechsel „innerhalb von 24 Stunden“ zugestimmt.

Für den Vater steht fest: „Eine staatliche Grundschule ist Pflicht, und unsere Kinder werden alleine durch derartige Darstellungen zwangsgeprägt. Alle dort angestellten Lehrkräfte haben Vorbildfunktion, auch für eine weitere Entwicklung unserer Kinder. Das ist nicht der Schauplatz, dass hier Lehrkräfte ihre Selbstverwirklichung sowie jegliche privaten Ambitionen ausleben können“, meint der Vater. An der Schrotenschule verstehe man die Gesetze nicht. Er schreibt, dass das Kopftuch in der Schule gegen geltendes Recht verstößt.

Kopftuch ist nach dem Gesetz in der Schule erlaubt

Allerdings ist dem nicht so: „Seit einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts im Jahr 2015, die sich auf die Vereinbarkeit der Kopftuchregelung im Schulgesetz Nordrhein-Westfalens mit dem Grundrecht auf Glaubens- und Bekenntnisfreiheit bezog, ist es Lehrerinnen auch in Baden-Württemberg nicht generell verwehrt, ein Kopftuch aus religiösen Gründen im Unterricht zu tragen“, heißt es aus dem Ministerium für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg auf Anfrage unserer Zeitung.

Laut des Schulgesetzes dürfen Lehrkräfte an öffentlichen Schulen keine politischen, religiösen, weltanschaulichen oder ähnliche äußere Bekundungen abgeben, „die geeignet sind, die Neutralität des Landes gegenüber Schülern und Eltern oder den politischen, religiösen oder weltanschaulichen Schulfrieden zu gefährden oder zu stören“. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2015 ist demnach ein Kopftuch nur im konkreten Einzelfall und nur bei einer konkreten Gefährdung des Schulfriedens, die aus dem Tragen des Kopftuchs hervorgeht, zu verbieten.

Auch daher weisen Schrotenschule und Schulamt, aber auch die Stadt Tuttlingen als Schulträgerin die Vorwürfe des Vaters zurück: „Es gibt keine Gefährdung des Schulfriedens“, sagt Rektorin Ute Scharre-Grüninger . Sie zeigt sich vielmehr darüber erfreut, dass besagte Lehrerin an die Schule gekommen sei. Schließlich ist die Lehrerversorgung an den Grundschulen in Tuttlingen derzeit nicht besonders üppig, immer wieder fallen Stunden aus. Die Lehrerin helfe, den Pflichtbereich der Schrotenschule abzudecken.

"Das ist der erste Fall"

Victor Schellinger vom Staatlichen Schulamt in Konstanz berichtet, dass seine Behörde die Einstellung der Lehrerin mit dem Regierungspräsidium in Freiburg erörtert und so toleriert habe: „Das ist bei uns der erste Fall, dass wir wegen eines Kopftuchs angeschrieben worden sind“, sagt er im Bezug auf die Situation an der Schrotenschule.

Für die Stadt Tuttlingen sei es vor allem wichtig, dass die Bemühungen in Sachen Integration nicht konterkariert werden: „Wir sind Schulträger und nicht fürs Personal zuständig. Wir gehen davon aus, dass an der Schule auf Deutsch unterrichtet wird. Es muss alles getan werden, was der Integration förderlich ist“, sagt Stadtsprecher Arno Specht.

Keine Ansprache auf Türkisch an die Schüler

Gerüchte hatte es in der Stadt gegeben, dass die Lehrerin, die zum Islam konvertiert ist, im Unterricht Schüler auf Türkisch angesprochen habe. Dem ist Ute Scharre-Grüninger nachgegangen – und sie weist diesen Vorwurf zurück: Die Lehrerin habe vielmehr ausdrücklich darauf hingewiesen, dass an der Schule Deutsch gesprochen werden soll.

Für den Vater der Zweitklässlerin, der mit einer türkischstämmigen Frau verheiratet ist, ist das alles indes nicht zufriedenstellend: „Wir leben nach westlichen Werten und ebenso erziehen wir auch unsere Tochter. Diese sind Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Gleichheit, Individualismus sowie Toleranz.“ Die Tochter geht inzwischen auf eine andere Schule.

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