Fahrzeitverlust

Abgehängt und abgespeist: Warum der Tuttlinger Kreistag Frust schiebt

Tuttlingen / Lesedauer: 3 min

Frust im Kreistag: Kommunalpolitik fühlt sich nicht gehört Frust im Kreistag: Kommunalpolitik fühlt sich nicht gehört
Veröffentlicht:01.08.2022, 05:00
Aktualisiert:01.08.2022, 12:12

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Der Kreistag stellt sich hinter die Forderung der Gäubahn-Gemeinden, eine „umstiegsfreie Lösung ohne weitere Fahrzeitverluste“ während der Bauphase des Pfaffensteigtunnels beizubehalten.

Das Gremium hat einstimmig eine entsprechende Resolution verabschiedet, die sich weitgehend mit ähnlichen Texten deckt, die der Regionalverband Schwarzwald-Baar-Heuberg und der Tuttlinger Gemeinderat kürzlich, ebenfalls jeweils einhellig, beschlossen haben. Alle Kommunen und Landkreise an der Bahnstrecke befürchten, über Jahre von der Landeshauptstadt abgekoppelt zu werden, wenn die bisherigen Pläne umgesetzt werden.

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Im Kreistag machte sich Tuttlingens OB Michael Beck (CDU-Fraktion) zum Fürsprecher der Erklärung – und sparte nicht an Kritik an Bund, Land und zumal der Stadt Stuttgart . Denn für ihn ist klar, dass es beileibe nicht nur um ein Verkehrsprojekt geht, sondern um einen Konflikt zwischen dem ländlichen Raum längs der Bahntrasse hier und der städtischen Region Stuttgart da. Und dass hinter der Stuttgarter Linie das Interesse an einem riesigen Immobilien-Vorhaben stehe: die Bebauung des gesamten Gleisvorfelds des jetzigen Haupt(Kopf-)bahnhofs, der auch das Gleis der Panoramabahn geopfert werden solle.

Stuttgarts OB ist wenig einsichtig

Erst vor wenigen Wochen hatte Beck einen Brief an Stuttgarts OB Frank Nopper geschrieben und auf die Anliegen der südlichen Gäubahn-Anlieger hingewiesen. Nopper hat auf das Schreiben schriftlich reagiert, lediglich am Rande eines Termins beim Städtetag ließ er Beck wissen, dass er, Nopper, „die Sache völlig anders sieht“ (Beck). Er deutete an, dass „hinter den Kulissen“ mit harten Bandagen gekämpft werde.

Auch Staatssekretär Michael Theurer , als Ex-OB von Horb mit dem Thema gut vertraut, hat Beck geschrieben – und das Tuttlinger Stadtoberhaupt ebenfalls wie schon Nopper verärgert. Theurer fordert zwar, dass die Unterbrechung der direkten Zufahrt vom Süden nach Stuttgart „möglichst kurz“ sein möge, wies aber vorsorglich auf Alternativen, quasi einen Schienenersatzverkehr, hin – Theurer habe das sinngemäß so ausgedrückt: „Es gibt ja auch Busse“, fasste Beck Theurers Brief kopfschüttelnd zusammen.

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Beck rechnet mit zehn bis 20 Jahren Unterbrechung

Dass der „Unterbruch“ tatsächlich kurz ausfällt – daran glaubt im Kreistag keiner. OB Beck erntete keinen Widerspruch, als er „zehn, fünfzehn, vielleicht zwanzig Jahre“ vorrechnete – „Sie kennen das doch von anderen Großprojekten!“ Er wies auch auf das andere Ende der Strecke, Singen – Zürich, hin, wo die Schweiz längst alle Verpflichtungen aus dem Staatsvertrag von 1996 erfüllt hat, im Gegensatz zu Deutschland.

Energisch wandte sich Beck, einmal in Fahrt, auch gegen den Vorschlag seines Amtskollegen Boris Palmer, die Gäubahn künftig über Tübingen fahren zu lassen. Damit zeigte sich Beck solidarisch mit Böblingen, das bei dieser Variante abgehängt werden würde – die derzeitigen Gäubahn-Kommunen ziehen da an einem Strang. Der Tuttlinger OB zeigte sich frustriert über die Benachteiligung einer ganze Region: „Wir im Süden werden nicht gehört!“ In die gleiche Kerbe schlug Hans-Martin Schwarz ( Tuttlingen , OGL): „Uns hat man immer versprochen, alles werde besser, stattdessen wird alles schlechter!“

Wurmlingens Bürgermeister Kurt Schellenberg ( CDU ) rechnete vor, dass es hier um mehr als 1,4 Millionen Menschen im Einzugsgebiet der Bahn gehe. Skeptisch zeigte sich Willy Walter (Trossingen, FDP), der eine Resolution für zu schwach hält und stattdessen ein Gespräch in Stuttgart anregte. Dem hielt Landrat Stefan Bär entgegen, dass man ganz aktuell in den vergangenen Wochen zahlreiche Gespräche geführt habe – „und da werden wir abgespeist.“

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